Die Suche nach dem Sinn und der Zufriedenheit nimmt seit einiger Zeit kontinuierlich zu. Immer mehr Bestseller erscheinen und versprechen dem Menschen, dass er durch Lesen des Buches ein Stück weit mehr zu ihm selbst findet. Wenn wir einmal von den positiven Bewertungen absehen, die zumeist darauf zielen, zu erklären, wie das Buch funktioniert oder warum Zufriedenheit für den Rezensenten so wichtig ist, bleibt häufig langfristig „kaum“ etwas Nachhaltiges von dem Buch im Gedächtnis. Eine wirkliche Veränderung, so habe ich das Gefühl, regen Ratgeber und Coaches nicht wirklich an.

Woran liegt das?

Wie entsteht Zufriedenheit?

Wie Zufriedenheit wirklich entsteht, weiß eigentlich kaum jemand. Eigentlich weiß es nur derjenige, der es spürt. Denn letztlich ist es ein Gefühl, das im Hintergrund agiert und auch in den aufbrausenden und turbulenten Zeiten anwesend ist. Wir sollten also Zufriedenheit nicht mit Glück oder Freude verwechseln. Glücklich sind wir, wenn uns etwas Gutes passiert. Freude wird ganz ähnlich wie Glück beschrieben, vielleicht ist Freude jedoch noch ein wenig mehr auf den sozialen Umstand, als auf den generellen Umstand bezogen. Dies macht kaum einen Unterschied. Einen wesentlichen Unterschied gibt es zwischen Freude/Glück und Zufriedenheit.

Diesen Unterschied biochemisch festzustellen, ist nicht falsch. Einige Menschen korrelieren Glück/Freude mit dem Glückshormon Dopamin, welches immer dann im Gehirn ausgeschüttet wird, wenn wir eine Belohnung erhalten oder eine Herausforderung bestehen. Dopamin ist somit ein Hormon, welches sich durch äußere positive Reize auszeichnet.

Serotonin, ebenfalls häufig als Glückshormon bezeichnet, ich nenne es eher das Zufriedenheitshormon, ist da anders. Serotonin wird hauptsächlich (90-95%) im Bauch produziert. In der Depressionsforschung gibt es beispielsweise die Serotonin-Mangel-Hypothese.1 Darum werden auch Selektive-Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) als Antidepressiva in der Therapie eingesetzt. Auch wenn ein solches Medikament kurzfristig Linderung verschaffen kann, so ist die Idee, ein Serotonin stärkendes Medikament bei Depressionen einzusetzen, nicht zu Ende gedacht.

Zum einen, weil eine Gabe des Vorläufers von Serotonin, die essentiellen Aminosäure L-Tryptophan (die wir jeden Tag durch die Ernährung zu uns nehmen müssen) durchaus ebenso effektiv sein kann.2,3 Aber auch dies ist wiederum nur eindimensional gedacht: Denn kurzfristig kann die L-Tryptophan-Gabe vielleicht den Serotonin-Spiegel erhöhen – aber wie sieht es langfristig aus? Die eigenen Hormone passen sich entsprechend der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt an. Serotonin ist demnach ein Hormon, was von dir selbst als Nebenprodukt eines zufriedenen Daseins erzeugt wird. Nicht, weil du darauf aus bist, Serotonin zu erzeugen, sondern, weil deine Gefühls- und Gedankenwelt schlicht gesund ist. Du fühlst dich – umganssprachlich betrachtet – einfach wohl in deiner Haut.

Anders ist es bei Dopamin: Der Mensch jagt geradezu Belohnungen und Herausforderungen hinterher. Interessanterweise, und dies wissen die wenigsten Menschen, sorgt konstanter Dopaminüberschuss (oder ein Dopamindefizit) für eine Fehlregulierung von Serotonin. Serotonin wiederum kann auf Neurotransmitter wie Dopamin (oder auch GABA) stabilisierend wirken.4,5

Mehr dazu findest du auch in meiner ersten Podcast-Folge:

Es gibt also durchaus einen Grund dafür, warum der Körper das Serotonin „fehlreguliert“ (besser wäre aber zu sagen „anpasst“). Hier kann dann mit einer Tryptophan-Gabe unterstützt werden, aber das eigentliche Problem liegt wo anders. Aus den bisherigen Ausführungen mag dies vielleicht bereits klar sein, aber ich möchte es auch noch einmal ausführlich beleuchten, damit jeder eine erweiterte Perspektive auf das Thema Zufriedenheit erhält (und dies nicht nur biochemisch versteht, denn dies ist es gerade nicht!).

