Ich bin ein Freund davon, von allem und jedem zu lernen. Das gilt auch für Animes. Wieso also nicht darüber philosophieren, was sich der Macher des legendären Mangas/Animes One Punch Man bei seinem Werk gedacht hat? Lasst uns dafür zu Beginn klären, was Geschichten für eine Bedeutung in unserem Leben haben.

Geschichten sind nicht nur dafür da, uns abends bei einem Lagerfeuer glücklich zu machen, zu trösten oder die Einsamkeit zu vertreiben. Vielmehr sind die Geschichten, die wir kennen, ganz eng an unsere Wahrnehmung geknüpft. Je nach dem, welche Geschichten wir im Leben schon gehört und durchlebt haben, reagieren wir anders auf die Chancen und Möglichkeiten in unserer Gegenwart. Ist deine persönliche Geschichte mit sehr viel Leid durchtränkt, so wirst du vermutlich die Welt anders sehen, als jemand, der immer nur Gutes erlebt und gehört hat.

Es ist kein Wunder, dass in unserem Informationszeitalter Geschichten (bzw. Informationen) die primäre Währung sind. Nachrichten, Hollywood-Filme/Serien, Youtube-Tutorials, Bücher, Musik, soziale Medien, ja sogar unsere Freunde und Familie – sie alle haben eine Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig färben sie uns jeden Tag mit ihren Gedanken und Gefühlen und tragen dazu bei, dass wir sind, wie wir sind.

Wer glaubt, dass Geld die Währung unserer Zeit ist, den muss ich enttäuschen. Geld hat auch eine Geschichte, vielleicht sogar die älteste Geschichte der Welt, aber Geld ist nicht das, was unser Leben lebenswert macht. Wir können mit Geld bestimmte Dinge kaufen, die uns Geschichten erzählen sollen. Was wir kaufen, ist jedoch davon abhängig, was wir bereits für Geschichten erlebt haben. Damit ist Geld zwar das Mittel, um neue Geschichten zu erfahren, allerdings kann durch bestimmte Informationen und Geschichten (z.B. Nachrichten) gezielt manipuliert werden, welche Geschichten wir noch hören wollen.

Darum sind Nachrichten übrigens auch nicht ungefährlich: Nachrichten erschaffen einen Drang bzw. eine Sucht nach immer neuen Informationen. Ob diese Informationen positiv oder negativ sind, ist gar nicht unbedingt wichtig, da es bei Nachrichten primär um die Aktualität geht. Wer nicht ständig aktualisiert (wie z.B. auch bei Social Media) fühlt sich abgehängt (und dies kann Urängste triggern, aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden).

Dieser Trend wird übrigens immer weiter dadurch manifestiert, dass Informationen durch das Internet kostenfrei zur Verfügung stehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Narrativ: Zu unserer Zeit fühlt es sich an, als ob es unendlich viele Geschichten gäbe. Das Internet macht es möglich. Aber was, wenn ich euch sage, dass der Ablauf von Geschichten immer derselbe ist?

Es gibt viele Konzepte darüber, wie die basale Struktur von Geschichten aussieht. Aber vielleicht hat es bisher niemand so gut beschrieben, wie der Philosoph und Theologe Joseph Campbell.

Campbell erklärte in seinem Buch Der Heros in tausend Gestalten (Hero with a Thousand Faces), dass sich eine Geschichte für einen Helden immer nach den gleichen Motiven entwickelt, unabhängig von Religion, Abstammung, oder Zeit. Ein Held einer Geschichte sei somit ein Archetyp, der in jedem Menschen angeboren sei. Im Grunde genommen läuft es so ab: Die Reise beginnt, der Held trifft seinen Mentor, der Held muss „das Unbekannte“ bzw. einen unbekannten Bereich betreten, macht Fehler und steckt Niederlagen ein, lernt aber gleichzeitig Helfer kennen, erlernt neue Fähigkeiten, wandelt an der Schwelle des Todes (und wird manchmal wiedergeboren), erfährt eine Offenbarung und verändert sich, tut Buße, wird beschenkt (durch z.B. äußere Umstände, Gegenstände, die ihm helfen oder Freunde) und kehrt „stärker“ in die normale Welt zurück. Dann beginnt die Reise von Neuem, aber auf einem höheren Niveau. Auf dreidimensionaler Ebene ließe sich dieser Kreislauf auch als Upward Spiral (Aufwärtsspirale) vorstellen.

