Ein Beitrag aus Sicht der Hermetik

In den letzten Tagen habe ich vermehrt über die Frage nachgedacht, was uns Menschen wichtiger ist: Das Gefühl der Geborgenheit, Schutz und Behütung (Sicherheit) oder das Gefühl von Eigenverantwortlichkeit, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit (Freiheit)? Lasst uns hierzu etwas tiefgründiger schauen und die beiden Elemente richtig einordnen.

Auf meinen Instagram-Kanälen @tristanstrivium und @tristannolting habe ich dazu eine Umfrage gestartet und folgendes Ergebnis erhalten.

Dies ist natürlich keine repräsentative Umfrage. Die Umfrage ist zudem durch die derzeitigen Diskussionen um die Freiheitseinschränkungen der Corona-Pandemie getrübt. Sobald den Menschen entweder ihre Sicherheit oder ihre Ordnung genommen wird, scheinen sie sich wieder danach zu sehnen. Was aber hat es mit diesen beiden Elementen in der Bedeutung für den Menschen auf sich?

Freiheit und Sicherheit sind Ideale und in ihrer extremen Ausprägung Gegenteile, auch wenn sie sich, wie jedes Gegensatzpaar, gegenseitig bedingen. Die folgenden Überlegungen beziehen sich jedoch nicht nur auf die Ideen hinter den Begriffen, sondern auch auf die damit verbundenen Ideologien der Sicherheit und der Freiheit.

Die Ideologie der maximalen Sicherheit schafft die Rechte des Menschen (analog zur rechten analytischen Gehirnhälfte), ja fordert sogar dessen Verschärfung, wodurch es jeder Menge an regelkonformen Bürokraten bedarf, die diese Ordnung verwalten. Sicherheit bewahrt somit Ordnung und minimiert zudem mögliche Zufälle und Gefahren. Durch die Beherrschbarkeit wird der Glaube an eine Welt ohne Gefahren möglich.

Die Ideologie der Freiheit hingegen wird von tendenziell linken Typen (analog zur linken emotional-kreativen Gehirnhälfte) gelebt, die sich die Wahlmöglichkeit zur freien Gestaltung ihres Lebens (und auch des Todes) erhalten wollen. Gesetze stehen dem entgegen, da sie die Handlungen des Individuums einschränken. Ob dies gut oder schlecht ist, ist in erster Instanz irrelevant, denn die Freiheit will sich nur die Wahlmöglichkeit erhalten. Durch die Wahlmöglichkeit wird somit der Glaube an eine freie selbstbestimmte Welt geschaffen.

Wenn wir diese Zeilen reflektieren, merken wir, dass Freiheit versucht zu bewahren, während Sicherheit versucht zu schaffen. Sicherheit ist ein illusionäres, analytisches Konstrukt, das von dem Menschen erschaffen wurde, um sich vor Gefahren zu schützen. Sicherheit gibt es in der Natur nicht. Freiheit ist jedoch ebenso eine Illusion, da die Idee vor der Erkenntnis der eigenen Limitationen schützen soll. Tiere sind in ihrer Rolle ebenso limitiert, haben jedoch keine Möglichkeit wie der Mensch dies zu reflektieren und gehen daher einfach ihrer Bestimmung nach. Politisch gesehen könnte man die Freiheit als Liberalismus und die Sicherheit als Konservatismus definieren. Zusammengefasst heißt dies:

  • Freiheit = Bewahrung
  • Sicherheit = Erschaffung

Männlichkeit & Weiblichkeit

Diese beiden Pole der Bewahrung und Erschaffung finden sich auch in dem ureigenen Spiel der Männlichkeit und Weiblichkeit (Dualität) wieder. Im Kybalion (Hermetik) steht hierzu geschrieben:

„Geschlecht ist in allem; alles hat sein männliches und sein weibliches Prinzip; Geschlecht manifestiert sich auf allen Plänen.“