Serotonin wird, wie bereits erwähnt, hauptsächlich im Bauch produziert. Wer sich ein wenig mit anderen Lehren, als der westlichen Wissenschaft, beschäftigt hat (z.B. Ayurveda, TCM), der weiß auch, dass der Bauch gemeinhin als Sitz der Gefühle verstanden wird. Spätestens seit der post-modernen Wissenschaft hat man sich dieser Idee auch angenähert: Das Bauch-Gehirn (enterisches Nervensystem) ist laut Forschern über die gut-brain-axis (Darm-Gehirn-Achse) mit dem Gehirn verbunden. Das Bauchgehirn und die Darm-Gehirn-Achse ist inzwischen eine valide Hypothese, die das Zusammenspiel zwischen Intellekt und Emotion erklärt.

Wenn also Serotonin nicht in dem Maße vorhanden ist, wie es gewünscht wird, dann liegt das an den eigenen Bedürfnisse, Trieben Gefühlen und Emotionen, die in irgendeiner Form nicht vom Individuum bewältigt werden können. Möglicherweise, weil sie unterdrückt werden, vielleicht auch, weil einfach nie ein Umgang mit Ihnen gepflegt wurde. Die Wurzel der Zufriedenheit ist jedenfalls nicht Serotonin, wie einige Ratgeber-Zufriedenheits-Alles-Wissen-Lehr-Coaches behaupten mögen, sondern schlicht der Mensch und sein Innenleben.

Ideen der Psychologie

In der Psychologie gibt es einige sehr interessante Ideen, weshalb Gefühle und Emotionen nicht „richtig fließen“ können (fernöstlich ausgedrückt) bzw. aufgestaut und unterdrückt werden.

Die bekannteste Idee ist wohl die des Unterbewusstseins. Nach dieser Theorie verfügt jeder Mensch über einen bewussten Anteil, dementsprechend alles was zum jeweiligen Zeitpunkt fühlt, denkt, erkennt; und über einen unbewussten Anteil in dem alle Aspekte seines individuellen Seins liegen, was er gerade nicht brauchen kann (z.B. Autofahren). Je mehr Informationen auf das Individuum einströmen, desto mehr muss es auch darauf achten, die Informationen zu verarbeiten und zu selektieren. Ansonsten können Gefühle der Überforderung folgen und Stress (erklärbar über die Hormone Cortisol und Adrenalin, ein Abkömmling von Dopamin) entstehen. Werden diese Informationen nun nicht verarbeitet, dann werden sie lediglich vom Bewusstsein ins Unbewusste „abgeschoben“. Mit der Zeit entsteht ein Berg an nicht-gelebten Erfahrungsinhalten, der Probleme auf der geistigen und körperlichen Ebene verursachen kann. Hier kommt etwa die Psychosomatik ins Spiel, die eine Deutung dieser nicht-gelebten Erfahrungsinhalte auf körperlicher Ebene versucht.

Erweitert wird diese Idee auch in der Trauma-Forschung aufgefasst. Hier geht es weniger um die Menge an Informationen, als vielmehr um die Intensität. Zu Beginn des Lebens scheint ein Mensch die Welt noch „ungefiltert“ wahrzunehmen, da ein Kind keine Möglichkeit zur Rationalisierung hat. Dementsprechend intensiv können bestimmte Erfahrungen sein, die, wenn sie nicht verstanden werden, ebenfalls verdrängt werden. Was genau ein Trauma für ein Kind ist, das ist ganz und gar individuell – für jedes Kind sind unterschiedliche Erfahrungen unterschiedlich positiv und negativ (vielfach auch bedingt durch den Charakter, Anlagen, Fähigkeiten).

