Meine Bachelorarbeit habe ich im Fach Oecotrophologie über das Thema Zusammenhang zwischen Aspekten der Achtsamkeit und Übergewicht geschrieben (2020). Die Schlüsse, die ich durch die Literaturrecherche und Umfrage zu dieser Studie gezogen habe, sind, wie ich finde, hochaktuell.

Die Ergebnisse verdeutlichen einmal mehr, wie maßgeblich und unterschiedlich die Auswirkungen von Stress auf den menschlichen Organismus sind.

In diesem Blogbeitrag möchte ich einige Grundkenntnisse vermitteln, indem ich einen Ausschnitt aus der Theorie meiner Bachelorarbeit veröffentliche, der dir helfen kann, dich in stressigen Situationen besser zurecht zu finden. Wenn du verstehst, wie du selbst funktioniert, bist du entsprechend entspannt und handlungsfähig.

Außerdem gibt es noch andere aktuelle Themen, als nur COVID-19. Auch bei Übergewicht sprechen einige Forscher von einer weltweiten Pandemie.

Die vollständige Arbeit, sowie die Umfrage und Auswertung zur Überprüfung meiner Arbeitshypothesen, findest du auf researchgate. Doch nun zur Theorie…

Bachelorarbeit

[…] Durch die steigenden Zahlen an übergewichtigen Menschen wird zugleich deutlich, dass mit herkömmlichen medikamentösen, chirurgischen, ernährungstherapeutischen und psychologische Therapien keine eindeutige Wirksamkeit erzielt werden kann. Bisherige Behandlungen scheinen eher einen kurzfristigen Effekt zu haben, jedoch keinen langfristig wirksamen. Wenn dem so wäre, würde sich die Anzahl der Menschen, die von der Krankheit geheilt wurden, in der Statistik des Deutschen Statistischen Bundesamtes widerspiegeln. Stattdessen ist es so, dass entweder mehr Menschen übergewichtig werden, als geheilt werden oder kein langfristiger Therapieerfolg erzielt wird. So kommen auch Ruban et al. in der Studie Current treatments for obesity(2019) zu demselben Ergebnis, nämlich, dass herkömmliche Therapien in ihrer Wirksamkeit begrenzt sind und neue Therapien gebraucht werden.[i]

Einen anderen Ansatz verfolgt die eingangs erwähnte Psychosomatik. Als Medizinkunde, welche einen non-dualistischen Therapieansatz verfolgt, versucht sie alle körperlichen Symptome auf die Psyche des Menschen zurückzuführen. Ausgehend von dem physikalischen Ursache-Wirkungs-Prinzip, überträgt die Heilkunde somit den Geist des Menschen auf die Materie, welche laut Psychosomatik erst dann auf körperlicher Ebene eine Wirkung entfalten kann (Problem), wenn es im Geiste einen Grund für das Problem gibt (Ursache).[ii]Definitionen für die Psychosomatik wurden bereits aufgeführt. Welche Ursache sieht die Heilkunde nun bei der Thematik des Übergewichts?

Der bereits angeführte Arzt und Psychotherapeut Dr. Rüdiger Dahlke sieht in Übergewicht die Problematik des konstanten Überangebots an Nahrung, mit der Folge, dass wir Emotionen, Erwartungen und speziell Stress puffern können. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln dient dabei auch als Anreiz für das Belohnungssystem sich kurzfristig Glück über den Botenstoff Dopamin zu verschaffen. Wer ungelöste psychische Probleme mit sich trägt, der wird konstant das dopaminerge Belohnungssystem aktivieren wollen, um sich nicht den eigenen Problemen beschäftigen zu müssen.14

Hinzu kommt die Tatsache, dass, obwohl die Universalität der fünf Grundgeschmacksqualitäten anerkennt werden (süß, sauer, bitter, salzig, umami), auch festgestellt wird, dass sich Menschen meist sehr stark in ihrer Fähigkeit unterscheiden, diese Qualitäten wahrzunehmen und zu genießen. Die Gründe für diese Unterschiede zwischen den Menschen sind nicht eindeutig. Die Genetik-Wissenschaftlerin Danielle Reed und ihre Kollegen führen diese Unterschiede auf eine Kombination von Erfahrungen zurück, die bereits in jungen Jahren begonnen haben. Somit kommt der objektiven Gültigkeit der gustatorischen Sinneswahrnehmung (Geschmack) eine subjektive Komponente hinzu, welche dadurch bestimmt wird, ob ein Mensch in stressigen Situationen trotz des Stresses gerne isst oder diesen Stress durch andere Verhaltensweisen kompensiert.[iii]Folgende Gleichungen können somit aus den bisherigen Erklärungen abgeleitet werden:

Stress + Sensibilität gustatorischer Sinneswahrnehmungen = erhöhter Appetit

Stress + Resistenz gustatorischer Sinneswahrnehmungen = Appetitlosigkeit

Eine weitere Theorie, die an meine Ausführungen anknüpft, ist die Selfish Brain-Theorievon Achim Peters.[iv]Der deutsche Adipositas-Forscher führt an, dass „Nicht Stress an sich unser Hauptproblem ist, sondern unsere Anpassung an chronischen psychosozialen Stress. Sie führt bei vielen dazu, dass sie, je nach Typ, entweder zu dick werden oder hager und depressiv.“ (vgl. Peters, 2011).37Er begründet diese Annahme anhand seines Modells, da sich das Gehirn im Falle eines Energiemangels egoistisch verhalten würde. Dies führt dazu, dass versucht wird, Energie über das sympathische Nervensystem vom Körper anzufordern, welches es dann bei Energiemangel in der Folge aus der Umgebung (durch Nahrungsmittel) beschaffen muss, um weiterhin Energie, in Form von Glukose, an das Gehirn weiterzuleiten (diesen Mechanismus nennt Peters Brain Pull). Im Gehirn wird Glukose vorrangig für die übergreifende Regulation lebenswichtiger Prozesse (wie den Herzschlag, die Atmung etc.), für Denkprozesse und für das Belohnungssystem genutzt. Da das Gehirn sehr viel mehr Energie im Vergleich zu anderen Organen verbraucht (bis zu 20%), reguliert der Organismus so den Energieverbrauch zu Gunsten des Gehirns.

Der Grund, warum manche Menschen durch Depressionen und Verstimmungen reagieren, andere wiederum durch eine erhöhte Nahrungsaufnahme, ist laut Achim Peters in der Anpassungsfähigkeit des Individuums begründet. Wenn ein Individuum einen leichten, aber chronischen Stressreiz empfindet, dann wird der Brain-Pull automatisch dafür sorgen, dass durchgängig mehr Glukose angefordert wird, vor allem durch ein vermehrtes Hunger-Gefühl. Wenn das Individuum sich also an den psychosozialen Dauerstress gewöhnt, so reagiert das Stresssystem (Zentrales Nervensystem) mit einer langfristig geringeren Frequenz an Stresshormonen. Eine inadäquate Stressreaktion des Körpers sorgt dann unterschwellig für ein vermehrtes Hungergefühl, da der Brain-Pull inkompetent wird. Ein zu hohes Stressempfinden sorgt wiederum genau für das Gegenteil, ein vermindertes Hungergefühl. Dies führt dann eher zu Depressionen bzw. Verstimmungen und einer Handlungsunfähigkeit in der eigenen Situation. Der Unterschied zwischen diesen beiden Typen, dem stresssensitiven Typ A, der eher zu einer verringerten Nahrungsaufnahme tendiert, und dem stressresistenten Typ B, hat sich inzwischen auch empirisch beobachten und nachweisen lassen. Flaa et al. konnten in ihrer Studie die chronisch leicht-verringerten Adrenalin-Werte (Stresshormone) in Verbindung mit Übergewicht setzen. Sie folgerten, dass die Adrenalinreaktion auf psychischen Stress ein negativer Prädiktor für den zukünftigen BMI ist.[v]

Zusammenfassend lässt sich somit aussagen, dass das eigene Empfinden über die akute und chronische Situation dazu beiträgt, ob ein Individuum Übergewicht aufbaut oder nicht. Dabei spielen sowohl genetische (Geschmackswahrnehmung), epigenetische (Erfahrungen), als auch subjektive Faktoren (Stress, Sehnsüchte) eine nicht zu vernachlässigende Rolle. 

Menschen, die lernen mit ihrer eigenen Wahrnehmung umzugehen, werden also vermutlich dazu tendieren, trotz der stressigen Umstände eine Zufriedenheit aufzubauen, die von Belohnungen in Form von Nahrungsmitteln unabhängig ist. Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der kurzfristigen Stresslinderung zu einem langfristigen Zustand psychischer Widerstandsfähigkeit gegenüber stressigen Situationen. Diese Widerstandsfähigkeit wird in der Psychologie auch als Resilienz bezeichnet. In mehreren Studien konnte bereits gezeigt werden, dass Achtsamkeitstechniken einen positiven Einfluss auf die Resilienz eines Individuums haben kann, ob bei Studenten, Krankenschwestern, Hausfrauen oder bei Militärsoldaten.[vi],[vii],[viii]

Somit schließt sich der Kreis zur bereits erwähnten Achtsamkeit. Achtsamkeit wird als ein Zustand der aktiv auf die Gegenwart gelenkten Aufmerksamkeit beschrieben. Somit findet eine Vergegenwärtigung des Jetzt bzw. gegenwärtigen Momentes statt. Darin sind alle Tätigkeiten eingeschlossen, die das Bewusstsein des Menschen in der Gegenwart verankern und ihm helfen zur Ruhe zu finden. Ursprünglich stammt diese Technik aus den fernöstlichen Kulturen, speziell dem Buddhismus.[ix]Die positiven Effekte auf das Wohlergehen sind zunehmend in den Fokus von Wissenschaftlern gerückt, sodass mit der Zeit schon einige Studien über die Auswirkungen von Achtsamkeit (engl. mindfulness) durchgeführt wurden.

An dieser Stelle werden zwei Definitionen eingebracht. Die Erste stammt von Jon Kabat-Zinn. Er sieht die Achtsamkeit als absichtvolle, gegenwärtige und nicht wertende Aufmerksamkeit (vgl. Kabat-Zinn, 1982, S. 33-47).[x]Die zweite Definition stammt von Daniel Goleman, welcher den Begriff der Emotionalen Intelligenz (EQ), als Erweiterung des Intelligenzquotienten (IQ) zum Umgang mit sich selbst, in das wissenschaftliche Interesse gerückt hat. Er sieht die Achtsamkeit mehr als die Wahrnehmung der inneren Zustände, der emotionalen Kontrolle und der Entwicklung der eigenen Empathie(Goleman, 2007).[xi]Was beide Theorien miteinander verbindet, ist die Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Innere, anstatt auf äußere Ereignisse. Man kann somit darauf schließen, dass durch die Achtsamkeit gelernt wird, wieder mehr auf seine eigenen Bedürfnisse zu hören.