Eine weitere Art und Weise die Geschichte eines Helden zu beschrieben, hat Dan Harmon, Erfinder der beliebten TV-Serie Rick & Morty entwickelt. Dabei sei jedoch gesagt, dass die Grundzüge seiner Beschreibung auf Campbell zurückzuführen sind, dessen Buch Harmon kennt.

Dan Harmon beschreibt acht Schritte, in denen der Held einer Geschichte sich verändern muss, um die Reise zu bestehen. Die obere Hälfte des Tortendiagramms zeigt dabei Start bzw. Ende der Geschichte an, somit nach Campbell „das Bekannte“, während die untere Hälfte Wachstum und Veränderung anzeigt, nach Campbell „das Unbekannte“. Häufig gehen mit dem bekannten Bereich einer Geschichte Licht, Fröhlichkeit, Ordnung und Heilung/Leben einher (was sich auch filmisch gut darstellen lässt), während mit dem unbekannten Bereich das genaue Gegenteil einhergeht (Dunkelheit, Chaos, Trauer, Tod etc.). Mit dieser Dualität wird in einer Geschichte ganz bewusst gespielt. Wäre diese Dualität nicht vorhanden, wäre auch keine Veränderung zu erwarten. Sowohl in deiner eigenen Geschichte, als auch im Film und TV.

Diese acht Schritte sind: 1. Komfortzone, 2. Bedürfnis oder Wunsch, 3. Ungewohnte Situation, 4. Anpassung, 5. Kriegen, was man wollte, 6. Aber einen Preis dafür zahlen, 7. Zurück zur Gewohnheit 8. Sich geändert haben

„Alles Leben, einschließlich des menschlichen Geistes und der Gemeinschaften, die wir schaffen, marschiert im selben, sehr spezifischen Takt. Wenn Ihre Geschichte auch zu diesem Takt marschiert – ob Ihre Geschichte der große amerikanische Roman oder ein Furzwitz ist – wird sie mitschwingen. Es wird das Ego Ihres Publikums auf eine kurze Reise ins Unbewusste und zurück schicken. Ihr Publikum hat einen instinktiven Geschmack dafür und sie werden „lecker“ sagen.

Dan Harmon

Und glaubt mir nicht, sondern überprüft es. Von Arielle die kleine Meerjungfrau, über Heavy Metal Musik bis hin zu Menschen, die sich in den Urwald nach Peru auf den Weg machen, um Ayahuasca zu trinken: Sie alle machen diesen Story Circle durch.

Wie lässt sich nun die Serie One Punch Man dort einordnen? Grundsätzlich verfügen Serien auch über einen Story Cycle, auch wenn dieser etwas ausgedehnt wird. Zudem spiegelt sich der Story Cycle auch in jeder einzelnen Folge wieder und existiert damit sowohl im Mikrokosmos, als auch im Makrokosmos einer Serie.

Bei One Punch Man geht es um den Helden Saitama, einen übermächtigen Helden, der die Welt vor Monstern schützt. Und ja, Saitama sieht nicht danach aus, aber er ist so stark, dass niemand, wirklich NIEMAND ihm auch nur das Geringste anhaben kann. Selbst den Gebieter des Universums hat er schon in der ersten Staffel besiegt. Tatsächlich ist der Titel der Serie auch so gewählt, weil Saitama jeden Gegner mit nur einem einzigen Schlag platt macht. Saitama kommt eigentlich fast immer zu spät zu den wirklich wichtigen Kämpfen, in denen seine Freunde besiegt wurden, aber am Ende siegen doch immer die Guten. Oder naja, er. Aber er selbst zählt sich zu den Guten.