Möglichkeiten zur Lösung des Dilemmas bietet beispielsweise die Transpersonale Psychologie über bewusstseinserweiternde Erfahrungen. Beim holotropen Atmen, in der Meditation, auf Psychedelika, in der Hypnose (oder anderen Trance-Zuständen) erhält das Individuum bewusst „Zugriff“ auf das Unterbewusstsein. Das Individuum kann in diesen Zuständen sich selbst besser kennenlernen, weil es zum einen merkt, dass es nicht nur der „bewusste Teil“ seiner selbst ist. Es merkt, dass es auch noch sehr viel mehr ist (bis hin zu transzendenten Zuständen, d.h. allumfassenden und allwissenden Erfahrungen). Zum anderen lernt es sich selbst zu relativieren. Sich selbst zu relativieren bedeutet loslassen zu können und nicht mehr starr an (vorher vielleicht noch unbewussten) Themen festzuhalten.4

Auch die „normale“ Psychologie versucht über die Gesprächstherapie einen Zugang zum Unterbewusstsein des Individuums zu finden, allerdings ist diese Möglichkeit sehr viel begrenzter, theoretischer und mühevoller. Letztlich hat immer das Individuum die Oberhand über sein eigenes Innenleben, nicht der Therapeut. Somit kann das Individuum den Heilungsprozess verzögern, beispielsweise indem es die Verantwortung auf den Therapeuten verschiebt oder sich selbst anlügt.

Innenleben

„Was hat dies nun mit Zufriedenheit zu tun?“, magst du fragen.

Jede Menge!

Letztlich versucht jeder die eigene Zufriedenheit zu erreichen, die wenigsten wissen aber, was es ist oder interpretieren die Zufriedenheit falsch. Dies liegt auch daran, dass die Erinnerung an die Tage der eigenen Zufriedenheit zumeist stark verblassen (das Gefühl der Zufriedenheit muss durch die eigene Erfahrung der Wirklichkeit aufrechterhalten und gefüttert werden…). Auch in Anbetracht der negativen Erfahrungen, die jeder von uns macht. Negative Erfahrungen werden zumeist als sehr viel schlimmer erfunden, als positive Erfahrungen.

Und hier kommt die Krux: Eigentlich geht es gar nicht darum. Es geht nicht um positive oder negative Erfahrungen. Nur dem Glück hinterherzujagen hat noch keinen Menschen auf der Welt glücklich gemacht. Irrwitziger Weise glauben wir dies aber: Denn die negativen Erfahrungen sind es schließlich nicht, die uns zufrieden machen, oder?

„Ja, wie soll man den zufrieden werden, wenn man auf die Dinge achtet, die einen unglücklich machen?“

Gar nicht, das zieht die meisten Menschen überhaupt erst in ihren Sumpf hinein.

Beides scheint mir eine Sackgasse zu sein. Auch diejenigen, die behaupten, dass die negativen Erfahrungen uns zu dem machen, was wir sind, lenken die Aufmerksamkeit auf das Falsche. In erster Linie sollten wir uns fragen, warum wir den überhaupt in solchen Kategorien wie Lust und Unlust, wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit, wie Glück und Pech denken?

Wenn wir unser Leben anschauen, so merken wir, dass wir ständig in einem Ritt aus Höhen und Tiefen stecken. Mal geht die gute Laune hoch, mal geht sie wieder runter. Doch unsere Misere beginnt eigentlich dort, wo wir nicht wahrnehmen, dass sich die Stimmung eigentlich dabei ist zu wandeln.

Häufig glauben wir, dass es „nicht besser werden kann“ oder „nicht noch schlimmer kommen kann.“ Doch, es geht immer noch besser oder schlimmer, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass a) viele Menschen sich sträuben den Moment so anzunehmen, wie er gerade ist b) wenn sich ein Kurswechsel einstellt, am alten Moment hängen bleiben.

Es gibt Momente voller Traurigkeit, genauso wie es Momente voller Freude gibt. Dies wird nicht anders bei zufrieden und unzufriedenen Menschen sein. Nur glaube ich fest daran, dass die zufriedenen Menschen jede Situation ungeachtet von Erwartungen annehmen können. Der Moment der Bitterkeit wird ebenso ausgekostet wie der Moment der Süße und Herzhaftigkeit. Dies führt dazu, dass keine Angst vor dem Neuen entsteht („es kann ja nicht schlimmer werden“) und das Alte losgelassen werden kann („es kann ja nicht noch besser werden“).

Damit es nicht zu abstrakt wird, möchte ich dir also meine Folgerung vorstellen.

