Ich habe diese seltsame Verbindung zu einer Frau namens Flore Celestine Thérèse Henriette Tristán y Moscoso (Flora Tristan). Erstmalig habe ich in meinem Werk „Die wahre Bedeutung der Kommunion – Kommunen als Modell zur spirituellen Weiterentwicklung“ aus gegebenem Anlass über sie geschrieben. Aber auch vorher haben sich schon interessante Parallelen zwischen uns aufgetan:

  • Wir beide haben am 7. April Geburtstag (1801/1998)
  • Wir beide heißen (offensichtlich) Tristan
  • Wir beide interessieren uns für Sozialismus und Frauenrecht
  • Uns beide verbindet die außergewöhnliche Leidenschaft für Peru (auch wenn ich noch nie da war, ich kann es mir kaum erklären)
  • Wir beide sind Schriftsteller (ihr erstes Buch veröffentlichte sie 1837, 37 ist eine Zahl zu der ich eine besondere Verbindung seit der Jugend pflege)
  • Wir beide sind gläubig
  • Die Beschreibungen ihres Charakters sind erstaunlich ähnlich zu meinem Charakter (ungestüm, häufig rational, wenn auch leidenschaftlich, ehrgeizig)

Ich möchte mich mit der Ähnlichkeit zu ihr in keiner Weise hervortun, sondern vielmehr aufzeigen, weshalb ihr Leben und Wirken mich so fasziniert: Ganz einfach, weil mich vieles von dem, was sie schreibt, berührt und ich mich in sie hineinversetzen kann. Und dafür kommen wir nun zu ihr.

Flora Tristan ist weitestgehend aus den deutschen Geschichtsbüchern verschwunden (falls sie je enthalten war), was dazu führt, dass die meisten Menschen sie nicht kennen. Da sie französisch-peruanischer Abstammung ist, ist sie etwas bekannter in Frankreich und Peru. In Lima (der Hauptstadt von Peru) gibt es beispielsweise die Flora Tristan Bibliothek. In Frankreich wurde mit ihr 1984 zu Ehren der Frauen eine Briefmarke bestückt. Wie in Portraitzeichnungen erkennbar, soll Flora Tristan eine recht schöne Frau gewesen sein (was aus Briefen mit Zeitgenossen und ihren Notizen hervorgeht).

Was viele nicht wissen: Ihr Enkel war der bekannte und eigentümliche Maler Paul Gauguin. Er kannte sie nicht, da sie bereits 1844 in Bordeaux starb, hatte aber auch nicht unbedingt positive Worte für sie übrig: „Wahrscheinlich konnte sie nicht kochen. Ein sozialistischer und anarchistischer Blaustrumpf.“ Dies lag vermutlich auch einfach daran, dass das Leben von Paul und Flora so unterschiedlich war. Einen guten Einblick gibt das Doppelportrait des Romans „Das Paradies ist anderswo“ von Mario Vargas Llosa. Vieles von dem, was Llosa schreibt ist historisch gut belegt, anderes, wie die Begegnung mit dem Finder des Kommunismus Karl Marx, ist wohl eher eine Fiktion.

Nun sollte direkt eine Frage aufflammen: Was war ihre Verbindung zu Marx? Unglaublicherweise hat sie in ihren Büchern den Grundstein für Marx‘ und Engels Kommunismus gelegt. Wenn wir das in der Schule gelernt hätten… aber in der Regel haben wir im Geschichtsunterricht noch nicht mal den Kommunismus in seiner fundamentalen Theorie behandelt, sondern eher im Zuge des Nationalsozialismus am Rande durch die Sowjet-Union mitbekommen.

