Es ist schon ein interessantes Phänomen. Nach der Veröffentlichung von #nichtmeinaerztetag war ich von der erstaunlichen Resonanz auf Youtube überwältigt: 1.8 Millionen Aufrufe, +26.000 Abonnenten, Ø 99 % positive Rückmeldungen (Daumen hoch) und zahlreiche Kommentare und Segenssprüche von Eltern und Familien, die sich für den unermüdlichen Einsatz gegenüber den Kindern bedanken.

Auf Twitter zeichnete sich ein anderes Bild ab: Dort tummeln sich unter dem Hashtag #nichtmeinaerztetag zahlreiche Meinungen von Usern, die empört sind, ja geradezu fassungslos, als hätten die Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V. eine Grenze überschritten, an die sich niemals auch nur jemand heranwagen darf:

Das brachte mich dann ins Grübeln. Zum einen darüber, weshalb auf Twitter so ein hohes Spannungspotential herrscht. Vielleicht liegt es am unterschiedlichen Algorythmus der verschiedenen Social Media Kanäle?

Vielleicht eignet sich Twitter aber auch einfach besser, um kurze und emotionale Statements abzugeben. Schließlich ist die Zeichenzahl auf Twitter stark begrenzt und damit auch die Möglichkeit zur Argumentation. Mehr Eindruck als Fakten schinden womöglich harsche Rhetorik, düstere Prognosen und geplante Affronts.

Aus meinem bisherigen Wissen über Wissenschaftstheorie und Medizintheorie wusste ich schon recht früh, dass die Debatte COVID-19 sehr einseitig bzw. begrenzt, d.h. biomedizinisch geführt wird. Das biopsychosoziale Modell in der Erforschung der COVID-19-Pandemie als Prämisse zu nutzen, ist leider eine Rarität. Dies wäre jedoch dringend notwendig, um anzuerkennen, welche Schritte für eine erfolgreiche Überwindung der COVID-19-Pandemie notwendig wären. Und diese Schritte sind wesentlich reichhaltiger, als nur das Virus einzudämmen. Vielmehr besteht die Kunst in der COVID-19-Pandemie darin, sie auch als eine Krise des menschlichen Geistes auf sozialer und psychologischer Ebene anzuerkennen. In seinem jetzigen Bewusstsein ist der Mensch tief gefangen darin, seine Glaubenssätze für Wissen zu halten (z.B. das Immunsystem würde nicht ausreichen, um vor COVID-19 zu schützen). Und viele Institutionen, die uns tagtäglich begleiten, führen nicht unbedingt dazu, bestimmte Glaubenssätze zu hinterfragen, sondern diese noch zu befeuern.

Hast du dich schon mal gewundert, weshalb während menschlicher Krisen Ideologien erstarken? Ganz einfach, weil nicht genug hinterfragt wird. Der menschliche Geist braucht einfach zur intuitiven Orientierung die Fähigkeit sich zu wundern, zu hinterfragen und neu auszurichten, falls notwendig. Eine Neuorientierung kann durchaus Angst machen. Ein und denselben Kurs in einer sich ständig ändernden Umwelt zu wählen, kann jedoch mit einem vorgefertigten Plan zu einem fatalen Fehler werden. Und wie sagte das uns weltbekannte Genie so schön:

„Planung ist der Ersatz des Zufalls durch den Irrtum.“

Albert Einstein

Wieso ist #nichtmeinaerztetag in diesem Zusammenhang so immens wichtig?

Die Aktion von Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V. erinnert uns daran, bestehende Paradigmen zu hinterfragen, wie etwa den Beschluss des 124. Deutschen Ärztetags:

„Das Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch kann im Winter 2021/2022 nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden. Ohne rechtzeitige Impfung, insbesondere auch für jüngere Kinder, führt ein erneuter Lockdown für diese Altersgruppe zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die kindliche psychische Entwicklung.Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück.“

124. Deutscher Ärztetag, 4. & 5. Mai (Beschlussprotokoll S. 31/32).

Wissenschaftstheorie funktioniert nicht nach dem Prinzip von Wahrsagekugeln. Es gibt einen gewissen Rahmen, innerhalb dessen wissenschaftliche Hypothesen Ergebnisse postulieren können. Dazu gehört aber nicht, dass Studien zu Impfstoffen, die innerhalb mehrerer Monate mit ein paar Tausend Menschen durchgeführt werden, voraussagen können, welche langfristigen Folgen (z.B. in 20 Jahren bei Kindern) auftreten können.

Das Video von Dr. Grüner wurde übrigens entfernt, da es gegen die Nutzungsbedingungen von Youtube verstößt. Der Notfallarzt schilderte, dass er keine Pandemie in seinen vielfältigen Einsätzen sieht, aber Impfkomplikationen bei Personen an der Tagesordnung stehen. Ein Beispiel für mediale Verzerrung? Youtube scheint hier seine Erfahrung ganz einfach unterdrücken zu wollen.

Die Medizin sollte durch die Erforschung von Medikamenten nur zu gut wissen, dass keine Wirkung ohne Nebenwirkung einhergeht. In den meisten Fällen kann die schulmedizinische Theorie nicht genau erklären, wie Medikamente funktionieren, sondern nur, dass sie funktionieren. Und wir sollten uns nichts vormachen: Wir sind weit davon entfernt, erklären zu können, wie COVID-19-Impfstoffe wirken.

Wenn wir nicht mal erklären können, wie Leben ensteht, wie die Wechselwirkung von Körper und Geist entsteht und funktioniert, was Bewusstsein ist und welche Rolle es für die Wissenschaft spielt, wie können wir dann erwarten, dass wir die Prinzipien von Impfstoffen zur Anwendung beim Menschen bis zur Vollendung erklären können?