Das Kybalion

Die Hermetik World Bibliothek führt dies mit Bezug auf die heutige moderne Naturwissenschaft noch detaillierter aus:

„[…] Das Wort Geschlecht (genus) ist verwandt mit „zeugen, erzeugen, schaffen, hervorbringen, Schöpfung“. Eine kurze Überlegung wird zeigen, dass das Wort eine viel weitere und allgemeinere Bedeutung hat als der Ausdruck Sexualität; letzterer bezieht sich auf die physischen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Lebewesen. […]

Die Aufgabe von Geschlecht ist zu schaffen, hervorzubringen usw. Seine Manifestationen sind auf jedem Plan von Phänomenen sichtbar. […]

Die Aufgabe des männlichen Prinzips scheint darin zu liegen, eine gewisse angebotene Energie auf das weibliche Prinzip zu richten und so den Schöpfungsvorgang in Tätigkeit zu setzen. Das weibliche Prinzip ist aber immer dasjenige, welches das aktive schöpferische Werk vollbringt; und so ist es auf allen Plänen. […]

Die öffentliche Meinung hat sich eine ganz irrtümliche Ansicht über die Eigenschaften des sogenannten negativen Poles von elektrifizierter oder magnetisierten Materie gebildet; die Ausdrücke positiv und negativ werden von der Wissenschaft auf diese Phänomene ganz fälschlich angewendet: Das Wort positiv bedeute etwas Reales und Starkes, im Gegensatz zu einer negativen Unrealität oder Schwäche. Nichts liegt dem wahren Sachverhalt bei elektrischen Phänomenen ferner. […]

Es ist nicht nötig, euere Zeit zur Besprechung der wohlbekannten Phänomene in Anspruch zu nehmen, wie „Anziehung und Abstoßung“ der Atome, chemische Affinität, Liebe und Hass der Atome, Anziehung oder Kohäsion zwischen den Molekülen der Materie. Diese Tatsachen sind zu gut bekannt, als dass sie einer weiteren Erklärung bedürfen. Aber habt ihr je schon bedacht, dass alle diese Tatsachen Manifestationen des Prinzips vom Geschlecht sind? […]“

Ähnliche Ideen finden sich beispielsweise auch bei Rudolf Steiners geisteswissenschaftlich basierter Anthroposophie oder auch bei vielen fernöstlichen Philosophien wie dem Hinduismus.

Männliche und weibliche Elemente sind immer im Menschen gemischt, wie auch bei den Protonen und Elektronen des Atoms, auch wenn es ein fest definierbares biologisches Geschlecht am Menschen gibt (auch die verschiedenen Atome weisen Merkmale einer weiblichen und männlichen Klassifizierung durch ihr Verhalten auf). Je nachdem, welche Anteile im Menschen vorherrschend sind, manifestiert sich letztlich auch die Biologie. So steht es auch im hermetischen Gesetz der Entsprechung geschrieben.

Ebenso wie die männlichen und weiblichen Elemente im Menschen vermischt sind, sind auch die freiheitlichen und rechtlichen Vorstellungen und Fiktionen vermischt.

Die Existenz der Lebendigkeit (des Menschen, der Tiere, der Pflanzen etc.) ist jedoch nur denkbar, wenn das Verhältnis beider Geschlechter (Polarität) zueinander gewahrt wird. Dieses Phänomen ist in allen bekannten Disziplinen der Wissenschaften bekannt, von der Psychologie und Physiologie über die Ökologie bis zur Chemie. Sobald ein Geschlechtsmerkmal übermäßig stark wird, beginnt die eintretende Starre (Ordnung) oder die Konfusion (Chaos). Besonders anschaulich wird dies auch in der Kinderserie Avatar: Die Legende von Korra (2/8) durch die Kräfte von Raava und Vaatu dargestellt.

Machen wir dies doch noch an zwei anschaulichen Beispielen fest, um das Ausmaß dieser naturwissenschaftlichen Erkenntnis zu vertiefen.