Und wie kam es dazu? Flora Tristan hatte ein recht anstrengendes und auch gefährliches Leben Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihr Vater Mariano Tristán y Moscoso, ein peruanischer Adeliger, starb schon zu frühen Kindheitstagen. Weil die Ehe mit seiner Frau Anne-Pierre Laisnay nicht anerkannt wurde (ein offizielles Dokument gab es nicht), wurde Flora mit ihrer Mutter mittellos in Paris zurückgelassen. Ihre Mutter drängte sie aufgrund der Armut mit 15 eine Ausbildung in einer Graveurwerkstatt anzufangen und mit 18 eine Vernunftehe mit dem Arbeitgeber André Chazal einzugehen. Kurz und bündig: Chazal war eine toxische Persönlichkeit, die Flora mehrmals misshandelt und vergewaltigt hat. Da die Ehe jedoch gültig war, gab es für Flora keine Möglichkeit ihn anzuzeigen oder sich vor ihm durch das Gesetz zu schützen (Code Napoléon). Darum floh sie vier Jahre später in tiefster Schmach, wissentlich, dass sie damit im Ansehen ihrer Mutter und Zeitgenossen wohl zutiefst fallen würde. Man fragt sich aber auch, was Flora für eine Mutter hatte, denn sie bestand darauf die Ehe mit Chazal aufrechtzuerhalten, obwohl sie vom Missbrauch wusste. Nach dem Ehebruch schienen sich Mutter und Tochter wohl weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Armut kann einen wohl weit treiben.

Mit Chazal hatte Flora drei Kinder (wohl unter Höllenqualen geboren), von denen nur Aline Chazal, die Mutter von Paul Gauguin, überlebte. Um sich und ihre Tochter nun über Wasser zu halten (der Sohn, der zu dem Zeitpunkt noch lebte, blieb wohl beim Vater), arbeitete sie 5 Jahre lang als Reisebegleiterin (1825-1830). 1833 fasste sie dann den Entschluss mit dem Schiff nach Peru zu segeln, um von ihrem Onkel Don Pío Tristán y Moscoso etwas von dem Erbe ihres Vaters zu erhalten. Die Schiffsfahrt selbst erscheint für sie als Höllenfahrt: „Ich war völlig allein, verloren mitten im Ozean, krank, jeden Augenblick in Gefahr, einen grässlichen Tod zu erleiden, von den Beschimpfungen der groben Seeleute belästigt, in der abscheulichsten Lage, in der sich ein weibliches Wesen befinden kann“ (Sparre, 2012, S. 139).

Dabei entpuppt sich ihre gefährliche und lange Reise trotz der Mühe (teils) als Farce: Bis auf Höflichkeiten und eine geringe Entschädigung durch den Onkel erhält sie nicht viel. Sie darf ihm eine Zeit lang als Kriegsberaterin dienen (Peru war zu dem Zeitpunkt Kriegsgebiet zwischen den Provinzen Perus und deren Interessen) und hilft ihm später sogar in die Position des Generalgouverneurs. Doch zum Ausgleich erhält sie nur 2500 Francs pro Jahr (eine Umrechnung in heutige Standards gestaltet sich schwierig, die Summe scheint für damalige Verhältnisse jedoch nicht besonders viel gewesen zu sein, vllt. mehrere hundert Euros).

Flora hat jedoch einen ganz anderen Verdienst aus Peru erhalten: Durch die gesellschaftlichen Missstände wurde ihr Interesse für den Sozialismus geweckt. Dies führte dazu, dass sie ihre Notizen über die politischen und gesellschaftlichen Zustände in Peru zu einem Reisebericht ausformulierte und nach ihrer Rückkehr in Paris veröffentlichte. Die Beschreibungen der Frauen Limas („Tapadas“) decken sich mit denen, von dem bekannten Evolutionsbiologen Charles Darwin, der auf seiner Reise ein Jahr nach Flora Peru bzw. Lima besuchte. Laut Katharina Städtler sei Floras Reisebericht „die erste in Westeuropa erschienene kritische Studie der politischen, sozialen und kulturellen Realitäten der außereuropäischen Welt aus der Sicht einer Frau“ (Städtler, 2004, S. 129). Außerdem schrieb sie zeitgleich die Broschüre „Über die Notwendigkeit fremden Frauen einen guten Empfang zu bereiten.“ Der veröffentlichte Reisebericht führte erstmals dazu, dass sie Bekanntheit erlangte und in die „höheren Kreise“ von Paris eingeladen wurde. Dort lernte sie unter anderem George Sand kennen, die sie nicht sonderlich ausstehen konnte, da Sand sich als Mann ausgab, um als Schriftstellerin Erfolg zu haben. Sie lernte aber die Person selbst oder zumindest die Lehren des Charles Fourier, Prosper Enfantin und Victor Hugo kennen.

