«Das Tiny-House-Movement ist aus der Philosophie des Minimalismus geboren und bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sich dem suffizienten Wohnen und Leben verschrieben haben. Suffizienz ist hier im Sinne der Soziologie und Nachhaltigkeit als ein Wandel in Richtung des genügsamen und einfachen Lebens gemeint.[i] In Amerika hat dieser Wohntrend schon in den 1920er Jahren begonnen und sich nach der Finanzkrise 2008 manifestiert. In den letzten Jahren hat dieser Trend noch einmal einen kräftigen Aufschwung erhalten, weswegen es sogar Serien wie Tiny House Nation[ii] gibt, die Einblicke in Bau und Beschaffenheit der modernen Mini-Häuser bieten. Minimalisten und Tiny-House Verfechter erstreben durch diesen Rückzug ins einfache Leben auch einen Verhaltenswandel zur Abkehr von der Ausbeutung und Zerstörung des Planeten Erde. Tatsächlich gibt es, so empfinde ich es, gute Hinweise darauf, dass ein gemäßigter Lebensstil, zu dem ich das Tiny House als Faktor hinzuzähle, die Gesellschaft positiv beeinflussen kann. Insofern ist es durchaus erstrebenswert und sinnvoll, das Tiny House auch im Sinne der Kommune vorzustellen.

Ich möchte mit einem Definitionsversuch starten. Typische Tiny Houses (wörtlich: „winzige Häuser“) weisen eine Größe von 15-45 m2 auf, in Amerika dürfen sie hingegen nicht mehr als 37 m2 Fläche aufweisen. Es gibt feste Häuser, genauso wie es zirkuswagen- oder wohnwagenähnliche mobile Tiny Houses gibt. Bisher gibt es in Deutschland noch sehr viel weniger gesetzliche Bestimmungen als in Amerika (was vielleicht gar nicht unbedingt schlecht ist). Fest steht jedoch, dass mobile Tiny Houses natürlich an den Straßenverkehr angepasst sein müssen, sie dürfen als beispielsweise nicht breiter als 2,55m sein. 

Wegen der kleinen Größe der Häuser hat sich eine ganz eigene minimalistische Baukunst entwickelt. So wird versucht, möglichst viel an Platz zu sparen, damit die Bewohner noch genügend Freiraum für sich oder sogar für ihre Familie haben. Es kommt nicht selten vor, dass Tische ausgeklappt werden und Treppen nach oben in den Loft (wo meist das Schlafzimmer liegt) verschiebbar oder zusammenbaubar sind. In manchen Fällen sind die Anwender sogar so kreativ, dass Möbel kombiniert werden (etwa die Treppe und das Bücherregal. Wie das aussieht wirst du bestimmt auf deiner liebsten Streamingplattform entdecken können. 

Natürlich haben Tiny Houses auch all das, was normale Häuser haben: Sanitäranlagen, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche (mit Dusche oder seltener auch Badewanne), Elektronik … nur eben alles sehr viel kleiner. Durch die Größe wird der Tiny House Besitzer schnell zum pragmatischen Erfinder, wird aber auch schnell dazu gebracht, unnötigen Krempel zu entsorgen und sich auch nicht neu zu kaufen. Im Tiny House kann nur das genutzt werden, was wirklich gebraucht wird. Anstatt 30 verschiedene Jacken zu haben, sind hier vielleicht nur 3 sinnvoll (oder möglich). Anstatt 50 Steckdosen hat man hier eben nur zehn. Anstatt drei Arbeitsplatten passt hier nur eine Arbeitsplatte hinein. Wer an einem Tiny House für sich selbst interessiert ist, der sollte dies bedenken. Es kann manchmal ganz schön eng werden.