Und genau hier fängt das Problem an: Saitama bleibt konstant in Phase 1: Die Komfortzone. Er kommt da aber auch einfach nicht raus, so sehr er es versucht. Seine Freunde entwickeln sich im Gegensatz zu ihm weiter, auch wenn sie niemals in ihrem Leben so stark werden können, wie er. Aber Saitama hat durch seine unheimliche Stärke sein Lebensziel erreicht und kann sich nun nicht mehr weiterentwickeln. Niemand kitzelt das aus ihm heraus, was eine gute Geschichte ausmacht: Dass der Held sich verändern und anpassen muss.

Und das merkt Saitama. Versteht mich nicht falsch, die Serie One Punch Man selbst verläuft nach demselben Schema, wie jede andere Geschichte auch. Saitama ist zwar der Hauptcharakter, aber die Serie selbst besteht aus vielen kleinen Nebenhandlungen über Helden, die immer wieder mit Saitama in Kontakt kommen. Insofern sehen wir immer stärkere neue Gegner, an die sich alle Helden anpassen müssen, d.h. sich selbst überwinden müssen, um zu gewinnen. Außer Saitama.

Die Rolle von Saitama könnte also nicht irrwitziger und ironischer sein. Er ist der einzige Charakter, der stets „er selbst bleiben darf.“ Es gibt schlichtweg keinen Antrieb und keine Veränderung mehr für Saitama als Helden. Und hier erhalten wir auch einen Einblick in seine Gefühls- und Gedankenwelt. Er hat eine sehr leidvolle Geschichte und wusste nie, wo er hingehört. Eines Tages hat ein Monster seinen Kampfgeist geweckt und er hatte das Ziel, der stärkste Held aller Zeiten zu werden. Daraufhin hat er – laut ihm – so verrückt trainiert, dass er unbesiegbar wurde (und ihm die Haare ausgefallen sind). Seine Leidenschaft für das Heldendasein schien also so extrem zu sein, dass er der Allerbeste wurde. Jedoch für einen Preis, den er zahlen musste, ebenso wie jeder andere Held auch.

Er fühlt sich abgestumpft, leer und völlig angstfrei. Angstfreiheit kann für die einen etwas Gutes bedeuten. Es kann aber auch die totale Gleichgültigkeit bedeuten. Letztlich ist Mut auch nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Entscheidung trotz Angst zu handeln.

Jeder Mensch verbindet einen Helden mit Mut. Saitama braucht diesen Mut nicht mehr, gerade weil er schon der allerstärkste Held ist. Vielleicht fehlt ihm deshalb die Leidenschaft für seinen Beruf als Held. Wieso anstrengen und mutig sein, wenn er sowieso weiß, dass er gewinnt? Diese Frage bringt ihn in eine tiefe Depression.

Aber, wer die Serie versteht, der merkt, dass Saitama sich doch verändert: Nicht als Held, aber als Mensch. Zu Beginn der Serie war er alleinstehend, ohne Freunde oder Beruf. Inzwischen hat er einen Schüler, einen Freund und wird von der Heldenliga als hauptberuflicher Held eingestuft (wenn auch in einer Klasse, die ihm nicht gerecht wird). Er lernt wieder Gefühle zu fühlen, nicht auf dem Schlachtfeld, aber bei seinen Freunden. Während die anderen Charaktere der Serie noch darum kämpfen, die Stärksten oder Mächtigsten zu sein, lernt Saitama, worauf es wirklich ankommt. Vielleicht ist Saitama in der Serie fehl am Platz – wie ein Gott aus einem anderen Universum – aber genau das macht den Charme der Serie aus.