Sobald Chazal von Flora’s Rückkehr erfuhr, entführte er mehrmals die Tochter Aline (die während Floras Reise bei ihrer Großmutter lebte), ohne, dass Flora sich wehren konnte (sie war ja immer noch offiziell verheiratet). Außerdem wurde bekannt, dass Chazal Aline mehrmals unsittlich anfasste. Flora klagte ihn daraufhin an und erlangte das Sorgerecht für Aline. Am 20. Mai 1838 zeichnet Chazal einen Grabstein mit der Inschrift: „Die Paria. Es gibt eine Gerechtigkeit, vor der du fliehst, die Dich aber einholen wird. Ruhe in Frieden als Beispiel für diejenigen, die sich soweit vergessen, Deinen unmoralischen Geboten zu folgen […]“ (Sparre, 2021, S. 166). Aus Rache an Flora für das entzogene Sorgerecht schoss Chazal am 4. September 1838 mehrmals auf Flora und versuchte sie somit umzubringen. Die Kugeln trafen sie nahe des Herzens, wodurch sie sich kurzzeitig in Lebensgefahr befand und bis an ihr Lebensende unter der Verletzung litt. Ein Portier half ihr, sich zu retten. Glück im Unglück: Der Prozess und die Verurteilung Chazals zu Deportation und 20 Jahren Zwangsarbeit ermöglichten ihr endlich die Scheidung.

Nach ihrer Genesung und dem Gerichtsprozess stürzt sie sich wieder in ihre literarische Arbeit und verfasst weitere sozialkritische Bücher. Darunter auch ein Roman, in dem sie ihre Erlebnisse verarbeitet. Der Roman wird nicht sonderlich erfolgreich. 8 Monate nach dem Mordanschlag, am 10. Mai 1839, reist sie nach England und schreibt ihre Beobachtungen über die Zustände der englischen Arbeiterklasse nieder (noch fünf Jahre vor Friedrich Engels‘ Die Lage der arbeitenden Klasse in England): „Im Dickicht von London„. Ihr Mut in England bringt sie auch in gefährliche Situationen für eine Frau: Sie besucht das Parlament und verschafft sich Eintritt, indem sie sich als Mann verkleidet (Frauen war der Zutritt versagt), außerdem beobachtet sie, wie Arbeiter ihre Freizeit verbringen. Sie kritisiert, dass die harte und lange körperliche Arbeit entwürdigend sei und dazu führe, die freie Zeit damit zu verbringen, den eigenen Frust zu kompensieren. Dies geschehe nur allzu oft durch Demütigung (wie beispielsweise anhand des Beispiels der Freudenhäuser, in dem nicht selten Frauen wie Tiere und schlimmer behandelt werden). Außerdem wäre der Lohn so schlecht, dass viele Familien nicht wüssten, wie sie über die Runden kommen. Eine eingehende Behandlung der Themen Floras findet sich auch in meinem Buch „Die wahre Bedeutung der Kommunion“:

„Für das beginnende 19. Jahrhundert war diese Unternehmung ein Spiel mit dem Feuer, denn damals waren Frauen in ihrer persönlichen Freiheit, durch die auf den Mann ausgelegten Gesetze, sehr stark eingeschränkt. Floras prägnante Beschreibungen über das damalige Dasein von Arbeitern und den Elendsvierteln in Frankreich, England und Peru waren nicht nur äußerst erschreckend, sondern wecken auch heute noch tiefes Mitgefühl. Sie geben nicht nur Denkanstöße für unsere heutige festgefahrene Sichtweise über Themen, die uns in der Schule als eindeutig und wahrhaftig beigebracht werden, sondern ermöglichen eine ungeahnte Dankbarkeit für den heute vielzählig als so selbstverständlich erachteten Lebensstandard. Eines ihrer bedeutendsten Themen war die Gegenüberstellung der Proletarier und Sklaven. Während der Sklave einen Lohn (Nahrung) für eine Dienstleistung erhält, an die er ausweglos gebunden ist, sind Proletarier in dem Glauben frei zu sein, da sie in ihrer Arbeit niemandem gehören, jedoch in den engen und unhygienischen Verhältnissen der Stadt mit ihrem Lohn für die Familie nur sehr geringe Überlebensmöglichkeiten haben und dadurch in ihrer Existenzangst der fortwährenden Apathie (Gleichgültigkeit) unterworfen sind. Flora Tristan beschreibt es als eine agonische Lebensweise (allmählicher Sterbeprozess), denn die Umstände der Proletarier des 19. Jahrhunderts lassen sich nicht mehr nur als Armut beschreiben, sondern vielmehr als grausames Elend. Es kommt nicht selten vor, dass Flora Tristan bei ihren Expeditionen auf Großfamilien trifft, die nicht nur kein Geld für Grundbedürfnisse wie Nahrung und Wasser haben, sondern auch bis auf einige Stofffetzen keine Kleidung besitzen, sich nicht waschen können und letzten Endes unter unhygienischen Bedingungen versterben, ohne den Nachkommen Überlebenschancen zu bieten. Müssten wir heutzutage, als aufgeklärte Menschen, unter diesen genauen Beschreibungen des bürgerlichen Elends, nicht die Schuldfrage stellen? Gab es jemanden, der bewusst die Arbeiter unterdrückt und sie glauben lässt, dass diese Zustände unvermeidlich seien?“

Tristan Nolting, Die wahre Bedeutung der Kommunion, 2020

Für Flora war es zum damaligen Zeitpunkt undenkbar, dass die Arbeiter durch die Politik aus ihren sklavenähnlichen Verhältnissen befreit werden oder zumindest Unterstützung erhalten. Dies führte dazu, dass Flora Ende des Jahres 1843 bis 1844 mit der Postkutsche und mit dem Schiff kreuz und quer durch Frankreich reiste und Vorträge hielt, um die Arbeiter zu bewegen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Für sie ging die Gleichstellung der Frau und die Befreiung der Arbeiter Hand in Hand. Grundlage für ihre Reisen war das Werk „The Workers Union“ (Die Arbeiterunion), welche sie für den Selbstkostenpreis unter den Arbeitern verkaufte. „The Workers Union“ enthielt einen konkreten Plan zur Selbstorganisation der Arbeiter. Ihre Unternehmungen stießen in der Presse auf Spott und auch durch die Polizei musste sie sich schikanieren lassen. Schließlich starb sie am 14. November 1844 in einer Pension in Berdeaux (der Stadt, in der sie mit dem Schiff nach Peru aufbrach) an Typhus. Die Krankheit brach vermutlich durch die Erschöpfung aus, die sich im Laufe ihres Lebens, vor allem aber in den letzten Jahren, angesammelt hat. Ihr Wille war vermutlich stärker als ihr Körper. Sie wurde noch einige Zeit von ihrer Schülerin und späteren Biographin Éléonore Blanc gepflegt, bis sie unter Schmerzen verstarb. Es ist wirklich tragisch und zugleich interessant, wie gut Floras Geschichte dokumentiert ist. Ich kann jedem nur eine Leseempfehlung aussprechen, auch, um sich in die leidvolle Geschichte Floras hineinzuversetzen und ihre Ziele und Träume zu verstehen.