Was kostet ein Tiny House denn eigentlich? Einen einheitlichen Preis gibt es tatsächlich nicht, dies ist auch von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich und natürlich von den Anforderungen abhängig. Teurer als 100.000€ sollte ein Tiny House mit kompletter Ausstattung auf jeden Fall nicht sein. Eine Ausnahme sind möglicherweise nachhaltige Bauarten, die auch erneuerbare Energien verwenden (Solaranlagen) und Off-Grid-Möglichkeiten einbauen (Selbstversorgungsmöglichkeiten wie Regenwassergewinnung und -nutzung). Es gibt jedoch auch Anbieter, die voll ausgestattete Tiny Houses im Preis von 30.000€ bis 50.000€ verkaufen. Der Preis kann noch einmal deutlich fallen, wenn die Einrichtung selbst eingebaut wird. Hinzu kommt, dass manche Anbieter auch die Möglichkeit geben, selbst an dem Tiny House anzupacken. Das hat nicht nur einen Erlebniswert, sondern führt auch zur höheren Wertschätzung und geringeren Kosten. Es kommt natürlich bei den Kosten auch darauf an, wer den Kredit vergibt und wie viel bereits angespart wurde. Grundsätzlich gibt es jedoch bereits Banken in Deutschland, die einen Tiny House Kredit auf bis zu zehn Jahre vergeben. Wer ein Tiny House ernsthaft in Erwägung zieht, der sollte sich gut überlegen, welche Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Denn die Schwierigkeit beim Kauf einen Tiny Houses liegt – zumindest in Deutschland – nicht unbedingt an der Finanzierung oder in der Herstellung, sondern im Grundstück.

Tiny House Grundstücke sind bisher rar gesät. Es gibt inzwischen zwar einige Anbieter von Tiny House Siedlungen, bei denen Tiny House Besitzer ein Grundstück pachten oder kaufen können, allerdings sind diese Grundstücke meist nicht nur extrem klein, sondern auch nicht unbedingt in einer guten Lage. Zugegeben, wer ein Tiny House kaufen möchte, hat meist den Hintergedanken, ein eher ländliches Leben zu führen. Dennoch würde ich für mich immer eine Anbindung an eine nächstgrößere Stadt in mindestens einer Stunde Entfernung wünschen. Hinzu kommt, dass es schnell ziemlich kompliziert werden kann, wie das das Grundstück gekauft wird. Ich habe bisher noch keinen Kredit gefunden, der den Kauf von Tiny House und Grundstück gemeinsam ermöglicht, sodass beides in der Regel eher als einzelne Kredite finanziert werden muss (Ergänzung 17.09.22: Es gibt den Kredit von der Ethik-Bank, bei der dies ermöglicht wird, jedoch ist die Summe auf 125.000€ beschränkt, womit in mancher Hinsicht Abstriche gemacht werden müssten). In dem inzwischen nicht mehr überschaubaren Dschungel an Bürokratie in Deutschland können Tiny-Begeisterte und Minimalisten schnell einen Dämpfer verpasst bekommen, wenn es um den Wunsch geht, sich ein Tiny House zu kaufen. 

Mit der folgenden Checkliste möchte ich die notwendigen Schritte auflisten, die der Wunsch eines Tiny Houses mit sich zieht:

Checkliste

  1. IST-Zustand erfassen
  2. Bei Tiny-Anbietern informieren & Probewohnen
  3. Wünsche und Anforderungen formulieren
  4. Finanzierung und Kosten klären
  5. Passendes Grundstück suchen 
  6. Kredit prüfen und Vorhaben mit der Bank klären
  7. Zweite Meinung bei Familien & Freunden einholen
  8. Auftrag erteilen

Der Vorteil, den ein Tiny House bietet, lässt sich nicht nur langfristig über Nachhaltigkeit und Suffizienz berechnen. Ein Tiny House kann zudem als passives Einkommen dienen, indem Interessierten ein Probewohnen und eine Urlaubsherberge im Tiny House Stil ermöglicht wird. Wer weiß schon, ob Tiny Houses nur ein Trend bleiben oder langfristig das Zusammenleben revolutionieren? Im Tiny House zu wohnen ist jedenfalls eine Erfahrung, die ich jedem empfehlen möchte. Vielleicht ist es auch für bestimmte Menschen gar nichts. Auch ich werde vermutlich nicht für immer in einem Tiny House wohnen. Aber ich möchte auch einfach wissen, ob ein solches bescheidenes Leben nicht auch glücklicher macht.