Übertragen auf das echte Leben wirft die Serie einige ernsthafte Fragen auf, mit denen auch wir im Alltag konfrontiert werden. Exemplarisch:

  • Wozu weiterkämpfen, wenn wir unser Ziel erreicht haben?
  • Liegt der Sinn des Lebens in Macht, Stärke und Überlegenheit oder eher in Ebenbürtigkeit und Austausch?
  • Brauchen wir Ideale, um nicht der Gleichgültigkeit unseres Daseins zu erliegen?
  • Erfahren diejenigen, die stark und machtvoll sind, automatisch einen Gott-Komplex?

Und zum Abschluss findet ihr noch ein Video, in dem sich Saitama über seine Misere klar wird… und durch einen guten Freund eine Anregung erhält, seine Ideale zu überdenken.

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Ich habe diese seltsame Verbindung zu einer Frau namens Flore Celestine Thérèse Henriette Tristán y Moscoso (Flora Tristan). Erstmalig habe ich in meinem Werk „Die wahre Bedeutung der Kommunion – Kommunen als Modell zur spirituellen Weiterentwicklung“ aus gegebenem Anlass über sie geschrieben. Aber auch vorher haben sich schon interessante Parallelen zwischen uns aufgetan:

  • Wir beide haben am 7. April Geburtstag (1801/1998)
  • Wir beide heißen (offensichtlich) Tristan
  • Wir beide interessieren uns für Sozialismus und Frauenrecht
  • Uns beide verbindet die außergewöhnliche Leidenschaft für Peru (auch wenn ich noch nie da war, ich kann es mir kaum erklären)
  • Wir beide sind Schriftsteller (ihr erstes Buch veröffentlichte sie 1837, 37 ist eine Zahl zu der ich eine besondere Verbindung seit der Jugend pflege)
  • Wir beide sind gläubig
  • Die Beschreibungen ihres Charakters sind erstaunlich ähnlich zu meinem Charakter (ungestüm, häufig rational, wenn auch leidenschaftlich, ehrgeizig)

Ich möchte mich mit der Ähnlichkeit zu ihr in keiner Weise hervortun, sondern vielmehr aufzeigen, weshalb ihr Leben und Wirken mich so fasziniert: Ganz einfach, weil mich vieles von dem, was sie schreibt, berührt und ich mich in sie hineinversetzen kann. Und dafür kommen wir nun zu ihr.

Flora Tristan ist weitestgehend aus den deutschen Geschichtsbüchern verschwunden (falls sie je enthalten war), was dazu führt, dass die meisten Menschen sie nicht kennen. Da sie französisch-peruanischer Abstammung ist, ist sie etwas bekannter in Frankreich und Peru. In Lima (der Hauptstadt von Peru) gibt es beispielsweise die Flora Tristan Bibliothek. In Frankreich wurde mit ihr 1984 zu Ehren der Frauen eine Briefmarke bestückt. Wie in Portraitzeichnungen erkennbar, soll Flora Tristan eine recht schöne Frau gewesen sein (was aus Briefen mit Zeitgenossen und ihren Notizen hervorgeht).

Was viele nicht wissen: Ihr Enkel war der bekannte und eigentümliche Maler Paul Gauguin. Er kannte sie nicht, da sie bereits 1844 in Bordeaux starb, hatte aber auch nicht unbedingt positive Worte für sie übrig: „Wahrscheinlich konnte sie nicht kochen. Ein sozialistischer und anarchistischer Blaustrumpf.“ Dies lag vermutlich auch einfach daran, dass das Leben von Paul und Flora so unterschiedlich war. Einen guten Einblick gibt das Doppelportrait des Romans „Das Paradies ist anderswo“ von Mario Vargas Llosa. Vieles von dem, was Llosa schreibt ist historisch gut belegt, anderes, wie die Begegnung mit dem Finder des Kommunismus Karl Marx, ist wohl eher eine Fiktion.