1. Beispiel: OSHO

In der Dokumentar-Filmreihe Wild Wild Country auf Netflix erhält man Einblicke in das Leben und Wirken des indischen Philosophen „Rajneesh“ Chandra Mohan Jain (OSHO) und seiner Anhänger (Sannyasins). Der Dalai Lama bezeichnete OSHO beispielsweise als „erleuchteten Meister, der mit allen Möglichkeiten arbeitet, um den Menschen zu helfen, diese schwierige Phase in der Entwicklung des Bewusstseins zu überwinden.“

In der Filmreihe wird in der zweiten Folge genauer auf die Umsiedlung OSHO’s von Indien nach Oregon nahe der Stadt Antelope (U.S.A.) eingegangen. Es wird beschrieben, wie die Sannyasin’s innerhalb kürzester Zeit eine Kommune für das Zusammenleben mit OSHO auf der Big Muddy Ranch errichteten. Den Bewohnern der 40-Einwohner großen Stadt Antelope gefiel das gar nicht und so entbrannten Streits zwischen den beiden Lagern, die zwischenzeitlich sogar für das Aufkaufen und Umbenennen der Stadt (durch OSHO’s Generallbevollmächtigte Ma Anand Sheela) und wiederum Bombenattentate auf Sannyasins führte. Wie kann jedoch ein solcher Glaubenskrieg entstehen?

Der Konflikt liegt klar in der Gegenüberstellung der Kulturen. Die amerikanischen Einwohner, geprägt von Konservatismus, pflegten einen Alltag der ihnen ein Gefühl von Sicherheit gab, wohingegen die Sannyasins zur damaligen Zeit als Kultur der unorthodoxen freiheitlichen Praktiken konträr zu christlichen Werten galt. Dies wurde durch die Einblicke von Praktiken des Films Ashram in Poona (1981) noch verschärft. Der Film war bekannt für seine Aufnahmen von nackten, kreischenden und ausflippenden Menschen in einer Sannyasin-Therapiegruppe (Hier ansehen).

Außerdem kam hinzu, dass Shannon Jo Ryan, Tochter des ehemaligen Kongressabgeordneten Leo Ryan, der die Gemeinde Jonestown des Volkstempels in Guyana untersuchte und dort 1978 von Anhängern des Tempels beim Massaker von Jonestown, getötet wurde, der Sannyasin-Bewegung nach Oregon folgte und von Medien nun vermutet wurde, dass sich eine solche Sekte wie Jonestown wiederholt. Es gab Anlass zur Sorge für die amerikanischen Bürger und Medien, dass sich eine solche Tragöde wie Jonestown, bei der 909 Menschen Suizid begangen haben, wiederholt.

Wir stellen also fest: Hier trafen zwei Gruppen aufeinander, die konträr von freiheitlichen und konservativen Glaubenssätzen geprägt waren. Die Unterschiedlichkeit begünstigte den Konflikt. Viele der damaligen Handlungen waren auf Vorurteilen gebaut. Es wird also deutlich, dass das fehlende Verständnis zum Teil auch durch die unterschiedliche Ausrichtung der Menschen erfolgt ist. Für die einen war Sicherheit das wichtigste – für die anderen die Ausübung ihrer Freiheit.

2. Beispiel: Pandemien

Wie wir es auch in der aktuellen Pandemie erleben, gibt es Befürworter und Kritiker der politischen Maßnahmen. Dreh- und Angelpunkt ist gewiss auch die Ausübung der Grundrechte, welche dem Menschen gewisse Freiheiten gewähren. Während die Sicherheitsfanatiker argumentieren, dass die Opfer der aktuellen Pandemie um jeden Preis gering gehalten werden muss, argumentieren die Freiheitsliebhaber um die Ausübung ihrer Wahlmöglichkeiten. Plakativ und in extremer Ausprägung würde eine solche Differenzierung wie folgt aussehen:

Sicherheit

– Virus Gefahr eliminieren
– Isolieren und Kontakt scheuen
– Impfstoff zur Immunität entwickeln
– Wenn nötig Rechte einschränken, damit
sich jeder an die Vorgaben hält

Freiheit

– Mit dem Virus leben lernen
– Arbeit & Sozialleben normal weiterführen
– Natürliche Immunisierung
– Grundrechte um jeden Preis bewahren

Durch die „neue Gefahr“ wird somit ein Kampf zwischen den in den Menschen vorherrschenden Tendenzen geschaffen, die, wenn die Situation als nicht bedrohlich gewertet werden würde, sich im Gleichgewicht gegenseitig erhalten. Nun kämpfen die freiheitlich gesinnten Menschen um die Bewahrung der Rechte, um die sie auch geschichtlich nachvollziehbar seit tausenden von Jahren schon kämpfen, während die Menschen, die nach Sicherheit streben, um eine weitere Einschränkung trachten, damit absoluter Schutz gewährt ist. Die Freiheit und Sicherheit erstreckt sich dann auch in anderen Fragestellungen, wie etwa der Moral oder Sozialität (ist das Abnehmen der Maske in der Öffentlichkeit asozial?).

Vielfach werden Symbole, wie die Masken, als Freiheits oder Sicherheitssymbol aufgeladen, je nachdem aus Perspektive sie betrachtet wird. Die Sicherheitsfanatiker sehen ihre Freiheit in der Sicherheit. Die Freiheitsfanatiker sehen ihre Sicherheit in der Freiheit (Wortspiel verstanden?). Bei Parteien versuchen für das Gute zu kämpfen. Oder zumindest wird ihnen gesagt, dass sie für das Gute im Menschen kämpfen. Wie auch Theodor W. Adorno feststellte, sind die Menschen bereit fast alles zu tun, solange es sich in ihren Augen um „das Gute“ handelt.

Aber was ist das Gute? Ist es Sicherheit oder Freiheit?

Ich möchte hier keiner Position den Vorrang zusprechen. Ich möchte viel lieber dazu anregen, dass das Gleichgewicht beider Verhältnisse langfristig der beste Weg ist, um (mit einer Gefahr) zu leben. Maßnahmen zur Sicherheit sind keinesfalls schlecht. Genau so wenig, wie die Freiheit des Menschen zu verteidigen. Beides sollte jedoch, gerade auch in Anlehnung an den Zeitgeist, mit den Menschen abgestimmt sein. Die Bereitschaft ist hier eine wichtige Komponente. Wir sehen es an Schweden – Gebote sind vielfach vorteilhafter, als Verbote. Auch, um die freiheitlichen Ideale des Menschen nicht zu sehr zu bedrohen. Denn ansonsten rebelliert der Mensch und realer Krieg ist die Folge.

Krieg kann somit als eine Folge der (teils illusionären) Einschränkungen der eigenen Freiheit gewertet werden. Der „temporäre“ Krieg soll dazu dienen, die Freiheit wieder herzustellen. Ähnlich ist es auch mit SARS-CoV-2 – hier wurde vielfach Kriegsrhetorik angewandt, um den vermeintlichen Kampf gegen das Virus zu gewinnen. Wie beim Krieg dient die zeitweilige Einschränkung der Freiheit des Menschen zur vollständigen Wiederherstellung. Einschränkungen sind der Freiheit dienlich – so zumindest die Argumentation von Politikern wie Karl Lauterbach (siehe ARTE Doku). Aber kann das der richtige Weg sein?

Wie auch bei der Geschichte von OSHO und der Sannyasin-Bewegung zu erkennen, gibt es durch die Themen Freiheit und Sicherheit ein hohes Radikalisierungspotential. Dabei wird dann gerne auch damit argumentiert, dass der Gegner immer radikaler wird, man selber müsse also dementsprechend handeln (und radikaler werden). Die eigene Freiheit zu wahren wird dann zu einem Machtkampf.