In Bezug auf die Kommune halte ich dieses Konzept (bisher) für sehr geeignet. Die Größe des Hauses sorgt eh dafür, dass sich Menschen mehr außerhalb ihrer vier Wände aufhalten. Dadurch kann die Gemeinschaft mehr Zeit am Lagerfeuer oder im Gemeinschaftsraum (der durchaus größer sein darf) verbringen. Ich glaube auch, dass Menschen, die sich zusammenschließen und die verschiedensten Fähigkeiten haben, in der Lage sind, selbst handwerklich tätig zu werden und Tiny Houses zu bauen und zu pflegen. 

Sind Tiny Houses das Konzept der Zukunft? Nun, es mag hart klingen, aber in vielen Metropolen und Großstädten der Welt wohnen die Menschen bereits auf ähnlicher m2-Größe und zahlen einen irren Preis. Mir scheint es so, dass der Immobilienmarkt immer skrupelloser wird. Zudem haben diejenigen Menschen einen Vorteil, die eine Immobilie abbezahlen, da Wohnen zur Miete – verzeih mir diesen Ausdruck – rausgeschmissenes Geld ist. Natürlich sind Investitionen immer mit Risiken verbunden, aber wer sich ordentlich informiert, hat gute Chancen, ein Grundstück und ein Tiny House für unter 100.000€ zu finden, sodass nicht für den Rest des Lebens ein Kredit getilgt werden muss und eine gewisse Sicherheit aufgebaut werden kann. Und wer nach einigen Jahren kein Gefallen mehr an Tiny Houses findet, der kann die winzigen Häuser eben wieder verkaufen oder an Interessierte vermieten.

Es gibt kein Patent-Rezept für zufriedenes und nachhaltiges Wohnen, aber Tiny Houses – so finde ich – bieten eine gute Gelegenheit, herauszufinden, wie dies aussehen kann. Ob eine Kommune letztlich auf Tiny Houses zurückgreift liegt auch an den eigenen Ressourcen und Wünschen, die eingebracht werden. Ein Tiny House ist definitiv mehr als eine zeitlich begrenzte Lösung. Es bietet den Charme eines heimeligen Wohnens und macht bewusst, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind. Daher wird dieser Trend auch nicht allzu bald von der Bildfläche verschwinden. Da bin ich mir sicher.»

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Quellen

[i] Felix Ekardt. (2016). Suffizienz: Politikinstrumente, Grenzen von Technik und Wachstum und die schwierige Rolle des guten Lebens. Soziologie Und Nachhaltigkeit, 2(1). https://doi.org/10.17879/sun-2016-1755

[ii] Netflix (2021). Tiny House Nation USA. Online Verfügbar. https://www.netflix.com/de/title/81016914

(Am Ende des Blogartikels werden die entsprechenden Podcast-Folgen aufgeführt)

Es gibt wieder eine neue Rubrik im DENKMAL Podcast! Da uns zunehmend bewusst wird, wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit ist, konnten wir nicht länger still bleiben. Wenn ihr wüsstet, was wir geplant haben… Es kribbelt uns in den Fingern!

Das spannende an DENKMALnachhaltigkeit ist, dass wir hauptsächlich Gäste in unsere Show einladen, die etwas zu diesem Thema sagen werden. Wir versuchen uns bestmöglich zurückzuhalten, um Menschen die Chance zu gewähren zu sprechen, die etwas mit dem Thema am Hut haben. So können dann spannende Gesprächsrunden entstehen, bei denen auch wir selbst neues lernen dürfen.

Dreh- und Angelpunkt unserer Rubrik ist dabei das von der Agenda 21 genutzte Dreieck der Nachhaltigkeit: Sind Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt im Einklang, so können wir zukünftigen Generationen dieselben Chancen bieten, die wir heutzutage auch haben.