Wollen wir davon ausgehen, dass es Sinn macht, „die kleinen Fragen“ annähernd beantworten zu können, „die großen Fragen“ aber nicht? Wie lange wollen wir noch nach dem folgenden Prinzip in der Wissenschaft fortsetzen?:

„Die moderne Wissenschaft basiert auf dem Prinzip: »Gib uns ein Mysterium und wir erklären den Rest.« Dieses Mysterium ist das Erscheinen aller Masse und Energie im Universum und aller regierenden Gesetze in einem einzigen Augenblick aus dem Nichts.“

Rubert Sheldrake

Ich möchte damit nicht sagen, dass wir keine Ahnung haben, was wir tun oder nicht wissen, wie bestimmte Wirkstoffe/Impfstoffe funktionieren könnten. Im Gegenteil, sie funktionieren in vielen Fällen sehr gut. Aber beruht der Effekt auf der Theorie, die den Effekt postuliert? Wohl eher nicht. Theorien können niemals wirklichkeitsgetreu beschreiben, wie ein Phänomen wirkt.

Dass unsere Evidenz begrenzt ist, ist eine der Prämissen des Vereins Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V. – zugleich sind für den Verein „Impfstoffe […] Teil der ärztlichen Fürsorge.“ Im Gegensatz zu den angeführten Tweets lässt sich bei dem Verein eine differenzierte Sichtweise erkennen, die weder eine Maßnahme grundsätzlich verteufelt, noch naiv befürwortet.

Es kommt letztlich immer auf die Evidenz an, d.h. wie viele Daten stehen über welchen Zeitraum in welchem Kontext zur Verfügung? Und abhängig von diesen Resultaten sollte individuell abgewogen werden, wer sich impfen möchte und wer nicht.

Es geht letztlich im Leben auch nicht darum, jemanden „Zwangszubeglücken“. Das war auch Gesundheitsminister Jens Spahns Meinung, bis er diese zur Einführung der Masernimpflicht mal eben änderte. Es geht darum, gegenseitig die Integrität zu wahren. Und das sehe ich momentan in der derzeitigen Disskusionskultur in deutschen sozialen Medien nicht. Viel zu häufig wird Statement mit Beleidigung und Fakt mit Fiktion verwechselt. Das ist im öffentlichen Raum, ebenso wie in der Wissenschaft der Fall.

Wieso sehen wir nicht, dass die Kinder keine COVID-19-Impfung brauchen, da sie nicht nur in seltensten (!) Fällen erkranken, sondern auch kein Treiber des Infektionsgeschehens sind? Wieso sehen wir nicht, dass die Wahrung der Individualität eins unserer höchsten Güter ist?

Vielleicht sehen wir es nicht, weil wir nach einem Jahr Pandemie einfach nur nach einem Ausweg suchen. Und da kann der Wahn schon einmal überhandnehmen. Insbesondere, wenn massenpsychologische Phänomene das Treiben der Gesellschaft bestimmen.

Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn, Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Friedrich Schiller

Letztlich sollte auch jeder merken, dass es bei #nichtmeinaerztetag nicht darum geht, jemanden zu verletzen oder anzugreifen. Es geht darum, eine auf Fakten basierende Diskussionskultur zu erschaffen, in der jede (konstruktive) Meinung erlaubt ist. Von mir aus sind auch destruktive Meinungen erlaubt, allerdings sollten sich diese Personen auch einfach einmal bewusst machen, weshalb sie diesen Drang (psychologisch) verspüren, Beleidigungen oder gezielte Verletzungen zuzufügen.

Wer nicht mit sich selbst umgehen kann, kann es vermutlich auch nicht mit dem Internet oder sozialen Medien… Genauso wenig, wie wir uns von Angst leiten lassen sollten, sollten wir uns von Hass leiten lassen. Vielleicht ist ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel notwendig, der auch über die rein rationale Auffassung zukünftiger Entwicklungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse hinausgeht? Vielleicht sind Bestrebungen zur emotionalen Intelligenz und Transzendenz hilfreiche Komponenten, die mehr Licht auf den dunklen Weg der Gesellschaft werfen können?

Ich sage es immer wieder: Wir leben in einem sehr verwirrenden Zeitalter. Es scheint so, als ob jeder die Wahrheit kennen würde und dennoch falsch liege. Jeder verbreitet Informationen, aber kaum jemand hat die Zeit, diese Informationen zu überprüfen. Dazu fehlt es sowohl an Zeit, als auch an relevanten Vorerfahrungen und dem eigenen Bauchgefühl.

In der allgemeinen Medienlandschaft ist es auch schlichtweg ein wenig wie im Mittelalter – wir sehen Methoden der Diffamierung, Stigmatisierung und Skandalierung, die dazu dienen, Menschen zu verleumden, die eine alternative Meinung besitzen.

Insofern unterscheiden wir uns auch bis auf die angewandten Methoden gar nicht so sehr von der mittelalterlichen Hexenjagd. Möglicherweise verbrennen wir die Andersdenkenden nicht mehr, aber in vielen Fällen verlieren sie ihren Job, was einem Todesurteil gleichkommen würde, wie auch der bekannte deutsche Physiker Hans-Peter Dürr bemerkte.

„Die Wissenschaft ist heute die Inquisition“.