Letztes Beispiel hierzu: Die bekannte Seite Volksverpetzer hat vielfach polarisierende und brachiale Rhetorik genutzt und nutzt diese auch immernoch, um die Menschen, die für ihre Freiheit demonstrieren, als Ideologen zu diffamieren. Der Wortlaut nimmt dabei Züge an, wie etwa: „Während diese Woche bereits 848 Menschen gestorben sind, demonstrieren sektenhafte-Pandemie-Leugner mit „Wo sind die Toten?“-Laternen, die sie ihren Kindern in die Hand drücken. Wie abgedreht ist diese Ideologie eigentlich inzwischen?“

Pauschal kann ich also die anfängliche Frage, was wichtiger ist, ob Freiheit oder Sicherheit, nicht beantworten. Dies hängt vielfach von der innerlichen Geistesverfassung des Menschen ab.

Zum Abschluss dieses Blogbeitrags habe ich noch eine Geschichte für euch. Es handelt sich um die alte Parabel vom schwarzen Schaaf, welche ich für euch so aufbereitet habe, dass es in unseren Kontext von Freiheit und Sicherheit passt. Ich wünsche aufrichtiges Hinterfragen der hier geteilten Inhalte und zudem guten Genuss der Geschichte!


Das schwarze Schaaf

Ja, das ist die Geschichte vom freien Denken,

vom schwarzen Schaaf, das ließ sich nicht mehr vom Hirten lenken.

Und als es sich aus seinen Zügeln losriss

Und seinen Hirten das erste Mal biss –

da ward es ausgestoßen und in die weite Welt gesetzt.

Zögerlich zog es von dannen, voller Angst entsetzt.

Da bemerkte es, dass auch andere Tiere ohne Hirten lebten,

und ganz ungeniert für sich in den Tag hineinlebten.

Nun wollte es zurück und seinen Kameraden berichten,

die hatten aber kein Interesse daran, den Streit zu schlichten.

Verächtlich sahen sie ihn als Verräter, 

die Freiheit machte das dumme Schaaf zum Übeltäter.

Und so blieb es, wie es immer schon war,

Schaafe lieben Sicherheit, das ist wohl klar.


Ich hoffe, euch hat der Beitrag gefallen und ihr habt etwas Neues über die Themen Hermetik, Dualität, Freiheit, Sicherheit und Wissenschaft gelernt. Falls ihr Anregungen, Fragen oder Kritik an mich habt, dann schreibt mir doch auf Social Media oder per Mail.

Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird am Ende beides verlieren.

Benjamin Franklin:

Bleibt verständnisvoll,
euer Tristan.

Einigen von euch ist es sicherlich schon aufgefallen. Der Name meiner Webseite und Social-Media Kanäle lautet @tristanstrivium. Aber was hat es damit auf sich?

Als ich mein erstes Buch Odyssee im 21. Jahrhundert geschrieben habe, bin ich bei der Recherche der alten Kulturen auf die Schriften von Platon gestoßen. Platon war unter anderem bekannt für seine erkenntnis-theoretischen Denkansätze, um zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können.

Dafür hat er nicht nur die Lehrmethode des Triviums (3) definiert, sondern auch die, des Quadriviums (4). Zusammen waren diese beiden Werkzeuge des Wissens an den Universitäten des Mittelalters als 7 freie Künste bekannt. In den letzten hundert Jahren sind die freien Künste aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden und das, obwohl sie wichtiger werden denn je. Die Nutzung ist trivial und dennoch genial.

„Dadurch, dass man lernt, wie man denken sollte – anstatt was man denken sollte – bildet dieser Ansatz die Basis für die Kunst und die Wissenschaft den eigenen Verstand zu nutzen als auch die Basis für das Wissen über die Materie.“

(Auf die Wichtigkeit des WIE, anstatt des WAS, habe ich bereits in einigen Publikationen hingewiesen.)