Was lernen wir also aus Floras Geschichte?

Flora hat Zeit ihres Lebens ihren Traum nicht verwirklichen können: Den Traum einer aufrichtigen Gemeinschaft, in der nicht nur die Interessen der Adeligen und Aristokraten zählen, sondern vor allem das Miteinander der Arbeiter / Bürger. Diesen Traum können wir ihr helfen zu erfüllen, indem wir Bekanntes und Beständiges bezweifeln. Ist unsere derzeitige Lage, die derzeitige COVID-19-Krise, nicht ein Aufruf an die Arbeiter sich unabhängiger zu machen? Ist die gesellschaftliche Spaltung nicht ein Aufruf, sich nicht von den Scharlatanen kontrollieren zu lassen, die uns erzählen wollen, was richtig und was falsch ist? Die Geschichte Floras zeigt doch, das wir nicht erwarten können, dass unsere Probleme von „oben“ gelöst werden. Vielmehr sollten wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und eigenständig Lösungen schaffen, um das Zusammenleben auf dem Planeten Erde ein Stück weit harmonischer zu machen. Wer eine moderne Auffassung von „The Workers Union“ sucht, der wird mit „Die wahre Bedeutung der Kommunion“ gut bedient sein.

Danke fürs Lesen.

Tristan

„Die Gefühle, das Gedankenspiel einer Frau bergen so große Kräfte in sich, eine Frau verfügt über solch immensen geistigen Reichtum!„

Flora Tristan an ihre Freundin Olympe Chodzko

Literatur

Katharina Städtler: Literatura de viaje y género – Flora Tristán, Étienne de Sartiges y Johann Jakob von Tschudi en el Perú (1830-40). In: Sonja Steckbauer, Günther Maihold (Hrsg.): Literatura – Historia – Política. Articulando las relaciones entre Europa y América Latina. Vervuert, Frankfurt am Main 2004. ISBN 3-86527-182-0. S. 127–136. Zitat S. 129.

Susanne Knecht: Flora Tristan und Lady Callcott. Die zweite Entdeckung Lateinamerikas. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2004. ISBN 3-434-50573-3. S. 157.

Florence Hervé (Hrsg.): Flora Tristan oder: Der Traum vom feministischen Sozialismus. Dietz, Berlin 2013, ISBN 978-3-320-02293-8.

Arbeiterunion. Sozialismus und Feminismus im 19. Jahrhundert, ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-88332-128-1.

Im Dickicht von London oder Die Aristokratie und die Proletarier Englands, ISP-Verl., Köln, 1993, ISBN 3-929008-20-3.

SparreSulamith: „Hier bin ich, die Wegweisern“ Flora Tristan (1803-1844), Feministin, Sozialistin, Schriftstellerin. Schneekluth Verlag Kg, 1997. ISBN: 3-936049-60-2.

Einigen von euch ist es sicherlich schon aufgefallen. Der Name meiner Webseite und Social-Media Kanäle lautet @tristanstrivium. Aber was hat es damit auf sich?

Als ich mein erstes Buch Odyssee im 21. Jahrhundert geschrieben habe, bin ich bei der Recherche der alten Kulturen auf die Schriften von Platon gestoßen. Platon war unter anderem bekannt für seine erkenntnis-theoretischen Denkansätze, um zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können.

Dafür hat er nicht nur die Lehrmethode des Triviums (3) definiert, sondern auch die, des Quadriviums (4). Zusammen waren diese beiden Werkzeuge des Wissens an den Universitäten des Mittelalters als 7 freie Künste bekannt. In den letzten hundert Jahren sind die freien Künste aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden und das, obwohl sie wichtiger werden denn je. Die Nutzung ist trivial und dennoch genial.

„Dadurch, dass man lernt, wie man denken sollte – anstatt was man denken sollte – bildet dieser Ansatz die Basis für die Kunst und die Wissenschaft den eigenen Verstand zu nutzen als auch die Basis für das Wissen über die Materie.“

(Auf die Wichtigkeit des WIE, anstatt des WAS, habe ich bereits in einigen Publikationen hingewiesen.)