Nun gibt es eine Reihe von Bedürfnissen, die der Psychologe Abraham Maslow in seinem sozialpsychologischen Modell definiert hat: Darin unterscheidet er zwischen Defizitbedürfnissen und Wachstumsbedürfnissen. Die Bedürfnisse des Menschen sind zur Veranschaulichung in einer Pyramide angeordnet worden, beginnend mit überlebenswichtigen Defizitbedürfnissen, wie etwa den physiologischen Bedürfnissen (Essen, Trinken, Atmen, Schlaf), Sicherheitsbedürfnissen und sozialen Bedürfnissen. Darauf folgen die Wachstumsbedürfnisse, wie die Individualität und die Selbstverwirklichung, die der Mensch für sein Überleben nicht unbedingt benötigt.[xii]Was wir aus diesem Modell lernen, ist, dass die Nahrungsaufnahme zu einem der essentiellsten Verlangen des Menschen gehört. Wenn das Nahrungsmittelbedürfnis und die Befriedigung dessen nicht gewährleistet sind, so rücken die Wachstumsbedürfnisse in den Hintergrund. So sagte schon der bekannte Lyriker Bertolt Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“(Brecht, 1928, S. 26).[xiii]Wachstumsbedürfnisse sind ein wichtiger Teil des Menschen, der dazu beiträgt, dass Zufriedenheit erlangt werden kann. Ist der Prozess der Nahrungsmittelaufnahme gestört, so werden auch die Wachstumsbedürfnisse entsprechend vernachlässigt.

Somit hat die psychologische Verfassung, mit der ein Mensch Nahrungsmittel verzehrt und die Weise, wie er sie verzehrt einen enormen Einfluss auf das körperliche Gewicht. Dies verweist uns auf eine Thematik, die in der Literatur auch als das Henne-Ei Problembekannt ist: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?Und im Falle des Übergewichtes: Was kam zuerst, das Lebensmittel, welches die psychologische Verfassung ändert und zum Konsum verleitet oder die psychologische Verfassung, welche durch Stress (Distress) zur erhöhten Nahrungsmittelaufnahme führt?

Die Beantwortung dieser Frage ist recht simpel: Tiere weisen in ihrer gewohnten Umgebung (Habitat) kein Übergewicht auf. Erst der Eingriff des Menschen in die Lebensweise des Tieres führt zur krankhaften Verfettung. In vielen Fällen dienen z.B. Mäuse und Ratten als Versuchstiere für Übergewicht, gerade weil Tiere sehr leicht zu mästen sind. Im natürlichen Lebensraum ist ein Tier immer an seine Umgebung angepasst und muss sich stets auf die Futtersuche begeben. Somit ist die Erklärung für Übergewicht auch in der heutigen Umgebung und Verfügbarkeit der Nahrungsmittel zu suchen, wie Rüdiger Dahlke es erklärte. Denn der Mensch muss nur noch einen geringen Energieaufwand betreiben, um Nahrungsmittel zu konsumieren.[xiv]Diese Bequemlichkeit, ausgehend von der kulturellen Entwicklung einer bewegungsarmen und sicheren Umgebung, führt den Menschen überhaupt in die Möglichkeit, vermehrt Gewicht zuzulegen. Dabei begründet sich das Problem des steigenden Übergewichtes der Gesellschaft nicht in der Umgebung, sie ermöglicht das Problem nur. 

Die Harvard-University gibt in einem Artikel (Harvard Mental Health Letter) an, dass eine erhöhte Nahrungsmittelaufnahme mit Stress verbunden ist.[xv]Dabei ist die Kompensation des Stressreizes von Mensch zu Mensch verschieden und äußert sich bei Menschen, die eine Tendenz zu Übergewicht haben dadurch, dass durch den gustatorischen Stimulus eine Stresslinderung verschafft wird. Damit verlagert sich das Problem des Übergewichtes von bisherigen Erklärungsmodellen, welche die Außenwelt fixiert haben, auf die Innenwelt des Menschen, denn dort herrscht der Drang vermehrt das Belohnungszentrum über Dopamin zu aktivieren und Stress zu reduzieren. Die stetige Bereitschaft des Menschen Nahrungsmittel zu konsumieren, mehr als er für sein Überleben braucht, wird erst dann möglich, wenn Stress als psychischer Druck von der Außenwelt auf die Innenwelt verstanden wird.

So zeigten Schneidermann et al. (2005) in einer Studie einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Stress und Gesundheit auf.[xvi]Sie folgerten, dass junge und gesunde Personen sich an einen akuten Stressreiz anpassen können und dadurch normalerweise keine langfristige Gesundheitsbelastung entsteht. Wenn die Bedrohung jedoch unablässig ist, insbesondere bei älteren oder immungeschwächten Personen, können die langfristigen Auswirkungen von Stressoren die Gesundheit schädigen. Somit stellen langfristige Herausforderungen, welche als negativ bewertet werden, nicht nur eine Beeinträchtigung der Lebensqualität auf psychologischer Ebene dar, sondern im Umkehrschluss auch auf biochemisch messbarer Ebene.[xvii]

Der Zusammenhang zwischen Biochemie und Psychologie ist über das zentrale Nervensystem eindeutig erklärbar. Das ZNS ist mit dem Begriff der Mittelkraftnach Friedrich Schiller vergleichbar.[xviii]Die Mittelkraft fungiert als Transmitter zwischen Körper und Geist. Die Mittelkraft wird durch einen extrinsischen (äußeren) und intrinsischen (inneren) Stimulus beeinflusst, den bereits mehrfach erwähnten Stress. Abhängig von Art, Zeitpunkt und Schweregrad des spezifischen Stimulus, kann Stress verschiedene Wirkungen auf den Körper ausüben, die von Veränderungen der Homöostase über lebensbedrohliche Wirkungen bis hin zum Tod reichen.[xix]Der Wirkungsbereich der sogenannten Stresshormone (Adrenalin und Cortisol) hat nicht nur einen Einfluss auf Neurotransmitter (Dopamin, Serotonin, Acetylcholin etc.), die Botenstoffe des Gehirns, sondern einen Einfluss auf den kompletten Körper des Menschen.[xx]

Vereinfacht dargestellt gelangt ein Stressreiz über die Sinneswahrnehmungen zum Gehirn, woraufhin dann über den sympatho-adrenalen Signalweg des zentralen Nervensystems eine Ausschüttung der Neurotransmitter Noradrenalin und Acetylcholin verursacht wird.[xxi]Ihre Aufgabe besteht in der nervalen Reizweiterleitung über das Rückenmark zur Nebenniere, wo die Ausschüttung von Adrenalin ausgelöst wird. Die Auswirkungen von Adrenalin auf den Organismus sind vermehrte Durchblutung des Gehirns, Aktivierung der Bronchien, erhöhte Muskelspannung, Blutgerinnung, Libido Hemmung, Verdauungshemmung und erhöhte Herzfrequenz. Damit wird auch die Aufgabe des Sympathikus für das Überleben klar, denn die Verarbeitung findet im Stammhirn statt, einem der ältesten Teile des Gehirns.[xxii]Der auch als Reptiliengehirnbezeichnete Teil des Gehirns soll den Organismus auf die Situation Kampf oder Flucht vorbereiten, sodass Lebewesen vor lebensgefährlichen Situationen flüchten oder bereit sind zu kämpfen.[xxiii],[xxiv]

Dieses akute System zum Schutz des Überlebens (Sympathikus-Nebennierenmark-Achse, SAM) wird unterstützt durch die sogenannte zweite Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, HPA). Beide Stressachsen sind über Adrenalin und Cortisol miteinander verbunden. Ein vermehrter Anstieg an Adrenalin führt zur Rückkopplung mit dem Stresshormon Cortisol, welches durch das in der Nebennierenrinde gebildete Adreno-Corticotrope-Hormon (ACTH) angeregt wird. Auf der einen Seite wird so durch Cortisol eine entzündungshemmende Reaktion verursacht, welche die vermehrte Aktivität, Leistungsbereitschaft und Anspannung puffern soll, auf der anderen Seite wird über den Hypothalamus die Aktivität von Adrenalin gehemmt.[xxv]

Eine verlängerte oder übertriebene Stressreaktion kann eine Cortisol-Dysfunktion auslösen. Dadurch kann die Aktivität der SAM-Achse sowie die Ausschüttung von Adrenalin nicht mehr richtig durch die HPA-Achse (Cortisol) gepuffert werden, sodass chronische Entzündungen entstehen, welche sich in verschiedenen Erkrankungen äußern können, wie etwa Typ-2-Diabetes, Depressionen und Angstzuständen. Typ-2-Diabetes steht in der Literatur in direktem Zusammenhang mit Übergewicht.[xxvi],[xxvii],[xxviii],[xxix]Damit kommt dem zentralen Nervensystem über die Aktivierung des Sympathikus (bzw. Parasympathikus, dem entgegengesetzten Signalweg) eine zentrale Rolle bei der Regulation des Körpergewichts durch das Hormonprofil zu. Die Wichtigkeit erkennt man auch daran, dass die Dysregulation des Stresssystems während der Wachstums- und Entwicklungsphase von Kindern häufig zu psychiatrischen Störungen führen.[xxx]

Negativer Stress (Distress) ist im Leben unvermeidlich, jedoch sind Herausforderungen auch mit positivem Stress (Eustress) und Erfolg verbunden. Menschen haben die Möglichkeit zu ändern, wie sie einen Stressreiz empfinden und darauf reagieren. Übertriebene Reaktionen eines Menschen nach einer kognitiven Fehleinschätzung potenzieller Gefahren für das eigene Leben können die Cortisolsekretion fehlregulieren und die Festigung angstbasierter Erinnerungen an Schmerzen oder andere potenzielle Gefahren verschlimmern. Bewältigung, kognitive Neubewertung oder Konfrontation von Stressoren können jedoch die Cortisolsekretion justieren und chronischen, wiederkehrenden physischen und mentalen Schmerzen vorbeugen.[xxxi]Stressmanagement-Techniken sind dabei im alltäglichen Leben für die langfristige Gesundheit von entscheidender Bedeutung.

Eine Möglichkeit zur Prävention vor Übergewicht wäre demnach die Erhaltung des Gleichgewichtes (Homöostase) des zentralen Nervensystems. Ein Gleichgewicht kann nur eingehalten werden, wenn zwei entgegengesetzte zelluläre Schalter in ihrem physiologischen Bereich arbeiten. Zellschalter können wiederum lediglich im pathologischen Bereich arbeiten, wenn der entgegengesetzte Zellschalter nicht genügend Pufferkapazitäten besitzt, dementsprechend nicht genügend aktiviert wird. Eine Cortisol-Dysfunktion sollte demnach nicht möglich sein, wenn die vermehrte Aktivierung des Sympathikus durch den Parasympathikus (auch als Heilnerv bekannt) gepuffert wird. Dadurch erhält der Körper Zeit zur Regeneration der Entzündungen durch Abbau des Cortisols. Ist übermäßig viel Cortisol vorhanden, wird der Rezeptor zur Ausschüttung des Stresshormons resistent und der Körper kann die entstandenen Entzündungen nicht mehr regenerieren.[xxxiii]Damit liegt die Aufmerksamkeit nun auf der Aktivierung des Parasympathikus zur Erhaltung der Homöostase.

Eine Alternative, welche für therapeutische Zwecke genutzt wird, ist die kognitive Neubewertung des Stressreizes. In der Therapie können gezielt Stressfaktoren in ihrer Ursache erkannt und neubewertet werden, sodass in der Folge bestimmte Stressreize weniger stark den sympathischen Signalweg aktivieren.[xxxiv],[xxxv]Der Nachteil dieser Praktik liegt in der Abhängigkeit von einem Therapeuten, der bei der Behandlung von psychologischen Problemen und Stress häufig erforderlich ist. 