Nun sollte direkt eine Frage aufflammen: Was war ihre Verbindung zu Marx? Unglaublicherweise hat sie in ihren Büchern den Grundstein für Marx‘ und Engels Kommunismus gelegt. Wenn wir das in der Schule gelernt hätten… aber in der Regel haben wir im Geschichtsunterricht noch nicht mal den Kommunismus in seiner fundamentalen Theorie behandelt, sondern eher im Zuge des Nationalsozialismus am Rande durch die Sowjet-Union mitbekommen.

Und wie kam es dazu? Flora Tristan hatte ein recht anstrengendes und auch gefährliches Leben Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihr Vater Mariano Tristán y Moscoso, ein peruanischer Adeliger, starb schon zu frühen Kindheitstagen. Weil die Ehe mit seiner Frau Anne-Pierre Laisnay nicht anerkannt wurde (ein offizielles Dokument gab es nicht), wurde Flora mit ihrer Mutter mittellos in Paris zurückgelassen. Ihre Mutter drängte sie aufgrund der Armut mit 15 eine Ausbildung in einer Graveurwerkstatt anzufangen und mit 18 eine Vernunftehe mit dem Arbeitgeber André Chazal einzugehen. Kurz und bündig: Chazal war eine toxische Persönlichkeit, die Flora mehrmals misshandelt und vergewaltigt hat. Da die Ehe jedoch gültig war, gab es für Flora keine Möglichkeit ihn anzuzeigen oder sich vor ihm durch das Gesetz zu schützen (Code Napoléon). Darum floh sie vier Jahre später in tiefster Schmach, wissentlich, dass sie damit im Ansehen ihrer Mutter und Zeitgenossen wohl zutiefst fallen würde. Man fragt sich aber auch, was Flora für eine Mutter hatte, denn sie bestand darauf die Ehe mit Chazal aufrechtzuerhalten, obwohl sie vom Missbrauch wusste. Nach dem Ehebruch schienen sich Mutter und Tochter wohl weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Armut kann einen wohl weit treiben.

Mit Chazal hatte Flora drei Kinder (wohl unter Höllenqualen geboren), von denen nur Aline Chazal, die Mutter von Paul Gauguin, überlebte. Um sich und ihre Tochter nun über Wasser zu halten (der Sohn, der zu dem Zeitpunkt noch lebte, blieb wohl beim Vater), arbeitete sie 5 Jahre lang als Reisebegleiterin (1825-1830). 1833 fasste sie dann den Entschluss mit dem Schiff nach Peru zu segeln, um von ihrem Onkel Don Pío Tristán y Moscoso etwas von dem Erbe ihres Vaters zu erhalten. Die Schiffsfahrt selbst erscheint für sie als Höllenfahrt: „Ich war völlig allein, verloren mitten im Ozean, krank, jeden Augenblick in Gefahr, einen grässlichen Tod zu erleiden, von den Beschimpfungen der groben Seeleute belästigt, in der abscheulichsten Lage, in der sich ein weibliches Wesen befinden kann“ (Sparre, 2012, S. 139).

Dabei entpuppt sich ihre gefährliche und lange Reise trotz der Mühe (teils) als Farce: Bis auf Höflichkeiten und eine geringe Entschädigung durch den Onkel erhält sie nicht viel. Sie darf ihm eine Zeit lang als Kriegsberaterin dienen (Peru war zu dem Zeitpunkt Kriegsgebiet zwischen den Provinzen Perus und deren Interessen) und hilft ihm später sogar in die Position des Generalgouverneurs. Doch zum Ausgleich erhält sie nur 2500 Francs pro Jahr (eine Umrechnung in heutige Standards gestaltet sich schwierig, die Summe scheint für damalige Verhältnisse jedoch nicht besonders viel gewesen zu sein, vllt. mehrere hundert Euros).