Dabei besteht das Trivium aus den drei Elementen Rhetorik, Grammatik und Logik, wohingegen das Quadrivium aus den Elementen Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie besteht.

Zum Verständnis der Funktion beider komplementärer Künste (Trivium und Quadrivium) und deren Elemente, habe ich in meinem Buch Odyssee im 21. Jahrhundert folgende Erklärung angeführt:

„Der Grund für den Fachjargon in der Wissenschaft ist die Abhebung von der normalen Sprache in komplexere Gebilde von Theorien und Definitionen. Neben der Tatsache, dass in Psychologie, Physik oder Didaktik jeder Wissenschaftler seine ganz eigenen Definitionen für Fachwörter nutzt, ist die Fachsprache die Ausdrucksweise eines Menschen, welcher sich mit höchst anspruchsvollen Themen auseinandersetzt. Und meistens über abstrakte Theorien, welche im Alltag keine Anwendung finden. Die freien Künste nach Platon bringen Licht ins Dunkle und zeigen auf, wie ein Mensch beschaffen ist […] Jedes Experiment [und damit auch notwendigerweise jede Beobachtung] gelangt über unsere fünf Sinne in unseren Verstand. Durch Trivium und Quadrivium hat der Verstand die Möglichkeit, dieses Experiment zu verarbeiten.“ (Nolting, Odyssee im 21. Jahrhundert, 2020)[1]

Um gegenseitiges Kommunizieren und verstehen zu ermöglichen, sollten wir sowohl auf unsere Eigene als auch auf die Rhetorik, Logik und Grammatik des Argumentationspartners achten.

Grammatik ist die Fähigkeit zur Sammlung von Elementen im Sprachgebrauch, um diese als Wissensbasis nutzen zu können. Die Logik dient der Beseitigung von Widersprüchen in der Grammatik, sodass der Zusammenhang verstanden werden kann. Die Rhetorik dient schlussendlich der einfachen Weitergabe des Wissens, sodass die Erkenntnisse ins Alltagsleben integriert werden können.[2]

Die Wichtigkeit des Triviums im Austausch miteinander wird bis heute noch maßgeblich unterschätzt. Dafür möchte ich insbesondere auf den Aspekt der Logik genauer eingehen. Ihr werdet sehen, welche Vorteile die Kenntnis um Platon’s Trivium birgt.

Die Macht der Logik

Habt ihr euch nicht auch einmal gefragt, wie ihr in unserer Zeit zwischen guten und schlechten Argumenten unterscheiden könnt? In unserem Informationszeitalter gibt es leicht ersichtlich so viele Informationen, dass es sehr schwer fällt, zwischen Wahrheit und Ideologie zu unterscheiden. Ob es nun um das Thema Corona, Ernährung oder Sport geht, ist erst einmal egal. Wer einen wissenschaftlichen Anspruch hat, der sollte wissen, wie eine logische Argumentation aufgebaut ist und eben auch, was sie nicht enthalten sollte.

Nach Platon gibt es vier Schritte in der Wissenschafstheorie (wissenschaftliche Methode), die erfüllt sein müssen, um als logisch zu gelten. Dazu gehört…

  1. Beobachten: Der zu messende Effekt wird durch Studium der Natur beobachtet
  2. Hypothese aufstellen: Der Effekt wird untersucht und zur Erklärung des Verhaltens werden Thesen aufgestellt
  3. Extrapolieren: Die wahrscheinlichste These wird untersucht, um Vorhersagen über zukünftiges Verhalten zu machen
  4. Verifizieren: Mehrfache Wiederholung des Experiments zur Verifizierung der Reproduzierbarkeit

Je einfacher die Hypothese ist, desto leichter lässt sie sich auch beweisen. Je komplexer das Konstrukt, desto mehr Details, Variablen und somit auch Fehler enthält sie. Sokrates, der Lehrer Platons, wusste beispielsweise, dass eine komplexe Theorie gleichzeitig auch zu einem Verlust der Wirklichkeit führte und wies daher mit seinem Satz: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, auf die Notwendigkeit zum Hinterfragen des eigenen Wissens hin. Theorien sind nur das, was man zu wissen meint. Um die möglichen Fehler einer Argumentationskette zu überprüfen und sie möglichst nachvollziehbar zu halten, hat Platon die logischen Irrtümer mit ins Spiel gebracht.