Hans-Peter Dürr

Insofern hat die ursprünglich der Freiheit und Wahrheit verpflichtete Wissenschaft heute die Rolle der Religion eingenommen. Ein Wissenschaftler, der nicht dem allgemeinen Konsens der Wissenschaft folgt, wird belächelt und teilweise sogar aus der wissenschaftlichen Community ausgestoßen. Dabei waren es immer die Querdenker in der Wissenschaft, die für Umbruch und Fortschritt gesorgt haben. Wie sollte sonst auch ein Umdenken entstehen, wenn nicht durch die Akzeptanz, dass die vorherrschenden wissenschaftlichen Theorien nicht ausreichend sind und es womöglich auch niemals sein werden, um die Wirklichkeit zu erklären?

Genauso ist es auch in Politik und Gesellschaft. Was, wenn die Demokratie nicht mehr ausreichend ist und stattdessen eine Reform benötigt werden würde, um die neu entstehenden Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen? Was, wenn die Politiker einen fatalen Job in der Krise erledigen? Was, wenn die Intoleranz langsam aber sicher die Oberhand gewinnt und alle Probleme manifestiert, die sich seit Jahrzehnten in uns einbrennen, anstatt, dass die Toleranz unsere Probleme löst?

Einige Beispiele für die Intoleranz des aktuellen Geschehens:

  • Markus Söder spricht von einer Impfpflicht für Pflegepersonal – dies entspricht dem Zwang, der durch die Intoleranz über die aktuellen gesellschaftlichen Zustände geprägt wird. Gleichzeitig warnt er vor einer Terrorzelle, die durch Protestgruppen gegenüber der aktuellen Politik entstehen. Na, wie kommt denn das?
  • Wissenschaftler wie Sucharit Bhakdi, einst wegen seiner Dienste in der Erforschung des Immunsystems geschätzt, werden nun von „faktencheckern“ als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Der Höhepunkt: Der Schmähpreis „Goldenes Brett vorm Kopf“ wird Sucharit Bhakdi verliehen. Das Prof. Dr. Bhakdi gleichzeitig auch den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz trägt, wirkt ironisch.
  • Ein Zahnarzt aus Bayern droht mit Gehalts-Aus bei Verweigerung von Corona-Impfung – Kritische Abwägung scheint unerwünscht.
  • Auf die Frage des Journalisten Boris Reitschuster, warum die WHO-Studie von Stanford-Professor Ioannidis nicht in der Politik beachtet werde und welche Studien die aktuelle Lockdown-Politik rechtfertigen, geht die Sprecherin auf der Bundespressekonferenz überhaupt nicht ein (auch nicht nach Rückfrage).
  • Stichwort Cancel Culture: Immer mehr Kabarettisten (wie etwa Lisa Eckhart) werden wegen ihrer „Political Incorrectness“ von Veranstaltern ausgeladen.
  • Karl Lauterbach wird der Apokalyptiker der Jahre 2020 und 2021. Er spricht von 250.000 Toten ohne Maßnahmen. Solche offensichtlich unwissenschaftlichen Aussagen (s. Schweden verhängt keinen Lockdown oder Maskenpflicht und haben trotzdem kein exponentielles Wachstum) führen weiter in die Spaltung, Zwietracht und Intoleranz.

Ich verstehe aber auch die Schwierigkeiten, in denen sich die Politiker aktuell befinden. Bei denen sie alles rechtfertigen müssen, was sie tun. Und falls sie sich mal geirrt haben sollten, dass sie dies auch nur ungern öffentlich kenntlich machen würden. Aber dies bleibt unerlässlich, wenn wir uns eine funktionierende Demokratie in Deutschland nennen wollen. Andernfalls sind wir bestenfalls eine sich selbst erhaltende Wahl-Oligarchie, wie der emeritierte Prof. Dr. Rainer Mausfeld die Politik nannte.

Ich denke, dass wir 2021 an einen Punkt angelangt sind, an dem wir mit unserem Denken nicht mehr weiterkommen. Es gibt so viele Probleme, die sich in den letzten Jahrzehnten bis Jahrhunderten in unser Denken eingebrannt haben, dass wir entweder ein komplettes Umdenken brauchen oder gar nicht mehr Denken sollten. Etwas ähnliches berichtete auch der Philosoph Alan Watts 1971.

Wir verstehen alles durch Zahlen und Buchstaben, aber was, wenn dies nicht ausreicht?

Wenn diese Kommunikationssysteme nicht ausreichen, um die Welt zu erklären und zu verändern? Und was, wenn die Welt schon gut so ist, wie sie ist?

Vielleicht müssen wir gar nicht ständig etwas verändern und umbauen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns ändern?

Sobald diese Einsicht entsteht, dass alles gut so ist, wie es ist, tritt Entspannung ein. Diese Entspannung lehrt uns, dass wir alles haben, was wir brauchen. Sie lehrt uns, dass wir nicht immer noch mehr nehmen müssen, sondern auch etwas zurückgeben können – und, dass dies sogar noch wohltuender ist, als nur zu nehmen.

Der deutsche Psychiater Erich Fromm hat mit seinem Buch Haben oder Sein? (1976) einen ersten Wink mit dem Zaunpfahl unternommen. Seine Konsum- und Gesellschaftskritik beruht im Grunde genommen auf der Verschiebung der menschlichen Bedürfnisse vom Sein in Richtung des Habens (eine Entwicklung, die in den fernöstlichen Ländern genau entgegengesetzt zu sein scheint). Das Ungleichgewicht zwischen Haben und Sein bringt somit nach seinen Beobachtungen eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen hervor.