Neben therapeutischen Interventionen kann aber auch Sport präventiv wirken. Dabei schützt Bewegung nicht nur durch den erhöhten Kalorienverbrauch vor Übergewicht, sondern auch über Anpassungen im neuroendokrinen System, sodass die hormonelle Stressreaktion (auf Ebene eines submaximalen Trainings) den zirkulierenden basalen Stresshormonspiegel verringern kann. Die Verringerung der hormonellen Stressreaktion durch Bewegungstraining hat Auswirkungen auf den Umgang mit vielen chronischen stressbedingten Gesundheitsproblemen. Allerdings kann die Überbeanspruchung des sympathischen Nervensystems durch Sport auch zu Problemen führen:Übermäßiges Training begünstigt die Entwicklung chronischer Müdigkeit, was auch als Zustand des Übertrainingssyndroms bekannt ist.[xxxvi]Sport führt jedoch in gemäßigter Form durch eine Aktivierung des Sympathikus zu einer verbesserten Aktivierung des Parasympathikus.[xxxvii],[xxxviii]Da Sport jedoch nicht zu den typischen Achtsamkeitstechniken gezählt wird, trotz der Aktivierung ähnlicher biochemischer Signalwege, ist er in dieser Arbeit nicht weiter relevant.[xxxix]

Was Achtsamkeitstechniken, wie etwa die Meditation, Yoga und weitere Entspannungsübungen gemeinsam haben, ist nicht nur die Aktivierung des biochemischen Signalwegs über das parasympathische Nervensystem. Durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit zur Verringerung von Ablenkung werden intrinsische Erfahrungen wie Emotionen, Gefühle und Gedanken erkannt und ausgelebt. Dies hat eine Veränderung des neuronalen Netzwerkes im Sinne der kognitiven Neubewertung ohne bewusste Verarbeitung zur Folge. Somit helfen Achtsamkeitstechniken auch bei der Interpretation von neuen oder konditionierten Erfahrungen ohne Therapeuten. Dabei kommen Joseph Wielgosz et al. (2019) in ihrer Literaturauswertung sogar zu dem Schluss, dass richtig konzipierte und durchgeführte Achtsamkeitsinterventionen vergleichbar mit etablierten schulmedizinischen Behandlungen von Depressionen, Angstzuständen, Schmerzen und Konsum von Drogen sind.[xl]Eine Meta-Analyse von Blanck et al. (2016) zeigte, dass die regelmäßige Durchführung von Achtsamkeitsübungen bei Angstzuständen und Depressionen vorteilhaft ist, auch ohne in therapeutische Rahmenbedingungen integriert zu sein.[xli]Vorläufige Beweise stützen auch mögliche Anwendungen bei Essstörungen, posttraumatischem Stress und weiteren schweren psychischen Erkrankungen. Achtsamkeitsübungen sind laut dem Forscher William Marchand (2012) zudem auch vorteilhaft für die allgemeine psychische Gesundheit und das Stressmanagement bei gesunden Personen.[xlii]Damit bergen Achtsamkeitstechniken ein großes Potenzial für die Behandlung mit psychotherapeutischen Methoden und zur Stressreduktion. […]

Das war’s auch schon. Gar nicht so schwer… oder? 😉

Du hast Fragen, Anregungen, Kritik?

Meine Bachelorarbeit auf researchgate.

Herzlich
dein Tristan.


Inhaltsverzeichnis

[i]Ruban, Aruchuna et al. (2019). Current treatments for obesity. Clin Med Lond. 19 (3): S- 205–212. doi:10.7861/clinmedicine.19-3-205.

[ii]Herpertz, S. & Saller, B. (2001). Psychosomatische Aspekte der Adipositas [Psychosomatic aspects of obesity]. Psychother Psychosom Med Psychol. 51 (9-10): S. 336‐349. doi:10.1055/s-2001-16901.

[iii]Reed, Danielle R. et al. (2006). Diverse tastes: Genetics of sweet and bitter perception. Physiol Behav. 88 (3): S. 215–226. doi:10.1016/j.physbeh.2006.05.033.

[iv]Peters, Achim et al. (2011). The selfish brain: stress and eating behavior. Front Neuroscience 5 (74). doi:10.3389/fnins.2011.00074.

[v]Flaa, Arnlijot et al. (2008): Does sympathoadrenal activity predict changes in body fat? An 18-y follow-up study. Am J Clin Nutr. 87: S. 1596–1601.

[vi]Galante, Julieta et al. (2018). A mindfulness-based intervention to increase resilience to stress in university students (the Mindful Student Study): a pragmatic randomised controlled trial. Lancet Public Health. 3 (2): e72–e81. doi:10.1016/S2468-2667(17)30231-1.

[vii]Foureur, Maralyn et al. (2013). Enhancing the resilience of nurses and midwives: pilot of a mindfulness-based program for increased health, sense of coherence and decreased depression, anxiety and stress. Contemp Nurse. 45 (1): S. 114-25. doi: 10.5172/conu.2013.45.1.114. 

[viii]Johnson, Douglas C. et al. (2014).  Modifying resilience mechanisms in at-risk individuals: a controlled study of mindfulness training in Marines preparing for deployment. Am J Psychiatry. 171 (8): S. 844–853.

[ix]Sharf, Robert H. (2015). Is mindfulness Buddhist? (and why it matters). Transcult Psychiatry. 52 (4): S. 470‐484. doi:10.1177/1363461514557561

[x]Kabat-Zinn, Jon (1982). An outpatient program in behavioral medicine for chronic pain patients based on the practice of mindfulness meditation: Theoretical considerations and preliminary results. General Hospital Psychiatry. 4 (1): S. 33–47. doi:10.1016/0163-8343(82)90026-3.

[xi]Goleman, Daniel (2007). EQ. Emotionale Intelligenz“ 19. Aufl., München: dtv Verlagsgesellschaft, S. 67 ff.

[xii]Maslow, Abraham (1943). A Theory of Human Motivation. Psychological Review, 50 (4): S. 370-378.

[xiii]Brecht, Bertolt (1928). Denn wovon lebt der Mensch? Erstauflage 1928, Frankfurt am Main: Die Dreigroschenoper, Suhrkamp, S. 67.

[xiv]Gordon-Larsen, Penny (2014). Food availability/convenience and obesity. Adv Nutr. 5 (6): S. 809–817. doi:10.3945/an.114.007070.

[xv]Harvard Medical School (2011). Stress and overeating.Verfügbar unter: https://www.health.harvard.edu/staying-healthy/why-stress-causes-people-to-overeat (30.05.2020)

[xvi]Schneiderman, Neil et al. (2005). Stress and health: psychological, behavioral, and biological determinants. Annu Rev Clin Psychol. 1: S. 607–628. doi:10.1146/annurev.clinpsy.1.102803.144141.

[xvii]Weiss, Daniel S. et al. (1984). The Stress Response Rating Scale: a clinician’s measure for rating the response to serious life-events. Br J Clin Psychol. (3): S. 202-215.

[xviii]Sutermeister, Hans M. (1995). Schiller als Arzt. Bern: Haupt, S. 14.

[xix]Yaribeygi, Habib et al. (2017). The impact of stress on body function: A review. EXCLI J. (16): S. 1057–1072. doi:10.17179/excli2017-480.

[xx]Dfarhud, Dariush et al. (2014). Happiness & Health: The Biological Factors- Systematic Review Article. Iranian journal of public health, 43 (11): S. 1468–1477.

[xxi]Kumar, Anil et al. (2013). Stress: Neurobiology, consequences and management. Journal of pharmacy & bioallied sciences, 5 (2): S. 91–97. https://doi.org/10.4103/0975-7406.111818

[xxii]McEwen, Bruce S. (2008). Central effects of stress hormones in health and disease: Understanding the protective and damaging effects of stress and stress mediators. European journal of pharmacology. 583 (2-3): S. 174–185. https://doi.org/10.1016/j.ejphar.2007.11.071

[xxiii]Naumann, Robert K. et al. (2015). The reptilian brain. Current biology. 25 (8): S. 317–321. https://doi.org/10.1016/j.cub.2015.02.049.

[xxiv]Goldstein, David S. (2010). Adrenal responses to stress. Cell Mol Neurobiol. 30 (8): S. 1433–1440. doi:10.1007/s10571-010-9606-9.

[xxv]Lee, Do Y. et al. (2015). Technical and clinical aspects of cortisol as a biochemical marker of chronic stress. BMB Rep. 48 (4): S. 209–216. doi:10.5483/bmbrep.2015.48.4.275.

[xxvi]Merlotti, Claudia et al. (2020). Prevention of type 2 diabetes in obese at-risk subjects: a systematic review and meta-analysis. Diabet Med. 37 (4): S. 623-635. doi: 10.1111/dme.14193.

[xxvii]Maula, Asiya et al. (2020). Educational weight loss interventions in obese and overweight adults with type 2 diabetes: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Diabet Med. 37 (4): S. 623–635. doi:10.1111/dme.14193.

[xxviii]Leitner, Deborah R. et al. (2017). Obesity and Type 2 Diabetes: Two Diseases with a Need for Combined Treatment Strategies – EASO Can Lead the Way. Obes Facts. 10 (5): S. 483–492. doi:10.1159/000480525.

[xxix]Al-Goblan, Abdullah S. et al. (2014). Mechanism linking diabetes mellitus and obesity. Diabetes Metab Syndr Obes. 7: S. 587–591. doi:10.2147/DMSO.S67400.

[xxx]Kumar, Anil et al. (2013). Neurobiology, consequences and management. J Pharm Bioallied Sci. 5 (2): S. 91–97. doi:10.4103/0975-7406.111818.

[xxxi]Hannibal, K.E. & Bishop, M.D. (2014). Chronic stress, cortisol dysfunction, and pain: a psychoneuroendocrine rationale for stress management in pain rehabilitation. Phys Ther. 94 (12): S. 1816–1825. doi:10.2522/ptj.20130597.

[xxxii]Joseph, J.J. & Golden, S.H. (2017). Cortisol dysregulation: the bidirectional link between stress, depression, and type 2 diabetes mellitus. Ann N Y Acad Sci. 1391 (1): S. 20–34. doi:10.1111/nyas.13217

[xxxiii]McCorry, Laurie K. et al. (2007). Physiology of the autonomic nervous system. Am J Pharm Educ. 71 (4): S. 78. doi:10.5688/aj710478.

[xxxiv]Zeng, Xiang X. et al. (2014). Unconditioned stimulus revaluation to promote conditioned fear extinction in the memory reconsolidation window. PLoS One. 9 (7): e101589. doi:10.1371/journal.pone.0101589.

[xxxv]Malhotra, S & Sahoo, S. (2017). Rebuilding the brain with psychotherapy. Indian J Psychiatry. 59 (4): S. 411–419. doi:10.4103/0019-5545.217299.

[xxxvi]Hackney, Anthony C. (2006). Stress and the neuroendocrine system: the role of exercise as a stressor and modifier of stress. Expert Rev Endocrinol Metab. 1 (6): S. 783–792. doi:10.1586/17446651.1.6.783.