Flora hat jedoch einen ganz anderen Verdienst aus Peru erhalten: Durch die gesellschaftlichen Missstände wurde ihr Interesse für den Sozialismus geweckt. Dies führte dazu, dass sie ihre Notizen über die politischen und gesellschaftlichen Zustände in Peru zu einem Reisebericht ausformulierte und nach ihrer Rückkehr in Paris veröffentlichte. Die Beschreibungen der Frauen Limas („Tapadas“) decken sich mit denen, von dem bekannten Evolutionsbiologen Charles Darwin, der auf seiner Reise ein Jahr nach Flora Peru bzw. Lima besuchte. Laut Katharina Städtler sei Floras Reisebericht „die erste in Westeuropa erschienene kritische Studie der politischen, sozialen und kulturellen Realitäten der außereuropäischen Welt aus der Sicht einer Frau“ (Städtler, 2004, S. 129). Außerdem schrieb sie zeitgleich die Broschüre „Über die Notwendigkeit fremden Frauen einen guten Empfang zu bereiten.“ Der veröffentlichte Reisebericht führte erstmals dazu, dass sie Bekanntheit erlangte und in die „höheren Kreise“ von Paris eingeladen wurde. Dort lernte sie unter anderem George Sand kennen, die sie nicht sonderlich ausstehen konnte, da Sand sich als Mann ausgab, um als Schriftstellerin Erfolg zu haben. Sie lernte aber die Person selbst oder zumindest die Lehren des Charles Fourier, Prosper Enfantin und Victor Hugo kennen.

Sobald Chazal von Flora’s Rückkehr erfuhr, entführte er mehrmals die Tochter Aline (die während Floras Reise bei ihrer Großmutter lebte), ohne, dass Flora sich wehren konnte (sie war ja immer noch offiziell verheiratet). Außerdem wurde bekannt, dass Chazal Aline mehrmals unsittlich anfasste. Flora klagte ihn daraufhin an und erlangte das Sorgerecht für Aline. Am 20. Mai 1838 zeichnet Chazal einen Grabstein mit der Inschrift: „Die Paria. Es gibt eine Gerechtigkeit, vor der du fliehst, die Dich aber einholen wird. Ruhe in Frieden als Beispiel für diejenigen, die sich soweit vergessen, Deinen unmoralischen Geboten zu folgen […]“ (Sparre, 2021, S. 166). Aus Rache an Flora für das entzogene Sorgerecht schoss Chazal am 4. September 1838 mehrmals auf Flora und versuchte sie somit umzubringen. Die Kugeln trafen sie nahe des Herzens, wodurch sie sich kurzzeitig in Lebensgefahr befand und bis an ihr Lebensende unter der Verletzung litt. Ein Portier half ihr, sich zu retten. Glück im Unglück: Der Prozess und die Verurteilung Chazals zu Deportation und 20 Jahren Zwangsarbeit ermöglichten ihr endlich die Scheidung.

Nach ihrer Genesung und dem Gerichtsprozess stürzt sie sich wieder in ihre literarische Arbeit und verfasst weitere sozialkritische Bücher. Darunter auch ein Roman, in dem sie ihre Erlebnisse verarbeitet. Der Roman wird nicht sonderlich erfolgreich. 8 Monate nach dem Mordanschlag, am 10. Mai 1839, reist sie nach England und schreibt ihre Beobachtungen über die Zustände der englischen Arbeiterklasse nieder (noch fünf Jahre vor Friedrich Engels‘ Die Lage der arbeitenden Klasse in England): „Im Dickicht von London„. Ihr Mut in England bringt sie auch in gefährliche Situationen für eine Frau: Sie besucht das Parlament und verschafft sich Eintritt, indem sie sich als Mann verkleidet (Frauen war der Zutritt versagt), außerdem beobachtet sie, wie Arbeiter ihre Freizeit verbringen. Sie kritisiert, dass die harte und lange körperliche Arbeit entwürdigend sei und dazu führe, die freie Zeit damit zu verbringen, den eigenen Frust zu kompensieren. Dies geschehe nur allzu oft durch Demütigung (wie beispielsweise anhand des Beispiels der Freudenhäuser, in dem nicht selten Frauen wie Tiere und schlimmer behandelt werden). Außerdem wäre der Lohn so schlecht, dass viele Familien nicht wüssten, wie sie über die Runden kommen. Eine eingehende Behandlung der Themen Floras findet sich auch in meinem Buch „Die wahre Bedeutung der Kommunion“:

„Für das beginnende 19. Jahrhundert war diese Unternehmung ein Spiel mit dem Feuer, denn damals waren Frauen in ihrer persönlichen Freiheit, durch die auf den Mann ausgelegten Gesetze, sehr stark eingeschränkt. Floras prägnante Beschreibungen über das damalige Dasein von Arbeitern und den Elendsvierteln in Frankreich, England und Peru waren nicht nur äußerst erschreckend, sondern wecken auch heute noch tiefes Mitgefühl. Sie geben nicht nur Denkanstöße für unsere heutige festgefahrene Sichtweise über Themen, die uns in der Schule als eindeutig und wahrhaftig beigebracht werden, sondern ermöglichen eine ungeahnte Dankbarkeit für den heute vielzählig als so selbstverständlich erachteten Lebensstandard. Eines ihrer bedeutendsten Themen war die Gegenüberstellung der Proletarier und Sklaven. Während der Sklave einen Lohn (Nahrung) für eine Dienstleistung erhält, an die er ausweglos gebunden ist, sind Proletarier in dem Glauben frei zu sein, da sie in ihrer Arbeit niemandem gehören, jedoch in den engen und unhygienischen Verhältnissen der Stadt mit ihrem Lohn für die Familie nur sehr geringe Überlebensmöglichkeiten haben und dadurch in ihrer Existenzangst der fortwährenden Apathie (Gleichgültigkeit) unterworfen sind. Flora Tristan beschreibt es als eine agonische Lebensweise (allmählicher Sterbeprozess), denn die Umstände der Proletarier des 19. Jahrhunderts lassen sich nicht mehr nur als Armut beschreiben, sondern vielmehr als grausames Elend. Es kommt nicht selten vor, dass Flora Tristan bei ihren Expeditionen auf Großfamilien trifft, die nicht nur kein Geld für Grundbedürfnisse wie Nahrung und Wasser haben, sondern auch bis auf einige Stofffetzen keine Kleidung besitzen, sich nicht waschen können und letzten Endes unter unhygienischen Bedingungen versterben, ohne den Nachkommen Überlebenschancen zu bieten. Müssten wir heutzutage, als aufgeklärte Menschen, unter diesen genauen Beschreibungen des bürgerlichen Elends, nicht die Schuldfrage stellen? Gab es jemanden, der bewusst die Arbeiter unterdrückt und sie glauben lässt, dass diese Zustände unvermeidlich seien?“