Nun wird diese Einstellung Fromm’s nachdenklich machen. Vor allem, wenn man selbst beginnt die Gestik und Mimik von Personen in der Öffentlichkeit zu studieren. Dies führt zur Erkenntnis, dass all der Wohlstand und auch die Technologie uns nicht glücklicher machen. Womöglich führt dies sogar zur Erkenntnis, dass wir uns darin verlieren.

Letztlich könnten wir als Gesellschaft sogar feststellen, dass wir den eigentlich Sinn des Lebens verfehlt haben: Zwischenmenschlichkeit, Liebe, Transzendenz. Und wir haben diese Werte durch Ungleichheit, Intoleranz und Internet/Technolgie ersetzt.

Wo wollen wir also hin?

Das kann jeder nur für sich selbst wissen. Einen Anstoß hierzu kann der einfühlsame Naturphilosoph Jochen Kirchhoff liefern. Sein Studium der Wissenschaftsgeschichte machen ihn zu einem wertvollen Denker, der einem wertvolle Impulse liefern kann, wenn man denn nur zuhören kann.

Und zuhören zu können, das ist eine Kunst. Eine Kunst, die vielleicht ein wenig mehr Toleranz in die Welt bringen kann.

Herzlich
Tristan

Meine Bachelorarbeit habe ich im Fach Oecotrophologie über das Thema Zusammenhang zwischen Aspekten der Achtsamkeit und Übergewicht geschrieben (2020). Die Schlüsse, die ich durch die Literaturrecherche und Umfrage zu dieser Studie gezogen habe, sind, wie ich finde, hochaktuell.

Die Ergebnisse verdeutlichen einmal mehr, wie maßgeblich und unterschiedlich die Auswirkungen von Stress auf den menschlichen Organismus sind.

In diesem Blogbeitrag möchte ich einige Grundkenntnisse vermitteln, indem ich einen Ausschnitt aus der Theorie meiner Bachelorarbeit veröffentliche, der dir helfen kann, dich in stressigen Situationen besser zurecht zu finden. Wenn du verstehst, wie du selbst funktioniert, bist du entsprechend entspannt und handlungsfähig.

Außerdem gibt es noch andere aktuelle Themen, als nur COVID-19. Auch bei Übergewicht sprechen einige Forscher von einer weltweiten Pandemie.

Die vollständige Arbeit, sowie die Umfrage und Auswertung zur Überprüfung meiner Arbeitshypothesen, findest du auf researchgate. Doch nun zur Theorie…

Bachelorarbeit

[…] Durch die steigenden Zahlen an übergewichtigen Menschen wird zugleich deutlich, dass mit herkömmlichen medikamentösen, chirurgischen, ernährungstherapeutischen und psychologische Therapien keine eindeutige Wirksamkeit erzielt werden kann. Bisherige Behandlungen scheinen eher einen kurzfristigen Effekt zu haben, jedoch keinen langfristig wirksamen. Wenn dem so wäre, würde sich die Anzahl der Menschen, die von der Krankheit geheilt wurden, in der Statistik des Deutschen Statistischen Bundesamtes widerspiegeln. Stattdessen ist es so, dass entweder mehr Menschen übergewichtig werden, als geheilt werden oder kein langfristiger Therapieerfolg erzielt wird. So kommen auch Ruban et al. in der Studie Current treatments for obesity(2019) zu demselben Ergebnis, nämlich, dass herkömmliche Therapien in ihrer Wirksamkeit begrenzt sind und neue Therapien gebraucht werden.[i]

Einen anderen Ansatz verfolgt die eingangs erwähnte Psychosomatik. Als Medizinkunde, welche einen non-dualistischen Therapieansatz verfolgt, versucht sie alle körperlichen Symptome auf die Psyche des Menschen zurückzuführen. Ausgehend von dem physikalischen Ursache-Wirkungs-Prinzip, überträgt die Heilkunde somit den Geist des Menschen auf die Materie, welche laut Psychosomatik erst dann auf körperlicher Ebene eine Wirkung entfalten kann (Problem), wenn es im Geiste einen Grund für das Problem gibt (Ursache).[ii]Definitionen für die Psychosomatik wurden bereits aufgeführt. Welche Ursache sieht die Heilkunde nun bei der Thematik des Übergewichts?

Der bereits angeführte Arzt und Psychotherapeut Dr. Rüdiger Dahlke sieht in Übergewicht die Problematik des konstanten Überangebots an Nahrung, mit der Folge, dass wir Emotionen, Erwartungen und speziell Stress puffern können. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln dient dabei auch als Anreiz für das Belohnungssystem sich kurzfristig Glück über den Botenstoff Dopamin zu verschaffen. Wer ungelöste psychische Probleme mit sich trägt, der wird konstant das dopaminerge Belohnungssystem aktivieren wollen, um sich nicht den eigenen Problemen beschäftigen zu müssen.14

Hinzu kommt die Tatsache, dass, obwohl die Universalität der fünf Grundgeschmacksqualitäten anerkennt werden (süß, sauer, bitter, salzig, umami), auch festgestellt wird, dass sich Menschen meist sehr stark in ihrer Fähigkeit unterscheiden, diese Qualitäten wahrzunehmen und zu genießen. Die Gründe für diese Unterschiede zwischen den Menschen sind nicht eindeutig. Die Genetik-Wissenschaftlerin Danielle Reed und ihre Kollegen führen diese Unterschiede auf eine Kombination von Erfahrungen zurück, die bereits in jungen Jahren begonnen haben. Somit kommt der objektiven Gültigkeit der gustatorischen Sinneswahrnehmung (Geschmack) eine subjektive Komponente hinzu, welche dadurch bestimmt wird, ob ein Mensch in stressigen Situationen trotz des Stresses gerne isst oder diesen Stress durch andere Verhaltensweisen kompensiert.[iii]Folgende Gleichungen können somit aus den bisherigen Erklärungen abgeleitet werden:

Stress + Sensibilität gustatorischer Sinneswahrnehmungen = erhöhter Appetit

Stress + Resistenz gustatorischer Sinneswahrnehmungen = Appetitlosigkeit

Eine weitere Theorie, die an meine Ausführungen anknüpft, ist die Selfish Brain-Theorievon Achim Peters.[iv]Der deutsche Adipositas-Forscher führt an, dass „Nicht Stress an sich unser Hauptproblem ist, sondern unsere Anpassung an chronischen psychosozialen Stress. Sie führt bei vielen dazu, dass sie, je nach Typ, entweder zu dick werden oder hager und depressiv.“ (vgl. Peters, 2011).37Er begründet diese Annahme anhand seines Modells, da sich das Gehirn im Falle eines Energiemangels egoistisch verhalten würde. Dies führt dazu, dass versucht wird, Energie über das sympathische Nervensystem vom Körper anzufordern, welches es dann bei Energiemangel in der Folge aus der Umgebung (durch Nahrungsmittel) beschaffen muss, um weiterhin Energie, in Form von Glukose, an das Gehirn weiterzuleiten (diesen Mechanismus nennt Peters Brain Pull). Im Gehirn wird Glukose vorrangig für die übergreifende Regulation lebenswichtiger Prozesse (wie den Herzschlag, die Atmung etc.), für Denkprozesse und für das Belohnungssystem genutzt. Da das Gehirn sehr viel mehr Energie im Vergleich zu anderen Organen verbraucht (bis zu 20%), reguliert der Organismus so den Energieverbrauch zu Gunsten des Gehirns.

Der Grund, warum manche Menschen durch Depressionen und Verstimmungen reagieren, andere wiederum durch eine erhöhte Nahrungsaufnahme, ist laut Achim Peters in der Anpassungsfähigkeit des Individuums begründet. Wenn ein Individuum einen leichten, aber chronischen Stressreiz empfindet, dann wird der Brain-Pull automatisch dafür sorgen, dass durchgängig mehr Glukose angefordert wird, vor allem durch ein vermehrtes Hunger-Gefühl. Wenn das Individuum sich also an den psychosozialen Dauerstress gewöhnt, so reagiert das Stresssystem (Zentrales Nervensystem) mit einer langfristig geringeren Frequenz an Stresshormonen. Eine inadäquate Stressreaktion des Körpers sorgt dann unterschwellig für ein vermehrtes Hungergefühl, da der Brain-Pull inkompetent wird. Ein zu hohes Stressempfinden sorgt wiederum genau für das Gegenteil, ein vermindertes Hungergefühl. Dies führt dann eher zu Depressionen bzw. Verstimmungen und einer Handlungsunfähigkeit in der eigenen Situation. Der Unterschied zwischen diesen beiden Typen, dem stresssensitiven Typ A, der eher zu einer verringerten Nahrungsaufnahme tendiert, und dem stressresistenten Typ B, hat sich inzwischen auch empirisch beobachten und nachweisen lassen. Flaa et al. konnten in ihrer Studie die chronisch leicht-verringerten Adrenalin-Werte (Stresshormone) in Verbindung mit Übergewicht setzen. Sie folgerten, dass die Adrenalinreaktion auf psychischen Stress ein negativer Prädiktor für den zukünftigen BMI ist.[v]

Zusammenfassend lässt sich somit aussagen, dass das eigene Empfinden über die akute und chronische Situation dazu beiträgt, ob ein Individuum Übergewicht aufbaut oder nicht. Dabei spielen sowohl genetische (Geschmackswahrnehmung), epigenetische (Erfahrungen), als auch subjektive Faktoren (Stress, Sehnsüchte) eine nicht zu vernachlässigende Rolle. 

Menschen, die lernen mit ihrer eigenen Wahrnehmung umzugehen, werden also vermutlich dazu tendieren, trotz der stressigen Umstände eine Zufriedenheit aufzubauen, die von Belohnungen in Form von Nahrungsmitteln unabhängig ist. Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der kurzfristigen Stresslinderung zu einem langfristigen Zustand psychischer Widerstandsfähigkeit gegenüber stressigen Situationen. Diese Widerstandsfähigkeit wird in der Psychologie auch als Resilienz bezeichnet. In mehreren Studien konnte bereits gezeigt werden, dass Achtsamkeitstechniken einen positiven Einfluss auf die Resilienz eines Individuums haben kann, ob bei Studenten, Krankenschwestern, Hausfrauen oder bei Militärsoldaten.[vi],[vii],[viii]

Somit schließt sich der Kreis zur bereits erwähnten Achtsamkeit. Achtsamkeit wird als ein Zustand der aktiv auf die Gegenwart gelenkten Aufmerksamkeit beschrieben. Somit findet eine Vergegenwärtigung des Jetzt bzw. gegenwärtigen Momentes statt. Darin sind alle Tätigkeiten eingeschlossen, die das Bewusstsein des Menschen in der Gegenwart verankern und ihm helfen zur Ruhe zu finden. Ursprünglich stammt diese Technik aus den fernöstlichen Kulturen, speziell dem Buddhismus.[ix]Die positiven Effekte auf das Wohlergehen sind zunehmend in den Fokus von Wissenschaftlern gerückt, sodass mit der Zeit schon einige Studien über die Auswirkungen von Achtsamkeit (engl. mindfulness) durchgeführt wurden.