Es geht gar nicht so sehr um die äußeren Geschehnisse, sondern um dein Innenleben. Sicherlich wird sich Leid niemals vermeiden lassen, genauso, wie sich die Freude nicht verbannen lässt. Beide Aspekte sind Seiten derselben Münze.

Hermann Hesse schrieb sehr passend in seinem Buch „Der Steppenwolf“ über das Innenleben:

Immerhin hat unser Steppenwolf wenigstens die faustische Zweiheit in sich entdeckt, er hat herausgefunden, dass der Einheit seines Leibes nicht eine Seeleneinheit innewohnt, sondern dass er bestenfalls nur auf dem Wege, in langer Pilgerschaft zum Ideal dieser Harmonie begriffen ist. Er möchte entweder den Wolf in sich überwinden und ganz Mensch werden oder aber auf den Menschen verzichten und wenigstens als Wolf ein einheitliches, unzerrissenes Leben leben. Vermutlich hat er nie einen wirklichen Wolf genau beobachtet – er hätte dann vielleicht gesehen, dass auch die Tiere keine einheitliche Seele haben, dass auch bei ihnen hinter der schönen straffen Form des Leibes eine Vielfalt von Strebungen und Zuständen wohnt, dass auch der Wolf Abgründe in sich hat, dass auch der Wolf leidet. […] Der sympathische, aber sentimentale Mann, der das Lied vom seligen Kinde singt, möchte ebenfalls zur Natur, zur Unschuld, zu den Anfängen zurück und hat ganz vergessen, dass die Kinder keineswegs selig sind, dass sie vieler Konflikte, dass sie vieler Zwiespältigkeiten, dass sie aller Leiden fähig sind. Zurück führt überhaupt kein Weg, nicht zum Wolf, noch zum Kinde. Am Anfang der Dinge ist nicht Unschuld und Einfalt; alles Erschaffene, auch das scheinbar Einfachste, ist schon schuldig, ist schon vielspältig, ist in den schmutzigen Strom des Werdens geworfen und kann nie mehr, nie mehr stromaufwärts schwimmen. Der Weg in die Unschuld, ins Unerschaffene, zu Gott führt nicht zurück, sondern vorwärts, nicht zum Wolf oder Kind, sondern immer weiter in die Schuld, immer tiefer in die Menschwerdung hinein.

Hermann Hesse: Der Steppenwolf. suhrkamp, S. 82

Zufriedenheit entsteht durch dich als Resultat, dass du dich mit dir selber befasst. Dies heißt nicht, dass du den Dingen des Lebens hinterherjagen sollst, sondern, dass du deinen inneren Reife- und Wandlungsprozess beobachten und erleben sollst, sodass sich die Zufriedenheit ganz natürlich daraus entwickeln kann. Leid ist auch im Selbstwerdungsprozess inbegriffen. Das größte Leid ist es aber, nie wirklich zu lernen, wer man selbst ist.

Der Zufriedenheit hinterherzujagen ist also ein Paradoxon. Auch die Biochemie, Psychologie, Philosophie oder eine sonstige Wissenschaft verstehen zu wollen, hilft da nicht weiter. Kein Konzept mag dies zu leisten. Zufriedenheit kommt (nur!) durch dich, dich als ganzheitliches Wesen mit allen Aspekten des Seins (Bios, Psyche, Soziales etc.). Also fang damit an, dich mit dem zu fassen, was wichtig ist.

Mit dir selbst.

Herzlich
Tristan

Literaturverzeichnis

1Neumeister A. (2003). Tryptophan depletion, serotonin, and depression: where do we stand?. Psychopharmacology bulletin37(4), 99–115.

2Jenkins, T. A., Nguyen, J. C., Polglaze, K. E., & Bertrand, P. P. (2016). Influence of Tryptophan and Serotonin on Mood and Cognition with a Possible Role of the Gut-Brain Axis. Nutrients8(1), 56. https://doi.org/10.3390/nu8010056

3Kikuchi, A. M., Tanabe, A., & Iwahori, Y. (2021). A systematic review of the effect of L-tryptophan supplementation on mood and emotional functioning. Journal of dietary supplements18(3), 316–333. https://doi.org/10.1080/19390211.2020.1746725

4Kapur, S., & Remington, G. (1996). Serotonin-dopamine interaction and its relevance to schizophrenia. The American journal of psychiatry153(4), 466–476. https://doi.org/10.1176/ajp.153.4.466

5Petty, F., Davis, L. L., Kabel, D., & Kramer, G. L. (1996). Serotonin dysfunction disorders: a behavioral neurochemistry perspective. The Journal of clinical psychiatry57 Suppl 8, 11–16.