Dabei besteht das Trivium aus den drei Elementen Rhetorik, Grammatik und Logik, wohingegen das Quadrivium aus den Elementen Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie besteht.

Zum Verständnis der Funktion beider komplementärer Künste (Trivium und Quadrivium) und deren Elemente, habe ich in meinem Buch Odyssee im 21. Jahrhundert folgende Erklärung angeführt:

„Der Grund für den Fachjargon in der Wissenschaft ist die Abhebung von der normalen Sprache in komplexere Gebilde von Theorien und Definitionen. Neben der Tatsache, dass in Psychologie, Physik oder Didaktik jeder Wissenschaftler seine ganz eigenen Definitionen für Fachwörter nutzt, ist die Fachsprache die Ausdrucksweise eines Menschen, welcher sich mit höchst anspruchsvollen Themen auseinandersetzt. Und meistens über abstrakte Theorien, welche im Alltag keine Anwendung finden. Die freien Künste nach Platon bringen Licht ins Dunkle und zeigen auf, wie ein Mensch beschaffen ist […] Jedes Experiment [und damit auch notwendigerweise jede Beobachtung] gelangt über unsere fünf Sinne in unseren Verstand. Durch Trivium und Quadrivium hat der Verstand die Möglichkeit, dieses Experiment zu verarbeiten.“ (Nolting, Odyssee im 21. Jahrhundert, 2020)[1]

Um gegenseitiges Kommunizieren und verstehen zu ermöglichen, sollten wir sowohl auf unsere Eigene als auch auf die Rhetorik, Logik und Grammatik des Argumentationspartners achten.

Grammatik ist die Fähigkeit zur Sammlung von Elementen im Sprachgebrauch, um diese als Wissensbasis nutzen zu können. Die Logik dient der Beseitigung von Widersprüchen in der Grammatik, sodass der Zusammenhang verstanden werden kann. Die Rhetorik dient schlussendlich der einfachen Weitergabe des Wissens, sodass die Erkenntnisse ins Alltagsleben integriert werden können.[2]

Die Wichtigkeit des Triviums im Austausch miteinander wird bis heute noch maßgeblich unterschätzt. Dafür möchte ich insbesondere auf den Aspekt der Logik genauer eingehen. Ihr werdet sehen, welche Vorteile die Kenntnis um Platon’s Trivium birgt.

Die Macht der Logik

Habt ihr euch nicht auch einmal gefragt, wie ihr in unserer Zeit zwischen guten und schlechten Argumenten unterscheiden könnt? In unserem Informationszeitalter gibt es leicht ersichtlich so viele Informationen, dass es sehr schwer fällt, zwischen Wahrheit und Ideologie zu unterscheiden. Ob es nun um das Thema Corona, Ernährung oder Sport geht, ist erst einmal egal. Wer einen wissenschaftlichen Anspruch hat, der sollte wissen, wie eine logische Argumentation aufgebaut ist und eben auch, was sie nicht enthalten sollte.

Nach Platon gibt es vier Schritte in der Wissenschafstheorie (wissenschaftliche Methode), die erfüllt sein müssen, um als logisch zu gelten. Dazu gehört…

  1. Beobachten: Der zu messende Effekt wird durch Studium der Natur beobachtet
  2. Hypothese aufstellen: Der Effekt wird untersucht und zur Erklärung des Verhaltens werden Thesen aufgestellt
  3. Extrapolieren: Die wahrscheinlichste These wird untersucht, um Vorhersagen über zukünftiges Verhalten zu machen
  4. Verifizieren: Mehrfache Wiederholung des Experiments zur Verifizierung der Reproduzierbarkeit

Je einfacher die Hypothese ist, desto leichter lässt sie sich auch beweisen. Je komplexer das Konstrukt, desto mehr Details, Variablen und somit auch Fehler enthält sie. Sokrates, der Lehrer Platons, wusste beispielsweise, dass eine komplexe Theorie gleichzeitig auch zu einem Verlust der Wirklichkeit führte und wies daher mit seinem Satz: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, auf die Notwendigkeit zum Hinterfragen des eigenen Wissens hin. Theorien sind nur das, was man zu wissen meint. Um die möglichen Fehler einer Argumentationskette zu überprüfen und sie möglichst nachvollziehbar zu halten, hat Platon die logischen Irrtümer mit ins Spiel gebracht.