An dieser Stelle werden zwei Definitionen eingebracht. Die Erste stammt von Jon Kabat-Zinn. Er sieht die Achtsamkeit als absichtvolle, gegenwärtige und nicht wertende Aufmerksamkeit (vgl. Kabat-Zinn, 1982, S. 33-47).[x]Die zweite Definition stammt von Daniel Goleman, welcher den Begriff der Emotionalen Intelligenz (EQ), als Erweiterung des Intelligenzquotienten (IQ) zum Umgang mit sich selbst, in das wissenschaftliche Interesse gerückt hat. Er sieht die Achtsamkeit mehr als die Wahrnehmung der inneren Zustände, der emotionalen Kontrolle und der Entwicklung der eigenen Empathie(Goleman, 2007).[xi]Was beide Theorien miteinander verbindet, ist die Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Innere, anstatt auf äußere Ereignisse. Man kann somit darauf schließen, dass durch die Achtsamkeit gelernt wird, wieder mehr auf seine eigenen Bedürfnisse zu hören.

Nun gibt es eine Reihe von Bedürfnissen, die der Psychologe Abraham Maslow in seinem sozialpsychologischen Modell definiert hat: Darin unterscheidet er zwischen Defizitbedürfnissen und Wachstumsbedürfnissen. Die Bedürfnisse des Menschen sind zur Veranschaulichung in einer Pyramide angeordnet worden, beginnend mit überlebenswichtigen Defizitbedürfnissen, wie etwa den physiologischen Bedürfnissen (Essen, Trinken, Atmen, Schlaf), Sicherheitsbedürfnissen und sozialen Bedürfnissen. Darauf folgen die Wachstumsbedürfnisse, wie die Individualität und die Selbstverwirklichung, die der Mensch für sein Überleben nicht unbedingt benötigt.[xii]Was wir aus diesem Modell lernen, ist, dass die Nahrungsaufnahme zu einem der essentiellsten Verlangen des Menschen gehört. Wenn das Nahrungsmittelbedürfnis und die Befriedigung dessen nicht gewährleistet sind, so rücken die Wachstumsbedürfnisse in den Hintergrund. So sagte schon der bekannte Lyriker Bertolt Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“(Brecht, 1928, S. 26).[xiii]Wachstumsbedürfnisse sind ein wichtiger Teil des Menschen, der dazu beiträgt, dass Zufriedenheit erlangt werden kann. Ist der Prozess der Nahrungsmittelaufnahme gestört, so werden auch die Wachstumsbedürfnisse entsprechend vernachlässigt.

Somit hat die psychologische Verfassung, mit der ein Mensch Nahrungsmittel verzehrt und die Weise, wie er sie verzehrt einen enormen Einfluss auf das körperliche Gewicht. Dies verweist uns auf eine Thematik, die in der Literatur auch als das Henne-Ei Problembekannt ist: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?Und im Falle des Übergewichtes: Was kam zuerst, das Lebensmittel, welches die psychologische Verfassung ändert und zum Konsum verleitet oder die psychologische Verfassung, welche durch Stress (Distress) zur erhöhten Nahrungsmittelaufnahme führt?

Die Beantwortung dieser Frage ist recht simpel: Tiere weisen in ihrer gewohnten Umgebung (Habitat) kein Übergewicht auf. Erst der Eingriff des Menschen in die Lebensweise des Tieres führt zur krankhaften Verfettung. In vielen Fällen dienen z.B. Mäuse und Ratten als Versuchstiere für Übergewicht, gerade weil Tiere sehr leicht zu mästen sind. Im natürlichen Lebensraum ist ein Tier immer an seine Umgebung angepasst und muss sich stets auf die Futtersuche begeben. Somit ist die Erklärung für Übergewicht auch in der heutigen Umgebung und Verfügbarkeit der Nahrungsmittel zu suchen, wie Rüdiger Dahlke es erklärte. Denn der Mensch muss nur noch einen geringen Energieaufwand betreiben, um Nahrungsmittel zu konsumieren.[xiv]Diese Bequemlichkeit, ausgehend von der kulturellen Entwicklung einer bewegungsarmen und sicheren Umgebung, führt den Menschen überhaupt in die Möglichkeit, vermehrt Gewicht zuzulegen. Dabei begründet sich das Problem des steigenden Übergewichtes der Gesellschaft nicht in der Umgebung, sie ermöglicht das Problem nur. 

Die Harvard-University gibt in einem Artikel (Harvard Mental Health Letter) an, dass eine erhöhte Nahrungsmittelaufnahme mit Stress verbunden ist.[xv]Dabei ist die Kompensation des Stressreizes von Mensch zu Mensch verschieden und äußert sich bei Menschen, die eine Tendenz zu Übergewicht haben dadurch, dass durch den gustatorischen Stimulus eine Stresslinderung verschafft wird. Damit verlagert sich das Problem des Übergewichtes von bisherigen Erklärungsmodellen, welche die Außenwelt fixiert haben, auf die Innenwelt des Menschen, denn dort herrscht der Drang vermehrt das Belohnungszentrum über Dopamin zu aktivieren und Stress zu reduzieren. Die stetige Bereitschaft des Menschen Nahrungsmittel zu konsumieren, mehr als er für sein Überleben braucht, wird erst dann möglich, wenn Stress als psychischer Druck von der Außenwelt auf die Innenwelt verstanden wird.