6Croissier, G. R. (2017). Die magische Wunde: Wandlung und Heilung in der Transpersonalen Psychologie (Bd.1) (Fabrica libri) (Originalauflage Aufl.). Pomaska-Brand.

Ich bin ein Freund davon, von allem und jedem zu lernen. Das gilt auch für Animes. Wieso also nicht darüber philosophieren, was sich der Macher des legendären Mangas/Animes One Punch Man bei seinem Werk gedacht hat? Lasst uns dafür zu Beginn klären, was Geschichten für eine Bedeutung in unserem Leben haben.

Geschichten sind nicht nur dafür da, uns abends bei einem Lagerfeuer glücklich zu machen, zu trösten oder die Einsamkeit zu vertreiben. Vielmehr sind die Geschichten, die wir kennen, ganz eng an unsere Wahrnehmung geknüpft. Je nach dem, welche Geschichten wir im Leben schon gehört und durchlebt haben, reagieren wir anders auf die Chancen und Möglichkeiten in unserer Gegenwart. Ist deine persönliche Geschichte mit sehr viel Leid durchtränkt, so wirst du vermutlich die Welt anders sehen, als jemand, der immer nur Gutes erlebt und gehört hat.

Es ist kein Wunder, dass in unserem Informationszeitalter Geschichten (bzw. Informationen) die primäre Währung sind. Nachrichten, Hollywood-Filme/Serien, Youtube-Tutorials, Bücher, Musik, soziale Medien, ja sogar unsere Freunde und Familie – sie alle haben eine Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig färben sie uns jeden Tag mit ihren Gedanken und Gefühlen und tragen dazu bei, dass wir sind, wie wir sind.

Wer glaubt, dass Geld die Währung unserer Zeit ist, den muss ich enttäuschen. Geld hat auch eine Geschichte, vielleicht sogar die älteste Geschichte der Welt, aber Geld ist nicht das, was unser Leben lebenswert macht. Wir können mit Geld bestimmte Dinge kaufen, die uns Geschichten erzählen sollen. Was wir kaufen, ist jedoch davon abhängig, was wir bereits für Geschichten erlebt haben. Damit ist Geld zwar das Mittel, um neue Geschichten zu erfahren, allerdings kann durch bestimmte Informationen und Geschichten (z.B. Nachrichten) gezielt manipuliert werden, welche Geschichten wir noch hören wollen.

Darum sind Nachrichten übrigens auch nicht ungefährlich: Nachrichten erschaffen einen Drang bzw. eine Sucht nach immer neuen Informationen. Ob diese Informationen positiv oder negativ sind, ist gar nicht unbedingt wichtig, da es bei Nachrichten primär um die Aktualität geht. Wer nicht ständig aktualisiert (wie z.B. auch bei Social Media) fühlt sich abgehängt (und dies kann Urängste triggern, aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden).

Dieser Trend wird übrigens immer weiter dadurch manifestiert, dass Informationen durch das Internet kostenfrei zur Verfügung stehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Narrativ: Zu unserer Zeit fühlt es sich an, als ob es unendlich viele Geschichten gäbe. Das Internet macht es möglich. Aber was, wenn ich euch sage, dass der Ablauf von Geschichten immer derselbe ist?

Es gibt viele Konzepte darüber, wie die basale Struktur von Geschichten aussieht. Aber vielleicht hat es bisher niemand so gut beschrieben, wie der Philosoph und Theologe Joseph Campbell.

Campbell erklärte in seinem Buch Der Heros in tausend Gestalten (Hero with a Thousand Faces), dass sich eine Geschichte für einen Helden immer nach den gleichen Motiven entwickelt, unabhängig von Religion, Abstammung, oder Zeit. Ein Held einer Geschichte sei somit ein Archetyp, der in jedem Menschen angeboren sei. Im Grunde genommen läuft es so ab: Die Reise beginnt, der Held trifft seinen Mentor, der Held muss „das Unbekannte“ bzw. einen unbekannten Bereich betreten, macht Fehler und steckt Niederlagen ein, lernt aber gleichzeitig Helfer kennen, erlernt neue Fähigkeiten, wandelt an der Schwelle des Todes (und wird manchmal wiedergeboren), erfährt eine Offenbarung und verändert sich, tut Buße, wird beschenkt (durch z.B. äußere Umstände, Gegenstände, die ihm helfen oder Freunde) und kehrt „stärker“ in die normale Welt zurück. Dann beginnt die Reise von Neuem, aber auf einem höheren Niveau. Auf dreidimensionaler Ebene ließe sich dieser Kreislauf auch als Upward Spiral (Aufwärtsspirale) vorstellen.