[xxxvii]Christensen, N.J. & Galbo, H. (1983). Sympathetic nervous activity during exercise. Annu Rev Physiol. 45: S.139‐153. doi:10.1146/annurev.ph.45.030183.001035

[xxxviii]Goldsmith, Rochelle L. et al. (2000). Exercise and autonomic function. Coron Artery Dis. 11 (2): S. 129‐135. doi:10.1097/00019501-200003000-00007.

[xxxix]Goldstein, Ellen et al. (2018). Mediational pathways of meditation and exercise on mental health and perceived stress: A randomized controlled trial Health Psychol. 1359105318772608. doi:10.1177/1359105318772608.

[xl]Wielgosz, Joseph et al. (2019). Mindfulness Meditation and Psychopathology. Annu Rev Clin Psychol. 15: S. 285–316. doi:10.1146/annurev-clinpsy-021815-093423.

[xli]Blanck, Paul et al. (2018). Effects of mindfulness exercises as stand-alone intervention on symptoms of anxiety and depression: Systematic review and meta-analysis. Behav Res Ther. 102: S. 25‐35. doi:10.1016/j.brat.2017.12.002.

[xlii]Marchand, William R. (2012). Mindfulness-based stress reduction, mindfulness-based cognitive therapy, and Zen meditation for depression, anxiety, pain, and psychological distress. J Psychiatr Pract. 18 (4): S. 233‐252. doi:10.1097/01.pra.0000416014.53215.86.

Hier veröffentliche ich jeden Tag meiner Reise von Porto nach Santiago de Compostela auf dem Caminho Português Costa (8. August 2020 bis 19. August 2020) ein paar Zeilen über meine Reise und Abenteuer. Ich freue mich sehr, wenn ich euch inspirieren kann, diesen Weg auch zu gehen. Ich gehe bereits zum zweiten Mal den Jakobsweg (Caminho Português), da ich beim ersten Mal viel über mich selbst lernen durfte. Der Weg ist somit zugleich Arbeit an mir selbst und Selbstfindung. Wenn du jemanden kennst, der jemanden kennt, der den Weg auch schon gehen wollte und will, dann lass ihm doch dieses Journal zukommen. Vielleicht darf ich ja den ein oder anderen Menschen inspirieren.

Meine Route wird vrsl. (Portugal) Porto – Vila do Conde – Viana do Castelo – Caminha – (Spanien) Tui – Redondela – Pontevedra – Caldas de Reis – Santiago de Compostela – (und dann mit dem Bus zurück nach Portugal) Porto

7. August 2020

Es ist der Abend (20:00 Uhr) vor Abflug. Ich habe Seitenstechen. Vor Aufregung? In jedem Fall bin ich gespannt. Es ist ähnlich wie letztes Jahr. Man macht sich alle möglichen Gedanken, was einen erwarten könnte. Aber planen kann man selbst eh nicht. Man kann sich nur gut vorbereiten. Daher werde ich jetzt auch noch fünf Mal meine Packliste durchgehen. Auch wenn ich es nicht verhindern kann, dass das Universum mich immer genau eine essentielle Sache vergessen lässt, hoffe ich, alles Nötige zu haben. Und ich werde nun noch ein wenig meditieren. So richtig schön nichts tun. Das habe ich lange nicht mehr so wirklich. Denn in unserer schnelllebigen Zeit versucht man doch irgendwie alles, um den Lebenslauf zu füllen. Davon nehme ich nun schon mal einen Tag vor Abflug Abstand. Jakobsweg – ich komme.

8. August 2020

Es ist abends, 20 Uhr in Porto. In Deutschland ist es 21 Uhr. In Porto sind 19 Grad, in Düsseldorf sind 32 Grad. Also alles richtig gemacht. Der Schrittzähler zeigt 18.500 Schritte. Bei 30km pro Tag schlägt das Tacho schon mal auf bis zu 40.000-50.000 Schritte. Also, da geht noch einiges mehr. Ich sitze zufrieden im Gewächsgarten der Pilgerherberge und resümiere den Tag.

Heute kam ich mir ein wenig wie der Protagnoist Saitama der Serie One Punch Man vor. Saitama, der unbesiegbare Held der Serie, kommt immer zu spät, um ein Monster/Bösewicht zu besiegen, schafft es aber immer noch gerade eben die Welt zu retten. Alle anderen haben bravourös versagt. Und Saitama siegt mit nur einem einzigen Schlag.

Das trifft es bei mir ziemlich gut. Ich weiß genau, dass mein Urlaubsanfang immer das Schwerste ist. Und so auch dieses Mal. Mein Zug war zu spät, aber ich kam gerade noch rechtzeitig am Flughafen an. Natürlich war der Flug auch zu spät. Die Busfahrerin, die uns vom Flughafen in die Innenstadt von Porto bringen sollte, nahm nur Kleingeld an. Ich sprintete rein und kaufte mir eine Cola. Als ich wieder rauskam, fährt sie gerade weg. Halbe Stunde später: Der Busfahrer nahm doch Scheine an. Vielen Dank. Und zu guter letzt merkte ich: Die Herberge, die ich online reserviert habe, war die, die letztes Jahr überfüllt war und bei der ich keinen Platz mehr bekommen habe, wodurch ich ein 85€ teurer Hotel nehmen musste, weil um die Uhrzeit nichts anderes aufhatte. Wie witzig. Das hilft meinem verlorenen Geld zwar auch nicht mehr… aber immerhin läuft es wie bei Saitama: Mit einigen Verlusten bin ich am Ende des ersten Tages wohlbehalten angekommen und habe zumindest die ersten Übel abgewendet.

Auch, wenn mir der Tag super lang vorkam und ich nun sehr erschöpft bin, so haben einige Ereignisse mir den Tag verbessert. Darunter das Glücksgefühl im Urlaub zu sein, die Alltagssorgen hinter sich zu lassen und die freundlichen Menschen aus Portugal zu sehen. 🇵🇹

Aber auch hier merkt man, dass die Corona-Stimmung angekommen ist. Die Menschen wirken misstrauischer als letztes Jahr. Und dennoch sind sie fantastische Gastgeber. Sogar die Besten, die es auf der Welt geben soll, laut Raimund Joos, Pilgerführer und Reisebuchautor. Das Stichwort lautet: Saudade.

Nachdem ich in der Herberge eingecheckt habe (einer der Schönsten, ich der ich je war!) und mich ein bisschen in Porto umgesehen habe, mache ich es mir gemütlich und versuche zu entspannen. Dabei bekomme ich allerdings eine Situation von diesem Tag nicht aus dem Kopf. Die Krönung des Tages war heute mal ein Deutscher.

Ich sitze im Zug. Ein Ehepaar kommt mit Fahrrädern herein.

Der Ehemann fragt lauthals:

„Fährt dieser Zug nach Linz?“

Ein Mitfahrer antwortet:

„Dieser Zug fährt nach Rechts.“

„Also fährt er nicht nach Linz?“

„Der Zug fährt nach Koblenz.“

„Liegt das denn auf dem Weg?“

Ehefrau sichtlich genervt:

„Ja, auf unserem Plan steht, dass Linz in Richtung Koblenz liegt.“

Ehemann: „Aber der Zug fährt doch nach rechts!“

Mitfahrer: „Alle Züge fahren nach rechts.“

Ehemann: „Okay also sind wir hier falsch.“

20 Sekunden später.

Das Ehepaar kommt wieder herein.

Ehemann: „Wir müssen doch nach Koblenz.“

Ehefrau (»Genervt bis zum geht nicht mehr«): „Ich habs dir doch gesagt!“

Ehemann: „Tut mir leid, ich hab es nicht gesehen. Ich dachte wir müssen nach Linz.“

Und das ging knapp 10 Minuten in der Manier. Nach der Geschichte will ich echt gerne Mal nach Linz und wissen, was es da Spannendes gibt. 😂

Wie dem auch sei: Mein Tag neigt sich dem Ende zu. Und ich bin gespannt, was mich morgen erwartet. Heute ist zwar die Reise gestartet – aber die richtige Wanderung folgt erst morgen. Es gibt viel zu entdecken.

Nun entspanne ich erstmal mit der Katze, die sich hier in meine Füße verliebt hat. Kein Scherz – davon gibt es Videos. Sie will glaube ich meine Füße heiraten. Immer diese Fußfetischisten…

Ich freue mich sehr auf die weitere Reise.

Bis morgen, euer Tristan.

P.S. Ich sag ja, eine Sache vergesse ich immer. In diesem Fall: Flip Flops.

Innenhof der Herberge in Porto

9. August 2020

Es ist 20 Uhr abends. Heute bin ich von Porto nach Vila do Conde gelaufen. Das Wetter lag den ganzen Tag über bei 19-21 Grad mit dicken Wolken und Niesel. In Düsseldorf waren es knapp 33 Grad bei Sonnenschein. Der Tag heute war irgendwas zwischen mittelmäßig und katastrophal. Aber meine Laune ist trotzdem recht positiv. 🙂

Wie kam es dazu?

Die Nacht habe ich vermutlich kein Auge zugetan. Obwohl wir nur zu dritt im Raum mit 12 Betten waren, hat man jedes Knarzen des Bettes gehört. Und ich war zu faul, um meine Ohrstöpsel aus dem Schließfach zu holen.

Nachdem ich gegen 6:40 Uhr aufgestanden bin (40 Minuten vor meinem Wecker) hat mich als erstes Pie empfangen – so habe ich die Katze genannt, welche sich den Abend über mit meinen Füßen vergnügt hat. Pie heißt auf Spanisch „Fuß“. Passt ganz gut denke ich. Zumal Pie mich (bzw. meine Füße) nicht hat gehen lassen, bis ich versprochen habe, dass ich am 18. August wiederkomme und für eine Nacht bleibe. Am 19. geht nämlich mein Flieger von Porto zurück nach Köln/Bonn. Glücklicherweise ist sie dann mit einem Fauchen abgehauen. Katzen sind schon schlau. Und manchmal etwas unheimlich.

Als ich dann los bin, habe ich noch im Hinterkopf gehabt, wie ich am Vorabend zu einem Pilgerer (dessen Name mir leider entfallen ist) gesagt habe: „I think tomorrow will be very exhausting for me“ (Übersetzt: Ich habe das Gefühl morgen wird sehr anstrengend für mich). Leider wusste ich nicht, wie recht ich hatte.

Am Ende meines Tages habe ich 53.000 Schritte bei 39km und 8h Laufzeit (1h Pause). Gegen 17:30 Uhr bin ich angekommen. Mir tut gefühlt alles im Unterkörper weh. Hüfte, Wade, Knie und Füße. Kein Wunder, wenn man die längste Strecke des Weges direkt an den Anfang legt. Solltet ihr also mal den Küstenweg des Caminho Portugues machen – dann bleibt am besten in einer der Herbergen vor Vila do Conde.

Und obwohl es bewölkt war, habe ich mir zusätzlich noch einen Sonnenbrand eingefangen. Ich höre noch die Stimme meiner besseren Hälfte Céline in meinem Kopf, wie sie sagte: „Aber nimm die Sonnencreme mit.“ Aber so schlau bin ich leider nicht. In dem Fall lasse ich es eher drauf ankommen. Aber jedem das Seine. Ich muss jetzt mit dem Sonnenbrand leben.