Logische Irrtümer

Zur Veranschaulichung werden hier beispielhaft einige logische Irrtümer aufgelistet und mit Beispielen untermauert. Eine vollständige Liste findet sich im Anhang Je häufiger die logischen Irrtümer zur Überprüfung von Argumenten im Alltag verwendet werden, desto leichter erschließt sich der Umgang. Die logischen Irrtümer sind wichtiger denn je, gerade auch um Falschaussagen, von Politiker, Wissenschaftlern und vermeintlichen Experten auf die Spur zu kommen.

  • Ad Hominem: Auf eine sachliche Aussage wird mit einem persönlichen Angriff reagiert. Dies ist der Versuch die Person zu diskreditieren, um zu vermeiden, dass man mit logischen Argumenten reagieren muss, die man eventuell nicht parat hat.
    Beispiel: Person 1: „Donald Trump setzt sich für Friedensverträge ein.“ Person 2: „Donald Trump ist ein Rassist!“
  • Appell an Authorität: In bestimmten Situationen müssen wir uns auf der Suche nach Antworten an Experten wenden. Wenn jemand auf die Meinung eines Experten verweist, ist es wichtig zu prüfen, ob diese Person a) wirklich ein Experte ist und b) ob der Experte unabhängig ist oder ob er finanzielle Interessen bezüglich des Themas hat. Man sollte stets prüfen ob ein Verweis auf eine Expertenmeinung nicht vermieden werden kann
    Beispiel: Person A: „Leonhard Held folgert, dass die Studie von Christian Drosten statistische Fehler enthält.“ Person B: „Aber Christian Drosten ist doch der führende SARS-Experte!“
  • Appell an Glauben: Argumentieren, dass etwas wahr ist, weil die Religion oder Ideologie es vorgibt
    Beispiel: Person A: „Stimmt das?“ Person B: „Ich schwöre auf die Bibel.“ Anmerkung: Religionen sind meist keine Glaubensgemeinschaften, in denen spirituelle Erfahrungen vermittelt werden. Vielmehr sind Religionen sinnentleerter Bräuche und Glaubenssätze, die erzählt werden, um Gemeinschaften zu annektieren und zu erhalten.
  • Appell an Gewohnheit: Argumentieren, dass eine bestimmte Handlung gut und richtig ist – z.B. moralisch korrektes Verhalten – weil sich die Mehrheit so verhält
    Beispiel: Sklaverei & Schwulenfeindlichkeit in der Vergangenheit
  • Appell an Emotionen: Der Versuch Unterstützung für eine Sache zu erhalten, indem man im Gesprächspartner bestimmte Emotionen auslöst statt sich mit objektiven Argumenten auseinander zu setzen
    Beispiel: Verschiedene Emotionen erwecken (Humor, Mitgefühl, Wut, Stolz etc.): „Man selbst könnte jederzeit angegriffen werden. Daher benötigt jeder eine Feuerwaffe!“
  • Appell an Angst: Durch das Aufzeigen und Ausmalen schrecklicher Konsequenzen, die eine Entscheidung haben könnte, wird versucht jegliche positiven Aspekte der Entscheidung als irrelevant abzutun
    Beispiel: Corona-Lockdown
  • Appell an Popularität: Wenn die meisten Menschen etwas gutheißen, muss es wohl gut sein
    Beispiel: Corona-Atemschutzmaske
  • Falsches Dilemma: Es werden nur 2 Optionen präsentiert, um ein Problem zu lösen, obwohl auch noch andere Alternativen möglich wären
    Beispiel Klimawandel: Entweder steigt Deutschland bis 2030 aus dem Kohleabbau aus oder der Klimawandel verschlimmert sich.
  • Deckmantel: Wenn man in einer Diskussion auf ein schwer zu widerlegendes Argument stößt, beginnt man einfach eine lange Liste andere Themen in kurzer Abfolge in die Diskussion einzuwerfen in der Hoffnung, dass das ursprüngliche Argument in Vergessenheit gerät
    Beispiel: Stefan Homburg erklärt die Reproduktionszahl und, dass der Lockdown keinen Einfluss auf die Reproduktionszahl gehabt hat. Ergo sei der Lockdown nicht notwendig um die Anzahl der Infektionen zu reduzieren. Richard Greil erklärt, dass dies eine Fehlinterpretation sei und, dass sich das Verhalten der Menschen bereits vor dem Lockdown geändert hat.
  • Rampenlicht: Die Tatsache, dass viele Menschen ihre Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema richten, bedeutet noch nicht automatisch, dass es wirklich relevant ist
    Beispiel: Black-lives-matter – hierbei sei die Verhältnismäßigkeit gegenüber anderen Bedrohungen beachtet und auch die Frage, ob Rassismus die Ursache ist oder nur die Folge eines bestimmten gesellschaftlichen Verhaltens. Sind der Ursprung der Proteste und die Maßnahmen gerechtfertigt oder handelt es sich um ein Massenphänomen?
  • Strohmann (ähnlich auch Roter Hering): Man nimmt eine Position oder Behauptung einer anderen Person, übertreibt und verzerrt sie und greift dann diese verzerrte Behauptung an, weil sie einfacher als falsch entlarvt werden kann
    Beispiel: Person A: „Wieso setzt du dich nicht für ein Abtreibungsgesetz ein?“ Person B: Du scheinst ein Psychopath zu sein. Als nächstes erzählst du auch noch, dass du eine Waffe mit dir herumträgst mich erschießen willst! Ich trete für ein Anti-Waffen-Gesetz ein.“