Eine weitere Art und Weise die Geschichte eines Helden zu beschrieben, hat Dan Harmon, Erfinder der beliebten TV-Serie Rick & Morty entwickelt. Dabei sei jedoch gesagt, dass die Grundzüge seiner Beschreibung auf Campbell zurückzuführen sind, dessen Buch Harmon kennt.

Dan Harmon beschreibt acht Schritte, in denen der Held einer Geschichte sich verändern muss, um die Reise zu bestehen. Die obere Hälfte des Tortendiagramms zeigt dabei Start bzw. Ende der Geschichte an, somit nach Campbell „das Bekannte“, während die untere Hälfte Wachstum und Veränderung anzeigt, nach Campbell „das Unbekannte“. Häufig gehen mit dem bekannten Bereich einer Geschichte Licht, Fröhlichkeit, Ordnung und Heilung/Leben einher (was sich auch filmisch gut darstellen lässt), während mit dem unbekannten Bereich das genaue Gegenteil einhergeht (Dunkelheit, Chaos, Trauer, Tod etc.). Mit dieser Dualität wird in einer Geschichte ganz bewusst gespielt. Wäre diese Dualität nicht vorhanden, wäre auch keine Veränderung zu erwarten. Sowohl in deiner eigenen Geschichte, als auch im Film und TV.

Diese acht Schritte sind: 1. Komfortzone, 2. Bedürfnis oder Wunsch, 3. Ungewohnte Situation, 4. Anpassung, 5. Kriegen, was man wollte, 6. Aber einen Preis dafür zahlen, 7. Zurück zur Gewohnheit 8. Sich geändert haben

„Alles Leben, einschließlich des menschlichen Geistes und der Gemeinschaften, die wir schaffen, marschiert im selben, sehr spezifischen Takt. Wenn Ihre Geschichte auch zu diesem Takt marschiert – ob Ihre Geschichte der große amerikanische Roman oder ein Furzwitz ist – wird sie mitschwingen. Es wird das Ego Ihres Publikums auf eine kurze Reise ins Unbewusste und zurück schicken. Ihr Publikum hat einen instinktiven Geschmack dafür und sie werden „lecker“ sagen.

Dan Harmon

Und glaubt mir nicht, sondern überprüft es. Von Arielle die kleine Meerjungfrau, über Heavy Metal Musik bis hin zu Menschen, die sich in den Urwald nach Peru auf den Weg machen, um Ayahuasca zu trinken: Sie alle machen diesen Story Circle durch.

Wie lässt sich nun die Serie One Punch Man dort einordnen? Grundsätzlich verfügen Serien auch über einen Story Cycle, auch wenn dieser etwas ausgedehnt wird. Zudem spiegelt sich der Story Cycle auch in jeder einzelnen Folge wieder und existiert damit sowohl im Mikrokosmos, als auch im Makrokosmos einer Serie.

Bei One Punch Man geht es um den Helden Saitama, einen übermächtigen Helden, der die Welt vor Monstern schützt. Und ja, Saitama sieht nicht danach aus, aber er ist so stark, dass niemand, wirklich NIEMAND ihm auch nur das Geringste anhaben kann. Selbst den Gebieter des Universums hat er schon in der ersten Staffel besiegt. Tatsächlich ist der Titel der Serie auch so gewählt, weil Saitama jeden Gegner mit nur einem einzigen Schlag platt macht. Saitama kommt eigentlich fast immer zu spät zu den wirklich wichtigen Kämpfen, in denen seine Freunde besiegt wurden, aber am Ende siegen doch immer die Guten. Oder naja, er. Aber er selbst zählt sich zu den Guten.