Unterwegs habe ich leider nur drei Pilgerer gesehen, wobei ich mich nur mit einem länger unterhalten habe. Mit Chris, einem Vertriebler aus Stuttgart. Er wirkte ganz sympathisch – wir hatten jedoch unterschiedliche Pläne und haben uns dann getrennt. Sei‘s drum. Man sieht sich eh immer wieder. Schade nur, dass hier so wenig los ist.

Die Strecke von Porto bis nach Vila do Conde sieht überall relativ ähnlich aus. Strand, Holzsteg und viele Bars. Das Flair Portugals kommt so richtig durch. Mich konnte nichts davon abhalten, meine Füße ins Wasser zu stecken. Ich wäre auch noch reingesprungen, wenn mir nicht alles wehtun würde. Also hoffentlich morgen.

Zum Schluss bei der Ankunft dann die letzte schlechte Nachricht des Tages: Alle Herbergen sind entweder wegen Corona geschlossen oder voll. Also, dann ein Einzelzimmer für 40€. Sind immerhin 30€ über dem Budget, aber dafür eine ruhige Nacht. Und was Billigeres gab es eh nicht mehr.

Was mich heute froh gestimmt hat war, dass ich mit dem Schreiben angefangen habe und auch direkt einige Impulse hatte. Ich hoffe dies mehrt sich über die nächsten Tage. Aber daran habe ich keinen Zweifel. Auch mit Qui-Gong würde ich gerne noch beginnen. Dafür habe ich mir speziell ein Buch mitgenommen, welches die Basics der chinesischen Energie-Heilkunst lehrt.

Abschließend findet ihr noch einige Bilder von meinem Weg. Es war teilweise wirklich ein atemberaubender Weg. Auch wenn es nicht mit dem traditionellen Weg, den ich letztes Jahr gegangen bin, zu vergleichen ist. Muss man aber auch nicht vergleichen. Beides hat seinen Charme.

Ich versuche mich nun noch ein wenig zu entspannen und bin in freudiger Erwartung, was noch in den nächsten 10 Tagen passiert.

Herzlich, euer Tristan.

Entspannendes Meeresrauschen von Caminho Português Costa.
Holzbrücke an der Küste Portugals (Lavra – Matasinhos).
Eine mit Steinen verzierte Häuserwand in Vila Châ.
Mit vielen Blumen verzierter Platz in Vila do Conde.

10. August 2020

Wow, was ein Tag. Ich glaube, dass war der anstrengendste Tag meines Lebens – mit Ausnahme von meinem Geburtstag. 😂

Aber heute war tatsächlich ein unglaublicher Leidenstag für mich. Direkt nach dem Aufwachen hatte ich die blendende Idee, weil ich ja nicht wollte, dass die Herbergen nochmal überfüllt sind, ein Albergue (so heißen die Herbergen hier) online zu reservieren. Entgegen der Meinung von Pilgerführern halte ich das für eine valide Option, denn keiner will am Ende ohne Bleibe dastehen oder einen immens hohen Preis zahlen.

Aber wenn man reserviert, dann mit Köpfchen. Die heutigen Schmerzen in den Füßen und Hüfte sind allein auf meine Naivität zurückzuführen, dass ich dachte, ich könne von Vila do Conde nach Viana do Castelo an einem Tag laufen. Sind ja nur 50km. Also, was haben mir jugendlicher Leichtsinn und und ein zu starker Kämpfergeist am Ende eingebracht?

Es tut so weh, wie es aussieht.

Meine Strecke war noch geprägt von den Schmerzen von gestern. Das war etwas schade, weil ich so die Küste, die Städte und die Grünflächen nicht so sehr genießen konnte, wie ich gewollt hätte.

Lustige Sidefacts am Rande: 50km Gehen ist eine olympische Disziplin. Der Rekordhalter ist diese Strecke in unter 4:30h gegangen! Ich habe für fast 67km von morgens 7 Uhr bis abends 21 Uhr gebraucht. Mit 2 Stunden Pause (ich habe aber vermutlich weniger gemacht) wären das knapp 10 Stunden! Und ja, es tut sehr weh anderthalb Marathons zu gehen ohne Training. Bitte nicht nachmachen… 😉

Auch Viana do Castelo habe ich nur einige Minuten gesehen, da ich erst gegen 8 Uhr angekommen bin und dann direkt noch zum nächsten Supermarkt musste, weil ich keinen Proviant mehr hatte.

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie erschöpft ich bin. Daher werde ich einfach eine kurze Pro und Contra Liste zusammenstellen, was an diesem Tag positiv und negativ war.

Positiv:

  • Das Meeresrauschen, das perfekte und nicht zu heiße Wetter (17-22° bei Niesel, Wolken und am Ende des Tages Sonne) und der portugiesische Charme kleiner Ortschaften haben mir den Tag verbessert
  • Unterwegs habe ich ab Vila do Conde mehr Schilder gesehen, was mir sehr bei der Orientierung geholfen hat
  • Ich habe die Pilgerer Jùlio (aus Spanien) und Hannah (aus Ägypten) kennengelernt. Beide leben seit einem Jahr zusammen in Madrid (klein ist die Welt oder?). Ich konnte mich mit ihnen gut über gemeinsame Erfahrungen austauschen, wie das Meditieren und Ayahuasca-Zeremonien. Da die beiden aber etwas geschlendert sind, bin ich dann nach knapp einer Stunde schnell weitergezogen.
  • Ich konnte viel Inspiration sammeln
  • Ich bin über mich und meine Grenzen hinausgewachsen
  • Der Glücksmoment, als ich das Ziel erreicht habe, war unbezahlbar
  • Ich habe nun alleine ein Mehrbettzimmer. Die Herberge ist sehr modern. Es sind nur vier andere Pilgerer hier. Also, ich freu mich auf den Schlaf und darauf, die Schmerzen zu vergessen 😴

Negativ:

  • Ich Mein Körper schmerzte noch vom Vortag und brennt nun wie Hölle. Ich kriege kaum ein Bein hoch – habe aber keine Blasen… immerhin 😁
  • Ich habe mir viel zu viel für diesen Tag vorgenommen und konnte dann nicht nachgeben und vor Viana do Castelo übernachten. Zu viel Ehrgeiz – kann positiv aber auch negativ sein. In diesem Fall negativ.
  • Unterwegs überkamen mich Gefühle, dass dieser Weg nie aufhören würde. Das hat mich sehr niedergeschlagen gestimmt.
  • Der Jakobsweg hat viel zu viele Abzweigungen genommen, die nicht hätten sein müssen. Kultur schön und gut – aber in diesem Fall hat es mir nichts gebracht außer Schmerzen. Vielleicht hätte ich mich schon früher (vor Anha) mit Google Maps lotsen sollen.
  • Die 200 Treppenstufen auf dem Berg kurz vor dem Ziel und das Nicht-Finden der Herberge (weil sie von außen aussieht wie eine Garage) haben mir dann den Rest gegeben.

Ich verabschiede mich heute mit einigen Bildern vom Weg und einem: Ich bin dankbar für diesen Tag – auch wenn er über alle Maßen astrengend war.

Jakobsweg-Schild auf dem Holzsteg an der Küste von Póvoa de Varzim.
Beschilderung für die Strecke (Luftlinie) zu verschieden Orten in Mar.
Endlich: der Blick auf Viana do Castelo.

11. August 2020

Heute wollte mich mein Pilgerbuch verapplen. Kein Scherz, im Buch steht: Von Viana do Castelo nach Caminha sind es ca. 28-30km. Das war zwar immer noch viel nach den letzten beiden Tagen, aber immerhin keine 40-50km. Ich bin den ganzen Tag den Jakobsweg-Schildern gefolgt (bzw. dem Pilgerbuch, welches den gleichen Weg angezeigt hat). Und bei wie viel Kilometer war ich am Ende des Tages? 43,5km und 52.500 Schritte.

Ich habe gestern noch darüber gewitzelt, dass ich zwar keine Blasen habe, meine Füße dafür aber morgen aussehen, wie eine einzige riesige Blase. Was gestern noch Scherz war, ist heute schon Realität. Mein Füße sind von unten quasi weiß! Und dazu noch super sensibel. Wer nochmal 42,5km mit schmerzenden Füßen, die sich anfühlen, als laufe man auf Nägeln, geht, der darf sich nicht wundern.

Ich bin die ganze Zeit am hin und her überlegen, ob ich nun einen Tag aussetzen soll. Das wird mir dann mein Bauchgefühl morgen beim Frühstück sagen. De facto brauche ich jetzt aber erstmal jede Menge Ruhe. Zum Glück habe ich mir heute ein Einzelzimmer gebucht. Die 35€ sind mir dann auch egal. Es gibt kaum etwas, was so wichtig ist wie Ruhe und gesunden Schlaf. 🌙

Nach wie vor habe ich nicht viele Pilgerer unterwegs gesehen. Und auch niemanden, bei dem die Chemie gestimmt hat, wie bei mir und Barbara letztes Jahr. Das muss schon was besonderes sein, wenn man sich direkt zu Anfang des Weges kennenlernt und dann gemeinsam bis zum Ende läuft. ☺️

Außerdem gab es heute wieder etwas mehr Küste zu sehen, als gestern. Besonders spannend war es jedoch nicht. Ich denke, die erste Strecke (von Porto nach Vila do Conde) war bisher die Schönste. Und ich freue mich auch schon, ab der portugiesischen Stadt Valença wieder den traditionellen Weg zu gehen.

Übrigens ist Caminha ein sehr liebliches Städtchen. Durch die Hügel kann man auch inmitten der Stadt die Küste sehen. Die Leute sitzen auf den Dächern. Und der traditionelle Baustil und Architektur (mit Kirchen & Co.) verleihen einen anmutigen Eindruck. Hier kann man es gut aushalten.

Hier noch ein paar schöne Bilder. Und jetzt gehts ab in die Heia. 150km in drei Tagen. Darauf bin ich schon ein wenig Stolz… 😇

Heute mein schlimmster Erzfeind: Treppen
Aussicht auf Âncora
Der Nebel hüllt die Küste Vila Praia de Âncora ein.
Ein bisschen Kultur: Die Igreja Matriz de Caminha

12. August 2020

Wahnsinn, was heute für ein Tag war. Das war einer dieser Tage, an denen man sich fühlt, als ob alles wie für einen bestimmt war. Vieles ist zusammengekommen und hat mich so auf den richtigen Weg gebracht. Aber gehen wir alles zusammen chronologisch durch, damit ihr es auch verstehen könnt.

Als ich heute morgen aufgewacht bin, hatte ich zwar noch Schmerzen in den Füßen, diese waren jedoch schon wesentlich besser als gestern. Tigerbalsam bewirkt wirklich Wunder. Trotzdem hat es heute morgen geregnet und der erste Blick aus dem Fenster sagte mir: „Du hast keine Lust zu wandern. Nicht mit den Füßen und nicht bei dem Wetter.“

Irgendetwas hat sich dennoch in mir dagegen gewehrt, heute mal Pause einzulegen. Wahrscheinlich mein Ideal, die gesamte Strecke nacheinander abzuarbeiten. Außerdem sagte mir auch mein Zeitplan: Heute musst du nach Tui. Also habe ich meine Entscheidung bis zum Frühstück vertagt.