Leider ist das mit der Nachhaltigkeit nicht immer so einfach… Okay, ich korrigiere mich: Es wäre einfach, aber der Kurs, den die Menschheit im letzten Jahrhundert gefahren ist, hat durch die zunehmende Gewöhnung an einen bewegungsarmen, globalisierten, teilweise ignoranten und sicherheitsfanatischen Lebensstil zur zunehmenden Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt geführt. Allen voran ist dabei die Wirtschaft, welche unentbehrlich ist, um diesen Lebensstil aufrechtzuerhalten. Man kann sich dabei folgende Kausalkette vorstellen:

  1. Ängste, Sorgen und Nöten schaffen
  2. eine Sehnsucht nach Sicherheit, welche sich in einem
  3. veränderten Lebensstil zeigt.
  4. Dieser Lebensstil eliminiert jede Art von Gefahr und
  5. konzipiert somit eine Realität, in der „Schlechtes“ vermieden werden soll.
  6. Die Verbannung hat jedoch automatisch eine Rückkopplung („backwards law“ vgl. den Philosophen Alan Watts) zur Folge: Je mehr wir nach Positivität streben, desto mehr Negativität erreichen wir.

The desire for a more positive experience is itself a negative experience. And, paradoxically, the acceptance of one’s negative experience is itself a positive experience.“ ―Mark Manson

Dies lässt sich auch sehr gut anhand natürlicher Phänomene nachweisen. In meinem Buch Odyssee im 21. Jahrhundert schrieb ich, dass die Dualität die Lebensgrundlage für das Erleben unserer Wirklichkeit darstellt. Wer nicht zwischen Licht und Dunkelheit unterscheiden kann, nicht zwischen Links und Rechts oder zwischen Gefahr und Sicherheit, der kann gar nicht erst wahrnehmen. Diese Differenzierung muss analog sowohl im Körper als auch im Geiste geschehen. Die Unterdrückung von einem der beiden Pole hat automatisch dessen verstärkte Wahrnehmung zur Folge (natürlich bis hin zum Tod… aber auch hier: Führt das sich wehren und die fehlende Akzeptanz gegenüber dem Tod nicht auch irgendwann zu eben jenem?)

Wenn wir Leid nicht wahrnehmen, so unterdrücken wir auch unsere Freude. Der sinuskurvige Verlauf von Gegensatzpaaren in unserem Leben spiegelt sich sogar in unserem Herzschlag wider. Das Herz kann nur dann ausschlagen, wenn es auch einen Negativausschlag gibt. Damit werden Gegenteil unentbehrlich füreinander und bedingen sich in ihrer Existenz.

So ist es auch in der Natur & Umwelt: Wollen wir nicht wahrhaben, dass wir Lebewesen sind, die aus der Natur stammen, so versuchen wir die Natur zu unterdrücken und auszubeuten – mit grässlichen Folgen. Ob Naturkatastrophen, Umweltzerstörung (wie im Amazonas), Landschaftsvernichtung (Atombomben), Übernutzung der landwirtschaftlichen Böden (Erosion), erhöhtes Müllvorkommen in Ozeanen und Mikroplastik (plastic planet) oder Auslöschung von Tier- und Pflanzenarten. Der Eingriff des Menschen ist unfassbar und unschätzbar. Alles liegt in unserer Hand – aber wir können erst dann etwas ändern, wenn wir akzeptieren, dass alles auf der Welt ein Teil von uns ist.

Ja, wir brauchen Wirtschaft um eine Existenzgrundlage zu haben. Ja, wir brauchen die Umwelt als Fundament für das Überleben. Und ja, wir brauche die Gesellschaft als Basis für Harmonie, Hoffnung und Liebe. Ich hoffe, dass durch die noch folgenden Interviews klar wird, dass jeder Mensch seinen Beitrag auf einer Mikroebene leisten kann, um auf der Makroebene Veränderungen herbeizuführen. Außerdem würde ich mich riesig freuen, wenn euch die Podcastfolgen, aber auch die Gäste, gefallen und inspirieren.

Mit besten Wünschen

Tristan Nolting.
Autor & Podcaster

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