Mir hat das Trivium beim Verständnis vieler Sachzusammenhänge weitergeholfen. Durch die logischen Irrtümer konnte ich immer wieder auch meine eigenen Argumente überprüfen – und außerdem gestehe auch gerne ein, dass ich einen Argumentationsfehler habe, wenn mich jemand auf den entsprechenden logischen Irrtum hinweist. Zur Erkenntnis der logischen Irrtümer ist die Beachtung der Grammatik (Wortschatz) und Rhetorik (Gestik, Mimik, Stimme) natürlich ebenso wichtig. Darum ist genaues Beobachten und Hinhören unerlässlich.

In den kommenden Tagen werde ich meine Sars-CoV-2 (COVID-19) Analyse vom Mai nochmal auf Englisch veröffentlichen. Am Ende befindet sich ein 5-6 seitiges Update, welches explizit auf das Trivium zur Überprüfung der Argumentation in der Corona-Debatte hinweist. Hier folgt jedoch nochmal ein eigener Blogartikel, auf den ihr euch freuen könnt.

Ihr seht, das Trivium ist für mich so wichtig geworden, dass ich es inzwischen sogar im Künstlernamen trage. Ich wünsche mir, dass ich mehr Menschen für offene Debatten und Argumentationskultur begeistern kann. Und, dass das Trivium eine geeignete Lehrmethode hierfür darstellt.

Damit bedanke ich mich fürs Lesen und sage bis bald!

Herzlich,
Tristan.


Literatur:

[1]Tristan Nolting (2020): Odyssee im 21. Jahrhundert. Tredition, 2. Auflage.
[2]Otfried Höfe (2009): Aristoteles: Die Hauptwerke: Ein Lesebuch. A. Francke Verlag.