8:30 Uhr beim Frühstück: Kaffee, Brötchen, Käse und ein Ei. Ich so am vor mich hinschlemmen, als mich plötzlich ein Mann einen Tisch weiter anspricht: „Today is a good day to take some rest, hm?“ (Heute ist ein guter Tag, um mal Pause zu machen, oder?) Und dann machte er eine Kopfbewegung und zeigte Richtung Fenster. Ohne zu realisieren, wie recht er hatte nickte ich nur zustimmend und entgegnete: „Well, yes. I probably need it today“ (Ja, ich werde es vermutlich heute brauchen).

Nachdem er mich nach meiner Herkunft gefragt hatte, stellten wir schnell fest, dass wir beide aus Deutschland kamen. Naja, bei ihm waren es eher die ersten 43 Jahre seines Lebens (in Tübingen).

Michael, 65, lebt seitdem er 43 ist in Rio de Janeiro. Und laut eigener Aussage als Vagabund.

Ihm scheint es dafür ziemlich gut zugehen. Er erzählte, dass er jetzt mit seiner brasilianischen Freundin ein Baby bekomme und nun nach Portugal ziehen wolle. Und dafür ein Haus suche. Dann zeigte er mir eine Designer-Wohnung in Caminha. „Schick, schick“, gestehe ich. „Wenn ich den Jakobsweg nochmal gehe, wieder an Caminha vorbeikomme und wir uns treffen, dann lädst du mich aber in dein Haus ein.“ Michael lachte und willigte ein. Als das Gespräch dann aber zu Corona wechselte, entschloss ich mich schleunigst zu gehen.

Sorry, aber bei dem Corona-Thema muss ich sehr viel Toleranz aufbringen. Ich habe nichts zu seinen Aussagen hinzugefügt. Naja, vielleicht in meinem Kopf. Zumindest ist es für mich sehr anstrengend mit Menschen über Corona zu sprechen, die jeden Abend nur 15 Minuten Nachrichten gucken. Ungefähr so anstrengend, wie die Katze Pie aus Porto von meinen Füßen wegzulocken. Denn um sich wirklich als umfassend informiert zu bezeichnen, erwarte ich schon ein bisschen mehr als nur an der Oberfläche zu kratzen.

Dennoch, die Begegnung hat mich stutzen lassen. Ich habe das als Hinweis gesehen, heute mal Pause zu machen. Ich habe dann im Anschluss meinen Bus nach Valença gebucht und mir so 20km gespart. Am Ende des Tages bin ich immernoch bei 16km und 22.220 Schritten, aber meinen Füßen geht es wesentlich besser. Es war also ein ziemlich entspannter Tag.

Lustigerweise habe ich noch in Caminha das Pilgerpärchen (hört sich an wie bei Schwiegertochter gesucht) Jùlio und Hannah wiedergetroffen. Ich habe mich sehr gefreut die beiden zu sehen. Die beiden wollen nun mit der Fähre nach Lissabon, falls ich es richtig verstanden habe. Macht für mich zwar wenig Sinn, weil Lissabon in der anderen Richtung liegt, aber was solls. Kurz nach meinem Plausch musste ich dann auch schon zum Bus. Ich konnte es mir aber nicht verkneifen ein Bild von den beiden zu machen, als sie gegangen sind. Es sah einfach zu lustig aus, wie der Rucksack größer ist als Hannah selbst.

Hannah und ihr Rucksack. Für alles gewappnet.

Nachdem ich 30 Minuten angestrengt auf den Bus gewartet habe, und ich mich 1000 Mal gefragt habe, ob er denn auch kommt, ging es dann nach Valença. Ihr könnt euch sicher sein: Wenn auf der Fahrkarte 13:15 Uhr steht, heißt das 13:30 Uhr. Das ist Gesetz in Portugal. Die Busfahrter brauchen immer genau 15 Minuten länger, als angegeben. Ob wegen Pause oder Stau. Also habe ich es eher als mentales Training angesehen, um mit meiner überpünktlichen deutschen Ader besser umzugehen.

Die Busfahrt von Caminha nach Valença war sehr angenehm. Wesentlich interessanter und schöner war aber die Strecke von Tui nach Valença. Diese Strecke bin ich letztes Jahr zusammen mit meiner Pilgerfreundin Barbara gegangen. Zwischen Tui und Valença liegt der Fluss Rio Miño. Valenças Altstadt liegt in einer wunderschönen Burg, die man auf dem Pilgerweg durchquert, wie ihr auf den Bildern seht. Von der Burg aus kann man Spanien (bzw. Tui und angrenzende Städte) sehen. Nach einigen Fotos bin ich dann über die spanischenGrenze und habe mir noch einige Stempel in Tui geholt.

Das habe ich übrigens die ganze Zeit vergessen: Um ein Pilgerzeugnis zu bekommen, muss man mindestens 100km vor Santiago de Compostela Stempel sammeln (in der Regel tut man das aber auch vorher schon). Die Stempel kann man sich bei Bars, Restaurants, Herbergen und/oder Kirchen holen. Je nachdem, wer einen Stempel besitzt.

Weil ich schließlich meine Füße schonen wollte, bin ich dann auch recht zügig zur Herberge. Auch hier habe ich wieder großes Glück bei meiner Unterkunft: Die Besitzerin Angéles und ihr Mann sind unglaublich freundlich und zuvorkommend. Sie hat zudem eine sehr interessante Art gleichzeitig Spanisch und Englisch zu sprechen. Und Ich habe meinen eigenen Schlafsaal. und die Herberge ist modern und hell. 100%iger Treffer.

Morgen gehts dann von Tui nach Redondela. Das werden wieder knapp über 30km. Ich lasse nun erstmal meine Seele baumeln. Und natürlich meine Füße. Und Zeit zum Schreiben und Lesen habe ich auch noch wenig.

Blick von Portugal (Caminha) auf Spanien (A Pasaxe)
Die „grüne“ Burg von Valença
Blick von Valença auf Tui (rechts hinter der Brücke)
Grenzüberquerung: Der Rio Miño und Tui.
Ladies and Gentleman, welcome to Spain!
Wünscht man Pilgerern auf dem Weg nach Santiago
Wie ich mich heute gefühlt habe

13. August 2020

Es ist morgens, 5:45 Uhr. Ich werde wach und höre laute spanische Musik aus dem Bettsaal nebenan. Ich gehe also raus und sage dem Typen er soll die Musik ausmachen. Bis 6:30 Uhr habe ich dann noch vergebens nach Schlaf gesucht. Manche Menschen haben echt Nerven. Aber ich lasse mir nicht von diesem Anfang den Tag verderben. Voller Motivation stehe ich also auf und gehe gegen 7 Uhr los.

Der Tag heute war mehr als positiv. Ich bin knapp 42km gegangen bis nach Redondela. Ich habe somit O Porriño übersprungen. Viele schöne Erinnerungen an letztes Jahr kamen hoch und ich konnte einige tolle Fotos schiessen, die ihr gleich seht. Zudem habe ich zwei Deutsche kennengelernt, die mir heute (unabhängig voneinander) eine große Freude bereitet haben.

Gerade raus aus O Porriño treffe ich Klaus-Maria. Einen 75-Jährigen, der heute Geburtstag hat. Wir sind ein Stück zusammen gegangen und ich kann euch sagen: Der Mann war herzlich, wie ich selten einen Menschen erlebt habe. Wie Lao Tse schon sagte: „Wer freundlich ist, der liegt niemals falsch.“ Freundlichkeit selbst ist pure Weisheit für mich. Wenn ich mal so werde, kann ich mich glücklich schätzen. Zum Abschied haben wir noch ein Bild gemacht… aber das gehört nicht ins Internet. ☺️

Als ich gegen Abend in der Herberge ankomme, treffe ich Bea – ebenso wie Klaus-Maria aus Bayern. Wir sind sofort auf einer Wellenlänge und tauschen uns aus. Gefühlt kann unseren Redeschwall nichts stoppen. Normalerweise bin ich immer in dem Gespräch derjenige, der tausend Autoren und Wissenschaftler aufzählt, von denen man unbedingt gehört haben muss. Diesen Part übernimmt diesmal Bea. 😂 Es fallen Namen wie Joe Dispenza, Gregg Braden und noch viele mehr. Wir unterhalten uns über Gesundheit, Krankheit, Psychologie und Medizin. Also hauptsächlich über Heilung.

Später werde ich noch ein wenig mit ihr weitersprechen. Ich kann euch aber sagen: Auf eine solche Begegnung habe ich die ganze Zeit gewartet. Denn darum geht es beim Caminho. Den Menschen und ihren Geschichten zu zuhören. Und je mehr man für sich selbst mitnehmen kann, umso besser…

Falls ihr euch fragt wie meine Ernährung hier aussieht. Die ist relativ simpel. Ich esse viel Brot, Früchte und Saft. Außerdem habe ich fermentierte Joghurtdrinks für mich wiederentdeckt. B-Vitamine, Zink und Eisen können nicht schaden, gerade wenn die Muskeln schmerzen. Wer günstig essen möchte, kann zudem die Pilgermenüs probieren. Ich habe einige getestet und kann sagen, dass alle relativ günstig sind (10-6€), jedoch von der Qualität stark schwanken. Satt machen sie auf jeden Fall – wer aber Wert auf Qualität trotz des Preises legt, der fährt mit meiner Ernährung besser.

Das war‘s auch schon für heute. Ich freue mich gleich noch auf meine Nudelsuppe und das Gespräch mit Bea und hoffe, dass ich wieder für morgen so fit bin, wie heute.

Pilgerdenkmal in Tui
Geht vor O Porriño unbedingt die alternative Strecke (links), sonst landet ihr in einem Industriegebiet. Dort war ich letztes Jahr unterwegs und es ist die pure Hölle, gerade bei Hitze. Links habt ihr hauptsächlich Wald.
So schön ist der Jakobsweg
Ich habe mir die richtige Jahreszeit rausgesucht… 😍

14. August 2020

Heute ist einer dieser Grübler-Tage, die ich hin und wieder habe. Die hat aber wohl jeder. Gerade dann gerät man leicht mal in Versuchung sich abzulenken. Eigentlich aber sollte man wohl noch mehr als sonst in sich hineinhören.

Das ist mir heute leider nicht so gut gelungen. Ich konnte mir zwar eine Auszeit nehmen, da ich insgesamt nur 20km Strecke von Redondela bis Pontevedra gegangen bin und schon gegen 13 Uhr angekommen bin, leider hat das komische Gefühl in meinem Bauch mich aber davon angehalten, mich wirklich mit mir selbst zu beschäftigen. Und dazu kam dann auch noch Langeweile, weil Pontevedra eine echte Betonwüste ist.

Außerdem habe ich dieses Mal nicht das Gefühl, was ich das letztes Mal hatte. Ich weiß nicht, ob es an den Umständen liegt oder an mir. Vielleicht kommt es ja auch noch. Aber diese heilige Ruhe (»holy peace«, wie meine Jakobswegbegleitung Barbara es nannte) habe ich nicht.