Tristan Nolting, Die wahre Bedeutung der Kommunion, 2020

Für Flora war es zum damaligen Zeitpunkt undenkbar, dass die Arbeiter durch die Politik aus ihren sklavenähnlichen Verhältnissen befreit werden oder zumindest Unterstützung erhalten. Dies führte dazu, dass Flora Ende des Jahres 1843 bis 1844 mit der Postkutsche und mit dem Schiff kreuz und quer durch Frankreich reiste und Vorträge hielt, um die Arbeiter zu bewegen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Für sie ging die Gleichstellung der Frau und die Befreiung der Arbeiter Hand in Hand. Grundlage für ihre Reisen war das Werk „The Workers Union“ (Die Arbeiterunion), welche sie für den Selbstkostenpreis unter den Arbeitern verkaufte. „The Workers Union“ enthielt einen konkreten Plan zur Selbstorganisation der Arbeiter. Ihre Unternehmungen stießen in der Presse auf Spott und auch durch die Polizei musste sie sich schikanieren lassen. Schließlich starb sie am 14. November 1844 in einer Pension in Berdeaux (der Stadt, in der sie mit dem Schiff nach Peru aufbrach) an Typhus. Die Krankheit brach vermutlich durch die Erschöpfung aus, die sich im Laufe ihres Lebens, vor allem aber in den letzten Jahren, angesammelt hat. Ihr Wille war vermutlich stärker als ihr Körper. Sie wurde noch einige Zeit von ihrer Schülerin und späteren Biographin Éléonore Blanc gepflegt, bis sie unter Schmerzen verstarb. Es ist wirklich tragisch und zugleich interessant, wie gut Floras Geschichte dokumentiert ist. Ich kann jedem nur eine Leseempfehlung aussprechen, auch, um sich in die leidvolle Geschichte Floras hineinzuversetzen und ihre Ziele und Träume zu verstehen.

Was lernen wir also aus Floras Geschichte?

Flora hat Zeit ihres Lebens ihren Traum nicht verwirklichen können: Den Traum einer aufrichtigen Gemeinschaft, in der nicht nur die Interessen der Adeligen und Aristokraten zählen, sondern vor allem das Miteinander der Arbeiter / Bürger. Diesen Traum können wir ihr helfen zu erfüllen, indem wir Bekanntes und Beständiges bezweifeln. Ist unsere derzeitige Lage, die derzeitige COVID-19-Krise, nicht ein Aufruf an die Arbeiter sich unabhängiger zu machen? Ist die gesellschaftliche Spaltung nicht ein Aufruf, sich nicht von den Scharlatanen kontrollieren zu lassen, die uns erzählen wollen, was richtig und was falsch ist? Die Geschichte Floras zeigt doch, das wir nicht erwarten können, dass unsere Probleme von „oben“ gelöst werden. Vielmehr sollten wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und eigenständig Lösungen schaffen, um das Zusammenleben auf dem Planeten Erde ein Stück weit harmonischer zu machen. Wer eine moderne Auffassung von „The Workers Union“ sucht, der wird mit „Die wahre Bedeutung der Kommunion“ gut bedient sein.

Danke fürs Lesen.

Tristan

„Die Gefühle, das Gedankenspiel einer Frau bergen so große Kräfte in sich, eine Frau verfügt über solch immensen geistigen Reichtum!„

Flora Tristan an ihre Freundin Olympe Chodzko

Literatur

Katharina Städtler: Literatura de viaje y género – Flora Tristán, Étienne de Sartiges y Johann Jakob von Tschudi en el Perú (1830-40). In: Sonja Steckbauer, Günther Maihold (Hrsg.): Literatura – Historia – Política. Articulando las relaciones entre Europa y América Latina. Vervuert, Frankfurt am Main 2004. ISBN 3-86527-182-0. S. 127–136. Zitat S. 129.

Susanne Knecht: Flora Tristan und Lady Callcott. Die zweite Entdeckung Lateinamerikas. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2004. ISBN 3-434-50573-3. S. 157.

Florence Hervé (Hrsg.): Flora Tristan oder: Der Traum vom feministischen Sozialismus. Dietz, Berlin 2013, ISBN 978-3-320-02293-8.

Arbeiterunion. Sozialismus und Feminismus im 19. Jahrhundert, ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-88332-128-1.

Im Dickicht von London oder Die Aristokratie und die Proletarier Englands, ISP-Verl., Köln, 1993, ISBN 3-929008-20-3.

SparreSulamith: „Hier bin ich, die Wegweisern“ Flora Tristan (1803-1844), Feministin, Sozialistin, Schriftstellerin. Schneekluth Verlag Kg, 1997. ISBN: 3-936049-60-2.