So zeigten Schneidermann et al. (2005) in einer Studie einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Stress und Gesundheit auf.[xvi]Sie folgerten, dass junge und gesunde Personen sich an einen akuten Stressreiz anpassen können und dadurch normalerweise keine langfristige Gesundheitsbelastung entsteht. Wenn die Bedrohung jedoch unablässig ist, insbesondere bei älteren oder immungeschwächten Personen, können die langfristigen Auswirkungen von Stressoren die Gesundheit schädigen. Somit stellen langfristige Herausforderungen, welche als negativ bewertet werden, nicht nur eine Beeinträchtigung der Lebensqualität auf psychologischer Ebene dar, sondern im Umkehrschluss auch auf biochemisch messbarer Ebene.[xvii]

Der Zusammenhang zwischen Biochemie und Psychologie ist über das zentrale Nervensystem eindeutig erklärbar. Das ZNS ist mit dem Begriff der Mittelkraftnach Friedrich Schiller vergleichbar.[xviii]Die Mittelkraft fungiert als Transmitter zwischen Körper und Geist. Die Mittelkraft wird durch einen extrinsischen (äußeren) und intrinsischen (inneren) Stimulus beeinflusst, den bereits mehrfach erwähnten Stress. Abhängig von Art, Zeitpunkt und Schweregrad des spezifischen Stimulus, kann Stress verschiedene Wirkungen auf den Körper ausüben, die von Veränderungen der Homöostase über lebensbedrohliche Wirkungen bis hin zum Tod reichen.[xix]Der Wirkungsbereich der sogenannten Stresshormone (Adrenalin und Cortisol) hat nicht nur einen Einfluss auf Neurotransmitter (Dopamin, Serotonin, Acetylcholin etc.), die Botenstoffe des Gehirns, sondern einen Einfluss auf den kompletten Körper des Menschen.[xx]

Vereinfacht dargestellt gelangt ein Stressreiz über die Sinneswahrnehmungen zum Gehirn, woraufhin dann über den sympatho-adrenalen Signalweg des zentralen Nervensystems eine Ausschüttung der Neurotransmitter Noradrenalin und Acetylcholin verursacht wird.[xxi]Ihre Aufgabe besteht in der nervalen Reizweiterleitung über das Rückenmark zur Nebenniere, wo die Ausschüttung von Adrenalin ausgelöst wird. Die Auswirkungen von Adrenalin auf den Organismus sind vermehrte Durchblutung des Gehirns, Aktivierung der Bronchien, erhöhte Muskelspannung, Blutgerinnung, Libido Hemmung, Verdauungshemmung und erhöhte Herzfrequenz. Damit wird auch die Aufgabe des Sympathikus für das Überleben klar, denn die Verarbeitung findet im Stammhirn statt, einem der ältesten Teile des Gehirns.[xxii]Der auch als Reptiliengehirnbezeichnete Teil des Gehirns soll den Organismus auf die Situation Kampf oder Flucht vorbereiten, sodass Lebewesen vor lebensgefährlichen Situationen flüchten oder bereit sind zu kämpfen.[xxiii],[xxiv]

Dieses akute System zum Schutz des Überlebens (Sympathikus-Nebennierenmark-Achse, SAM) wird unterstützt durch die sogenannte zweite Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, HPA). Beide Stressachsen sind über Adrenalin und Cortisol miteinander verbunden. Ein vermehrter Anstieg an Adrenalin führt zur Rückkopplung mit dem Stresshormon Cortisol, welches durch das in der Nebennierenrinde gebildete Adreno-Corticotrope-Hormon (ACTH) angeregt wird. Auf der einen Seite wird so durch Cortisol eine entzündungshemmende Reaktion verursacht, welche die vermehrte Aktivität, Leistungsbereitschaft und Anspannung puffern soll, auf der anderen Seite wird über den Hypothalamus die Aktivität von Adrenalin gehemmt.[xxv]

Eine verlängerte oder übertriebene Stressreaktion kann eine Cortisol-Dysfunktion auslösen. Dadurch kann die Aktivität der SAM-Achse sowie die Ausschüttung von Adrenalin nicht mehr richtig durch die HPA-Achse (Cortisol) gepuffert werden, sodass chronische Entzündungen entstehen, welche sich in verschiedenen Erkrankungen äußern können, wie etwa Typ-2-Diabetes, Depressionen und Angstzuständen. Typ-2-Diabetes steht in der Literatur in direktem Zusammenhang mit Übergewicht.[xxvi],[xxvii],[xxviii],[xxix]Damit kommt dem zentralen Nervensystem über die Aktivierung des Sympathikus (bzw. Parasympathikus, dem entgegengesetzten Signalweg) eine zentrale Rolle bei der Regulation des Körpergewichts durch das Hormonprofil zu. Die Wichtigkeit erkennt man auch daran, dass die Dysregulation des Stresssystems während der Wachstums- und Entwicklungsphase von Kindern häufig zu psychiatrischen Störungen führen.[xxx]

Negativer Stress (Distress) ist im Leben unvermeidlich, jedoch sind Herausforderungen auch mit positivem Stress (Eustress) und Erfolg verbunden. Menschen haben die Möglichkeit zu ändern, wie sie einen Stressreiz empfinden und darauf reagieren. Übertriebene Reaktionen eines Menschen nach einer kognitiven Fehleinschätzung potenzieller Gefahren für das eigene Leben können die Cortisolsekretion fehlregulieren und die Festigung angstbasierter Erinnerungen an Schmerzen oder andere potenzielle Gefahren verschlimmern. Bewältigung, kognitive Neubewertung oder Konfrontation von Stressoren können jedoch die Cortisolsekretion justieren und chronischen, wiederkehrenden physischen und mentalen Schmerzen vorbeugen.[xxxi]Stressmanagement-Techniken sind dabei im alltäglichen Leben für die langfristige Gesundheit von entscheidender Bedeutung.