Ich kann das komische Gefühl nicht genau beschreiben was es ist – ich würde nicht sagen, dass es Heimweh ist. Aber ich habe heute das Gefühl gehabt, lieber wo anders zu sein. Insbesondere, weil hier wirklich jeder und überall in Spanien mit Maske rumläuft. Das ist mir ein bisschen unheimlich, zumal es einfach nicht notwendig ist. Nicht notwendig in dem Sinne, dass die Spanier sie selbst tragen (müssen, laut Gesetz, auch wenn die Polizei das hier eher weniger zu interessieren scheint), wenn niemand in der Nähe ist. Dass es wissenschaftlich wenig Evidenz gibt, dass eine Maske sinnvoll ist, im die Verbreitung von Erregern zu verringern, habe ich hier bereits hier dargestellt. Aber das Tragen der Maske ohne Sinn und Verstand ist ja die Höhe. Hier eine Untersuchung einer Forscherin über die negativen Auswirkungen des Masken-Tragens auf die Psyche.

Dazu kommt, dass das RKI seit heute Spanien wieder als Risikogebiet eingestuft hat – und ich mich somit zu Hause erstmal auf einen PCR-Test freuen darf, der entscheidet, ob ich in Quarantäne komme. Das Gefühl hatte ich übrigens eine Stunde, bevor ich davon gehört habe. Vielleicht war es also eine schlechte Vorahnung? 🤔

Ich möchte natürlich nicht voreilig urteilen. Ich habe immer noch 4 wundervolle Tage vor mir. Aber heute hat dieses Gefühl im Urlaub zu sein, einfach Mal ausgesetzt. Vielleicht kennt ihr das ja – wenn der Ort, an dem man gerade ist, sich anfühlt, als wäre man nicht richtig. Auch, wenn ich weiß, dass das natürlich Quatsch ist.

Jeder Ort kann sich anfühlen wie Zuhause. Man müsste sich nur vollends hingeben können. Und vielleicht schaffe ich das ja auch noch die nächsten Tage… ☺️

Die Route von Redondela nach Pontevedra war übrigens sehr grün, wenn auch steil und anstrengend zu gehen. Außerdem bin ich an meinem Lieblingsort auf dem Caminho Portugues vorbeigekommen – Arcade. Die Stadt liegt direkt am Ria de Vigo, am Fluss der in den Atlantik fließt. Die Komposition des Flusses, mit den altmodischen Häusern, den Hügeln und Brücken wirkt einfach ästhetisch auf mich…

Da ich heute meinen Füßen eine Pause gegönnt habe, werden die über 30km morgen dann wieder etwas langwieriger.

Und hier wie immer zum Abschluss noch ein paar Bilder. Ich hoffe ihr hattet heute alle einen schönen und entspannten Tag. ☀️

Wegweiser nach Santiago de Compostela in Redondela
Arcade 😍
Blick von der Brücke in Arcade auf den Ria de Vigo
Capela de Peregrina in Pontevedra

15. August 2020

8:13 Uhr. Klick und der Anruf ist beendet. Stille. Vögel zwitschern im Hintergrund. Ich hole tief Luft und stoße einen lauten Seufzer aus. Damit stehe ich vor der Entscheidung, ob ich heute schon zurück muss. GANZ zurück. Wie es dazu kam?

Ich bin heute vermutlich 5 Mal oder öfter während des Schlafes aufgewacht, weil mein Bettnachbar so laut und unryhtmisch geschnarcht hat, dass selbst die Gummi-Ohrstöpsel, die normalerweise alle Geräusche filtern, nichts gebracht haben. Um 7 Uhr erlöst mich mein Wecker aus dem (Halb)Schlaf und ich stehe auf. Es ist noch dunkel.

Etwas verschlafen laufe ich aus meinem Hostel von Pontevedra los. Den Weg kenne ich schon und dennoch ist die Strecke aus der Betonwüste Pontevedra ins Grüne wieder einmal reizvoll.

Sonnenaufgang in Pontevedra
Blick von der Brücke am Ortsausgang
Ein Regenbogen nach leichtem Regen

Ich bin knapp eine Stunde unterwegs, da schickt mir Bea, die ich zwei Tage vorher kennengelernt habe, eine Whatsapp-Sprachnachricht. Sie sei beunruhigt wegen der Reisewarnung aus Deutschland. Ich schicke eine Sprachnachricht zurück und versichere ihr, dass wir beim Zurückfliegen lediglich einen PCR-Test und zwei Tage in Quarantäne bleiben müssen (bei negativem Testergebnis), sonst ist alles tutti. Zehn Minuten später ruft sie mich an.

Wir stellten fest, dass wir die Nacht nach dem Kennenlernen (14.08.) auch in demselben Hostel geschlafen haben, uns aber nicht gesehen haben. Wir scherzten ein wenig, dann wurde es ernst.

„Ich habe mit ein paar Spaniern gesprochen. Sie meinen, dass diese Woche möglicherweise noch die Grenze zugemacht wird. Ich habe gedacht ich laufe heute noch nach Caldas de Reis (knapp 30km) und dann fahre ich mit dem Taxi nach Santiago. Ich hole mir lediglich meinen Stempel und dann sehe ich zu, dass ich schnell über die Grenze nach Portugal komme, um nicht in Spanien bleiben zu müssen. Bist du dabei?“

Ich leicht verdutzt. Ich stammele: „Naja, mein Plan ist eigentlich ganz normal weiterzulaufen. Ich weiß nicht, ich würde es mir glaube ich nochmal überlegen und dann sage ich dir Bescheid.“ Sie antwortet: „Okay, halt mich auf dem Laufenden.“

Klick und der Anruf ist beendet. […]

Da stand ich nun also und wusste nicht weiter. Und was macht man, wenn man nicht weiter weiß? Mama, Papa oder Freundin fragen. In meinem Fall Papa und Freundin.

Mein Papa schreibt: „Die Grenze zwischen Portugal und Spanien war 3 1/2 Monate strikt zu, ich würde lieber wieder über die Grenze. Am Ende stehst du da mit dem Stempel, musst aber da bleiben. Das wäre ungut.“

Meine Freundin Céline schreibt: „Ich würde lieber auf Nummer sicher gehen.“

Da stehe ich also, 50km vor dem Ziel. Soll ich jetzt wirklich nach all den Schmerzen, nach der Anstrengung und der Leistung kurz vor dem Ziel umdrehen?

Knapp 5 Minuten lang rattert mein Kopf. Schließlich sage ich mir, dass ich auf mein Bauchgefühl höre und den ersten Impuls achte, der mir in den Sinn kommt. Ich erinnere mich an das ungute Gefühl von gestern, als ich in Pontevedra ankam. Langsam realisiere ich, dass es eine Vorahnung über den Ort sein würde, an dem ich mir selber eine Niederlage eingestehen muss.

Ich schaue also, ob ich meinen Flixbus von Santiago umbuchen kann. Bingo. Dann schaue ich nach, ob ein Flixbus von Caldas de Reis kommt. Negativ. Aber von Pontevedra. Wieder Bingo. Leider. Meine Vorahnung hat sich also bewahrheitet.

Dann die nächste Frage: Nach Porto zurück? Dann müsste ich noch bis Mittwoch (4 Tage) da bleiben. Das wäre mir zu lang. Ich war ja schon zweimal da. Also zum Flughafen? Und schon gucke ich nach, ob es eine günstige Flugverbindung gibt. Noch heute von Porto nach Köln.

Ryanair, Fehlanzeige. Suchportale ebenso. Und was finde ich zum Schluss? Porto nach Düsseldorf mit Eurowings, 76€. Sogar noch besser, als nach Köln. Damit setze ich zwar meinen Flug bei Ryanair in den Sand, aber ich schaffe es noch heute zurück.

Ich mache mich auf den Rückweg nach Pontevedra. Mein Bus von Pontevedra nach Porto zum Flughafen kommt gegen 13:10 Uhr. Mein Flug geht gegen 18:45 Uhr. Ich brauche knapp 2 Stunden mir dem Bus. Das passt perfekt.

Kurz danach rufe ich Bea an und erzähle ihr von meinem Plan. Sie lacht und fragt mich, ob ich nicht gerade übertreibe. Sie habe das Hotel Sandemann in Portugal kontaktiert und die meinten, sie wüssten 48 Stunden vor Grenzschließung Bescheid. Sie würden ihr Bescheid geben. Zugleich verstehe sie aber auch meine Entscheidung. Zu Zeiten von Corona sind manchmal besondere Maßnahmen erforderlich. Wir legen auf mir dem Schlusssatz: „Wenn sehen uns ja gleich, wenn du jetzt zurück nach Pontevedra musst.“

Nach einigen Kilometern sehe ich sie. Ich verabschiede mich herzlich von ihr und sie fügt beim Weggehen hinzu: „Du warst die netteste Begegnung, die ich hatte.“ „Dito.“, entgegne ich ihr glücklich und winke.

„So, dass wird nun noch ein langweiliger Tag, an dem ich so richtig meinen Frust ausleben kann.“, denke ich mir insgeheim. „Aber immernoch besser als in einem Land gefangen zu sein, in dem die Leute lieber Maske tragen, als zu atmen.“

Von 10 Uhr bis 13 Uhr treibe ich mich in den Cafés von Pontevedra rum. Von 13 Uhr bis 15 Uhr fahre ich Bus. Dann ist Zeitumstellung. Am Flughafen von Porto bin ich also so gegen 14:30 Uhr (wegen etwas Verspätung). Ab durch die Kontrolle und nun darf ich erstmal drei Stunden warten, um dann wieder drei Stunden im Flugzeug zu warten. Achja und am Ende darf ich noch eine Stunde mit den Öffis nachhause fahren. Ich bin wahrscheinlich so gegen 23:45 Uhr zuhause.

Wie ihr seht, hat meine Reise leider kein wirkliches Happy End erfahren. Zumindest verspüre ich das noch nicht hier, während ich am Flughafen sitze. Gerade kommt mir irgendwie alles surreal vor. Ich hoffe aber das stellt sich nach einigen Tagen ein, wenn ich die 48h Quarantäne abgesessen habe und froh bin, wieder gesund zuhause angekommen zu sein.

Ein kleiner Trost für mich: Die nächsten Tage soll es eh in Spanien regnen. Das wäre nicht so cool zum Wandern gewesen.

Ich werde euch noch einen Epilogue verfassen (am 19.08, also dem eigentlichen Ende meiner Reise), was ich vom Jakobsweg lernen durfte und wie ich mit meinen Erfahrungen und Begegnungen umgegangen bin und auch noch werde.

Dieses Mal war der Jakobsweg sehr anstrengend und nicht so sehr entspannend, wie ich gehofft hatte. Aber wie sagt man so schön? Alle guten Dinge sind drei. Nächstes Mal aber ohne Corona-Hysterie.

Ich danke allen Lesern, die mein Pilgerjournal aufmerksam verfolgt haben und hoffe, dass ich euch inspirieren konnte, den Weg auch in Zukunft zu gehen. Ich kann euch aber raten abzuwarten, bis die Corona-Situation weniger hysterisch ist.

DANKE.

Herzlich, euer Tristan.

Epilogue

Ein paar Tage später…

Ich fühle mich gut. Ich empfinde weder Frust, noch Reue oder Trauer. Ganz im Gegenteil, ich bin froh, wieder in Deutschland zu sein.