Und genau hier fängt das Problem an: Saitama bleibt konstant in Phase 1: Die Komfortzone. Er kommt da aber auch einfach nicht raus, so sehr er es versucht. Seine Freunde entwickeln sich im Gegensatz zu ihm weiter, auch wenn sie niemals in ihrem Leben so stark werden können, wie er. Aber Saitama hat durch seine unheimliche Stärke sein Lebensziel erreicht und kann sich nun nicht mehr weiterentwickeln. Niemand kitzelt das aus ihm heraus, was eine gute Geschichte ausmacht: Dass der Held sich verändern und anpassen muss.

Und das merkt Saitama. Versteht mich nicht falsch, die Serie One Punch Man selbst verläuft nach demselben Schema, wie jede andere Geschichte auch. Saitama ist zwar der Hauptcharakter, aber die Serie selbst besteht aus vielen kleinen Nebenhandlungen über Helden, die immer wieder mit Saitama in Kontakt kommen. Insofern sehen wir immer stärkere neue Gegner, an die sich alle Helden anpassen müssen, d.h. sich selbst überwinden müssen, um zu gewinnen. Außer Saitama.

Die Rolle von Saitama könnte also nicht irrwitziger und ironischer sein. Er ist der einzige Charakter, der stets „er selbst bleiben darf.“ Es gibt schlichtweg keinen Antrieb und keine Veränderung mehr für Saitama als Helden. Und hier erhalten wir auch einen Einblick in seine Gefühls- und Gedankenwelt. Er hat eine sehr leidvolle Geschichte und wusste nie, wo er hingehört. Eines Tages hat ein Monster seinen Kampfgeist geweckt und er hatte das Ziel, der stärkste Held aller Zeiten zu werden. Daraufhin hat er – laut ihm – so verrückt trainiert, dass er unbesiegbar wurde (und ihm die Haare ausgefallen sind). Seine Leidenschaft für das Heldendasein schien also so extrem zu sein, dass er der Allerbeste wurde. Jedoch für einen Preis, den er zahlen musste, ebenso wie jeder andere Held auch.

Er fühlt sich abgestumpft, leer und völlig angstfrei. Angstfreiheit kann für die einen etwas Gutes bedeuten. Es kann aber auch die totale Gleichgültigkeit bedeuten. Letztlich ist Mut auch nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Entscheidung trotz Angst zu handeln.

Jeder Mensch verbindet einen Helden mit Mut. Saitama braucht diesen Mut nicht mehr, gerade weil er schon der allerstärkste Held ist. Vielleicht fehlt ihm deshalb die Leidenschaft für seinen Beruf als Held. Wieso anstrengen und mutig sein, wenn er sowieso weiß, dass er gewinnt? Diese Frage bringt ihn in eine tiefe Depression.

Aber, wer die Serie versteht, der merkt, dass Saitama sich doch verändert: Nicht als Held, aber als Mensch. Zu Beginn der Serie war er alleinstehend, ohne Freunde oder Beruf. Inzwischen hat er einen Schüler, einen Freund und wird von der Heldenliga als hauptberuflicher Held eingestuft (wenn auch in einer Klasse, die ihm nicht gerecht wird). Er lernt wieder Gefühle zu fühlen, nicht auf dem Schlachtfeld, aber bei seinen Freunden. Während die anderen Charaktere der Serie noch darum kämpfen, die Stärksten oder Mächtigsten zu sein, lernt Saitama, worauf es wirklich ankommt. Vielleicht ist Saitama in der Serie fehl am Platz – wie ein Gott aus einem anderen Universum – aber genau das macht den Charme der Serie aus.

Übertragen auf das echte Leben wirft die Serie einige ernsthafte Fragen auf, mit denen auch wir im Alltag konfrontiert werden. Exemplarisch:

  • Wozu weiterkämpfen, wenn wir unser Ziel erreicht haben?
  • Liegt der Sinn des Lebens in Macht, Stärke und Überlegenheit oder eher in Ebenbürtigkeit und Austausch?
  • Brauchen wir Ideale, um nicht der Gleichgültigkeit unseres Daseins zu erliegen?
  • Erfahren diejenigen, die stark und machtvoll sind, automatisch einen Gott-Komplex?

Und zum Abschluss findet ihr noch ein Video, in dem sich Saitama über seine Misere klar wird… und durch einen guten Freund eine Anregung erhält, seine Ideale zu überdenken.

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