Eine Möglichkeit zur Prävention vor Übergewicht wäre demnach die Erhaltung des Gleichgewichtes (Homöostase) des zentralen Nervensystems. Ein Gleichgewicht kann nur eingehalten werden, wenn zwei entgegengesetzte zelluläre Schalter in ihrem physiologischen Bereich arbeiten. Zellschalter können wiederum lediglich im pathologischen Bereich arbeiten, wenn der entgegengesetzte Zellschalter nicht genügend Pufferkapazitäten besitzt, dementsprechend nicht genügend aktiviert wird. Eine Cortisol-Dysfunktion sollte demnach nicht möglich sein, wenn die vermehrte Aktivierung des Sympathikus durch den Parasympathikus (auch als Heilnerv bekannt) gepuffert wird. Dadurch erhält der Körper Zeit zur Regeneration der Entzündungen durch Abbau des Cortisols. Ist übermäßig viel Cortisol vorhanden, wird der Rezeptor zur Ausschüttung des Stresshormons resistent und der Körper kann die entstandenen Entzündungen nicht mehr regenerieren.[xxxiii]Damit liegt die Aufmerksamkeit nun auf der Aktivierung des Parasympathikus zur Erhaltung der Homöostase.

Eine Alternative, welche für therapeutische Zwecke genutzt wird, ist die kognitive Neubewertung des Stressreizes. In der Therapie können gezielt Stressfaktoren in ihrer Ursache erkannt und neubewertet werden, sodass in der Folge bestimmte Stressreize weniger stark den sympathischen Signalweg aktivieren.[xxxiv],[xxxv]Der Nachteil dieser Praktik liegt in der Abhängigkeit von einem Therapeuten, der bei der Behandlung von psychologischen Problemen und Stress häufig erforderlich ist. 

Neben therapeutischen Interventionen kann aber auch Sport präventiv wirken. Dabei schützt Bewegung nicht nur durch den erhöhten Kalorienverbrauch vor Übergewicht, sondern auch über Anpassungen im neuroendokrinen System, sodass die hormonelle Stressreaktion (auf Ebene eines submaximalen Trainings) den zirkulierenden basalen Stresshormonspiegel verringern kann. Die Verringerung der hormonellen Stressreaktion durch Bewegungstraining hat Auswirkungen auf den Umgang mit vielen chronischen stressbedingten Gesundheitsproblemen. Allerdings kann die Überbeanspruchung des sympathischen Nervensystems durch Sport auch zu Problemen führen:Übermäßiges Training begünstigt die Entwicklung chronischer Müdigkeit, was auch als Zustand des Übertrainingssyndroms bekannt ist.[xxxvi]Sport führt jedoch in gemäßigter Form durch eine Aktivierung des Sympathikus zu einer verbesserten Aktivierung des Parasympathikus.[xxxvii],[xxxviii]Da Sport jedoch nicht zu den typischen Achtsamkeitstechniken gezählt wird, trotz der Aktivierung ähnlicher biochemischer Signalwege, ist er in dieser Arbeit nicht weiter relevant.[xxxix]

Was Achtsamkeitstechniken, wie etwa die Meditation, Yoga und weitere Entspannungsübungen gemeinsam haben, ist nicht nur die Aktivierung des biochemischen Signalwegs über das parasympathische Nervensystem. Durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit zur Verringerung von Ablenkung werden intrinsische Erfahrungen wie Emotionen, Gefühle und Gedanken erkannt und ausgelebt. Dies hat eine Veränderung des neuronalen Netzwerkes im Sinne der kognitiven Neubewertung ohne bewusste Verarbeitung zur Folge. Somit helfen Achtsamkeitstechniken auch bei der Interpretation von neuen oder konditionierten Erfahrungen ohne Therapeuten. Dabei kommen Joseph Wielgosz et al. (2019) in ihrer Literaturauswertung sogar zu dem Schluss, dass richtig konzipierte und durchgeführte Achtsamkeitsinterventionen vergleichbar mit etablierten schulmedizinischen Behandlungen von Depressionen, Angstzuständen, Schmerzen und Konsum von Drogen sind.[xl]Eine Meta-Analyse von Blanck et al. (2016) zeigte, dass die regelmäßige Durchführung von Achtsamkeitsübungen bei Angstzuständen und Depressionen vorteilhaft ist, auch ohne in therapeutische Rahmenbedingungen integriert zu sein.[xli]Vorläufige Beweise stützen auch mögliche Anwendungen bei Essstörungen, posttraumatischem Stress und weiteren schweren psychischen Erkrankungen. Achtsamkeitsübungen sind laut dem Forscher William Marchand (2012) zudem auch vorteilhaft für die allgemeine psychische Gesundheit und das Stressmanagement bei gesunden Personen.[xlii]Damit bergen Achtsamkeitstechniken ein großes Potenzial für die Behandlung mit psychotherapeutischen Methoden und zur Stressreduktion. […]

Das war’s auch schon. Gar nicht so schwer… oder? 😉

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Herzlich
dein Tristan.


Inhaltsverzeichnis

[i]Ruban, Aruchuna et al. (2019). Current treatments for obesity. Clin Med Lond. 19 (3): S- 205–212. doi:10.7861/clinmedicine.19-3-205.

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[xlii]Marchand, William R. (2012). Mindfulness-based stress reduction, mindfulness-based cognitive therapy, and Zen meditation for depression, anxiety, pain, and psychological distress. J Psychiatr Pract. 18 (4): S. 233‐252. doi:10.1097/01.pra.0000416014.53215.86.