Logische Irrtümer

Zur Veranschaulichung werden hier beispielhaft einige logische Irrtümer aufgelistet und mit Beispielen untermauert. Eine vollständige Liste findet sich im Anhang Je häufiger die logischen Irrtümer zur Überprüfung von Argumenten im Alltag verwendet werden, desto leichter erschließt sich der Umgang. Die logischen Irrtümer sind wichtiger denn je, gerade auch um Falschaussagen, von Politiker, Wissenschaftlern und vermeintlichen Experten auf die Spur zu kommen.

  • Ad Hominem: Auf eine sachliche Aussage wird mit einem persönlichen Angriff reagiert. Dies ist der Versuch die Person zu diskreditieren, um zu vermeiden, dass man mit logischen Argumenten reagieren muss, die man eventuell nicht parat hat.
    Beispiel: Person 1: „Donald Trump setzt sich für Friedensverträge ein.“ Person 2: „Donald Trump ist ein Rassist!“
  • Appell an Authorität: In bestimmten Situationen müssen wir uns auf der Suche nach Antworten an Experten wenden. Wenn jemand auf die Meinung eines Experten verweist, ist es wichtig zu prüfen, ob diese Person a) wirklich ein Experte ist und b) ob der Experte unabhängig ist oder ob er finanzielle Interessen bezüglich des Themas hat. Man sollte stets prüfen ob ein Verweis auf eine Expertenmeinung nicht vermieden werden kann
    Beispiel: Person A: „Leonhard Held folgert, dass die Studie von Christian Drosten statistische Fehler enthält.“ Person B: „Aber Christian Drosten ist doch der führende SARS-Experte!“
  • Appell an Glauben: Argumentieren, dass etwas wahr ist, weil die Religion oder Ideologie es vorgibt
    Beispiel: Person A: „Stimmt das?“ Person B: „Ich schwöre auf die Bibel.“ Anmerkung: Religionen sind meist keine Glaubensgemeinschaften, in denen spirituelle Erfahrungen vermittelt werden. Vielmehr sind Religionen sinnentleerter Bräuche und Glaubenssätze, die erzählt werden, um Gemeinschaften zu annektieren und zu erhalten.
  • Appell an Gewohnheit: Argumentieren, dass eine bestimmte Handlung gut und richtig ist – z.B. moralisch korrektes Verhalten – weil sich die Mehrheit so verhält
    Beispiel: Sklaverei & Schwulenfeindlichkeit in der Vergangenheit
  • Appell an Emotionen: Der Versuch Unterstützung für eine Sache zu erhalten, indem man im Gesprächspartner bestimmte Emotionen auslöst statt sich mit objektiven Argumenten auseinander zu setzen
    Beispiel: Verschiedene Emotionen erwecken (Humor, Mitgefühl, Wut, Stolz etc.): „Man selbst könnte jederzeit angegriffen werden. Daher benötigt jeder eine Feuerwaffe!“
  • Appell an Angst: Durch das Aufzeigen und Ausmalen schrecklicher Konsequenzen, die eine Entscheidung haben könnte, wird versucht jegliche positiven Aspekte der Entscheidung als irrelevant abzutun
    Beispiel: Corona-Lockdown
  • Appell an Popularität: Wenn die meisten Menschen etwas gutheißen, muss es wohl gut sein
    Beispiel: Corona-Atemschutzmaske
  • Falsches Dilemma: Es werden nur 2 Optionen präsentiert, um ein Problem zu lösen, obwohl auch noch andere Alternativen möglich wären
    Beispiel Klimawandel: Entweder steigt Deutschland bis 2030 aus dem Kohleabbau aus oder der Klimawandel verschlimmert sich.
  • Deckmantel: Wenn man in einer Diskussion auf ein schwer zu widerlegendes Argument stößt, beginnt man einfach eine lange Liste andere Themen in kurzer Abfolge in die Diskussion einzuwerfen in der Hoffnung, dass das ursprüngliche Argument in Vergessenheit gerät
    Beispiel: Stefan Homburg erklärt die Reproduktionszahl und, dass der Lockdown keinen Einfluss auf die Reproduktionszahl gehabt hat. Ergo sei der Lockdown nicht notwendig um die Anzahl der Infektionen zu reduzieren. Richard Greil erklärt, dass dies eine Fehlinterpretation sei und, dass sich das Verhalten der Menschen bereits vor dem Lockdown geändert hat.
  • Rampenlicht: Die Tatsache, dass viele Menschen ihre Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema richten, bedeutet noch nicht automatisch, dass es wirklich relevant ist
    Beispiel: Black-lives-matter – hierbei sei die Verhältnismäßigkeit gegenüber anderen Bedrohungen beachtet und auch die Frage, ob Rassismus die Ursache ist oder nur die Folge eines bestimmten gesellschaftlichen Verhaltens. Sind der Ursprung der Proteste und die Maßnahmen gerechtfertigt oder handelt es sich um ein Massenphänomen?
  • Strohmann (ähnlich auch Roter Hering): Man nimmt eine Position oder Behauptung einer anderen Person, übertreibt und verzerrt sie und greift dann diese verzerrte Behauptung an, weil sie einfacher als falsch entlarvt werden kann
    Beispiel: Person A: „Wieso setzt du dich nicht für ein Abtreibungsgesetz ein?“ Person B: Du scheinst ein Psychopath zu sein. Als nächstes erzählst du auch noch, dass du eine Waffe mit dir herumträgst mich erschießen willst! Ich trete für ein Anti-Waffen-Gesetz ein.“