Das mit den Erwartungen ist ja immer so eine Sache. Man will, dass etwas genauso wird, wie man es sich vorstellt – dabei warten womöglich andere Abenteuer auf einen Selbst, als man gerne hätte. Die Lektionen, die ich dieses Mal hatte, waren nicht dieselben, wie vom letzten Jakobsweg. Und das ist auch gut und richtig so.

Ich musste weder in Santiago de Compostela ankommen, noch meine Füße wund laufen. Ich musste weder die spannendsten Menschen kennenlernen, noch diesen Weg völlig alleine bestreiten. Ich musste auch nicht im Luxus leben, genauso wie ich nicht alles super günstig bekommen musste.

Diese Erkenntnis hat etwas beruhigendes. Denn Leben bedeutet nicht im Superlativ zu Leben. Wir müssen nicht immer Extremerlebnisse haben um zu lernen. Extremerlebnisse brauchen wir nur, wenn wir alltägliche Erlebnisse nicht genügend wertschätzen können. Dann wird das Erleben fade/öde und wir brauchen einen Kick, um es wieder spannend zu machen.

Es liegt an uns selber, die Wertschätzung in unser Leben zu bringen. Wie wir das tun, ist letztendlich individuell. Vielleicht tust du dir selbst mit Yoga oder Meditation gut. Vielleicht auch mit einer gesunden Ernährung. Vielleicht hälst dich mit einem Spaziergang in der Natur gesund und legst ab und zu das Handy weg. All das sind Dinge, die wir tun können, um nicht nur mehr zu uns selbst zu finden, sondern auch einfach zu genießen, wie wir jetzt gerade sind. Alles auf einmal zu tun ist gar nicht notwendig. Hauptsache, wir lernen wieder ein bisschen mehr auf Körper und Geist zu hören und schalten ab und zu einfach ab.

Was bedeutet das für mich?

Hin und wieder habe ich Tage, da nervt mich mein Handy sehr und ich würde es am liebsten einfach wegsperren. Dann vergesse ich aber auch die guten Seiten am Handy und, dass es eigentlich ein zweischneidiges Schwert ist. Aber eine Waffe ist nur so gut, wie der Krieger. Es kann niemals das Handy an der Einstellung oder Übernutzung Schuld haben – sondern (wenn es so etwas wie Schuld gibt) nur derjenige, der nicht ausgeglichen genug ist, um auch Mal das Handy wegzulegen.

Darum fokussiere ich mich in nächster Zeit erstmal wieder mehr auf mich selbst und gebe Social Media & Co. etwas weniger Freiraum.

Ich hoffe, euch hat mein kleines Digitales Tagebuch gefallen. Vielleicht kommt bei euch auch eines Tages der Punkt, wo ihr merkt, dass der Jakobsweg euch ruft. Und wenn ihr den Ruf hört, dann folgt ihm einfach. Beachtet einfach die metaphorischen Muscheln auf eurem Weg, wo auch immer ihr seid… ☺️

Fin

„Durch Meditation über die wahre Natur des Geistes reinigen wir störende Gedanken und Gefühle.“

Dalai Lama

Der Ursprung des Wortes Meditation liegt in den Begriffen meditari (Latein) und medomai (Griechisch). Beides bedeutet übersetzt etwa nachdenken oder nachsinnen.

Meditation ist eine Übung für Körper und Geist, die seit langem zur Steigerung der Ruhe und körperlichen Entspannung, zur Verbesserung des psychischen Gleichgewichts, zur Bewältigung von Krankheiten und zur Verbesserung der allgemeinen Gesundheit und des Wohlbefindens eingesetzt wird. Seit Jahrtausenden werden Körper- und Geistesübungen kulturell genutzt. Dazu gehören beispielsweise:

  • Advaita Vedanta (die Philosophie der Upanishaden) dient zur Reflektion und Reinigung durch Techniken wie Neti Neti (Negierung des Nicht Selbst), Itti Itti (Verbindung mit dem ganz Großen) oder Atma Viccharana (Selbsterforschung)
  • Yoga-Lehre (Indische Philosophie & Lehre, von Sanskrit योग, zusammenbinden) beschreibt geistige Konzentration durch körperliche, meditative Übungen – es werden verschiedene Yoga-Techniken verwendet, wie etwa Kundalini-Yoga, Mantra-Yoga oder Raja-Yoga
  • Buddhismus, Hinduismus, Taoismus: Mediation als Weg zur Erleuchtung, Erkenntnis und Gesundheit
  • Christentum: lat. contemplatio, wie auch Martin Luther erwähnte, zur geistigen Klärung und Erlangung eines achtsamen Bewusstseinszustandes
  • Wissenschaftliche Studien und Theorien sehen Vorteile der Meditation in Prävention und Therapie von Krankheiten, in der Verbesserung der Resilienz (psych. Widerstandsfähigkeit), der Stressbewältigung, Achtsamkeit, Konzentration sowie beim Lernen.

Wie die Mediation konkret aussehen kann, ist sehr individuell und dient dem Zweck, mit dem meditiert wird. Da bei der Meditation ein Raum geschaffen wird, in dem keine Gedanken, sondern hauptsächlich Gefühle gelebt werden sollen, sind diese auch für den Ausgang der Meditation entscheidend. Vorher ist es somit sinnvoll zu klären, warum meditiert wird und welche Techniken hierfür hilfreich sind.

Möchte ich Erleuchtung erfahren? Dann könnte die buddhistische Lehre helfen.
Möchte ich den Alltagsstress verarbeiten? Dann versuche den taoistischen Ansatz.
Möchtest zu mehr Gesundheit gelangen? Dann erlerne die wissenschaftliche Praxis.

Meditation bietet Chancen für jeden Menschen, der bewusst nach innen schauen möchte. Besonders in der westlichen Zivilisation wird uns der nach außen gerichtete Blick immer mehr zum Verhängnis. Anstatt uns auf Selbst-Liebe und Selbstbewusstsein zu konzentrieren, suchen wir nach Anerkennung und Belohnungen. Anstatt in uns Ruhe und Frieden zu stiften, versuchen wir dafür in der Welt dafür zu kämpfen. Mit erheblichen Folgen.

Ich möchte dich also dazu einladen, dein Ich kennenzulernen. In der Schule wird dies nicht beigebracht. Also ist es nun deine Aufgabe. Aber was könnte schon spannender sein, als sich selbst neu zu entdecken? Wie viele Facetten das Selbst wohl hat…

In jedem Falle freue ich mich, dass mehr Menschen zur Meditation gelangen. Durch die Praxis der Meditation habe ich viele Erkenntnisse und Einsichten haben dürfen. Und dazu musste ich mich nicht unbedingt im Schneidersitz hinsetzen und die Stille suchen (auch wenn ich es empfehlen würde). Ihr könnt auch eine Meditationsführung ausprobieren, wie diese hier:

Ich freue mich, wenn meine Blogartikel und Podcastfolgen dir gefallen. Wieso abonnierst du nicht meine Seite, mein Instagram oder Facebook? @tristanstrivium @denkmalpodcast

Danke und bis bald.

Herzlich,
Tristan.

Freunde des DENKMAL-Podcasts!

Heute folgt nach Folge 12 zum Buch „Die wahre Bedeutung der Kommunion“ das Review zur Neuauflage der „Odyssee im 21. Jahrhundert – Über die die Liebe als Quelle wahrer Zufriedenheit und Gesundheit“.

Beide Bücher von Tristan ergänzen sich in ihrem Wirken. Als Philosophische Abhandlung über die LIEBE, ist die Odyssee eine Grundvoraussetzung für die Kommune. Denn wie Aristoteles anmerkte: „Wenn auf Erden die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich“, kann die eine Kraft, welche sich nur in dem Namen ändert, bedingt durch die Auslegung verschiedener antiken Kulturen und Traditionen, dem Menschen die erhoffte Zufriedenheit und Gesundheit ins Leben zurückbringen.

Zufriedenheit und Gesundheit sind keine Extrema, sie sind nichts Getrenntes. So schreibt Tristan in seinem Buch: „Was haben alle historischen Lehren, Traditionen und Ideologien gemein? Sie alle versuchen, den Menschen durch ihre ganz eigene Interpretation der Wirklichkeit aus der Krankheit und Unzufriedenheit zu erlösen. Ein kranker Mensch ist unzufrieden und ein unzufriedener Mensch ist krank. Diese unausweichliche Verbindung zwischen Gesundheit und Zufriedenheit zwingt uns zu einer neuen Sichtweise, einer ganzheitlichen Betrachtung, die beim Menschen selbst beginnt.

Sind wir bereit, unsere PERSPEKTIVE zu ändern, nicht auf der objektiven Wahrheit zu beharren, sondern Kompromisse mit unseren MITMENSCHEN einzugehen, so erlösen wir uns von unserem festgefahrenem Glauben, welcher Krankheit und Unzufriedenheit überhaupt erst ermöglicht. Verstehe ich Krankheit als Signalfunktion, dann habe ich keine Angst mehr vor ihr, sondern erkenne sie als Notwendigkeit, um über mich und die Welt zu lernen. Wie sollte Fortschritt ohne Rückschritt existieren? Und wie Gesundheit ohne Krankheit?

Und darum geht es in der Odyssee. Dieser Lernprozess, indem wir uns andauernd auf Irrwegen befinden, anzuerkennen, führt uns automatisch in die Liebe, die Kraft der Annahme und des Seins. Wehren wir uns nicht mehr gegen Ereignisse, sondern schreiten ihnen mit Tugendhaftigkeit entgegen, kommen wir unserem Ziel, der Erlangung von Zufriedenheit und Gesundheit, SCHRITT FÜR SCHRITT näher. Also bedenke: Das Leben ist ein Marathon, kein Sprint. Und auch wer rastet, der rostet

Erkenne die DUALITÄT in allem Sein, die Zweispaltung und Kategorisierung des Denkens und du wirst begreifen, dass dein Verstand dir Tag für Tag Streiche spielt. Erst die Vereinigung der Logik mit dem Gefühl, kann unsere Selbst- und Nächsten-Liebe wieder in den Alltag integrieren und so zu einer Spiritualisierung unserer Gesellschaft führen, deren Basis ein toleranter Austausch zur Verwirklichung der harmonischen Existenz allen Lebendens ist. Oder einfach ausgedrückt: Höre wieder mehr auf dein Herzgefühl, deine Intuition zu vertrauen.

Wer mehr erfahren will, findet hier Tristans Autorenprofil.

Am Dienstag, den 7.04., bei Veröffentlichung, erscheint ein Ausschnitt aus dem Buch Odyssee im 21. Jahrhundert, etwas später dann auch aus dem Kommunen-Buch.

@odyssee21 @denkmalpodcast

Inhaltsverzeichnis

00:00:00 Einleitung

00:02:00 Die Kernbotschaft des Buches 

00:04:44 Erkenntnisse & Auffälligkeiten der Wissensgeschichte

00:07:13 Wie (weit) können wir erkennen?

00:18:06 Über die Prinzipien des Non-Dualismus

00:22:30 Krankheit schätzen lernen

00:25:30 Einfachheit als Lösung

00:29:01 Kommunikation & Objektivität

00:34:20 Spiritualität & Liebe

00:40:37 Arbeit & Materialismus

00:43:05 Was Kunst und Wissenschaft voneinander lernen können

00:49:10 Schlusswort & Ausschnitt aus dem Buch