Mir hat das Trivium beim Verständnis vieler Sachzusammenhänge weitergeholfen. Durch die logischen Irrtümer konnte ich immer wieder auch meine eigenen Argumente überprüfen – und außerdem gestehe auch gerne ein, dass ich einen Argumentationsfehler habe, wenn mich jemand auf den entsprechenden logischen Irrtum hinweist. Zur Erkenntnis der logischen Irrtümer ist die Beachtung der Grammatik (Wortschatz) und Rhetorik (Gestik, Mimik, Stimme) natürlich ebenso wichtig. Darum ist genaues Beobachten und Hinhören unerlässlich.

In den kommenden Tagen werde ich meine Sars-CoV-2 (COVID-19) Analyse vom Mai nochmal auf Englisch veröffentlichen. Am Ende befindet sich ein 5-6 seitiges Update, welches explizit auf das Trivium zur Überprüfung der Argumentation in der Corona-Debatte hinweist. Hier folgt jedoch nochmal ein eigener Blogartikel, auf den ihr euch freuen könnt.

Ihr seht, das Trivium ist für mich so wichtig geworden, dass ich es inzwischen sogar im Künstlernamen trage. Ich wünsche mir, dass ich mehr Menschen für offene Debatten und Argumentationskultur begeistern kann. Und, dass das Trivium eine geeignete Lehrmethode hierfür darstellt.

Damit bedanke ich mich fürs Lesen und sage bis bald!

Herzlich,
Tristan.


Literatur:

[1]Tristan Nolting (2020): Odyssee im 21. Jahrhundert. Tredition, 2. Auflage.
[2]Otfried Höfe (2009): Aristoteles: Die Hauptwerke: Ein Lesebuch. A. Francke Verlag.