Einigen von euch ist es sicherlich schon aufgefallen. Der Name meiner Webseite und Social-Media Kanäle lautet @tristanstrivium. Aber was hat es damit auf sich?

Als ich mein erstes Buch Odyssee im 21. Jahrhundert geschrieben habe, bin ich bei der Recherche der alten Kulturen auf die Schriften von Platon gestoßen. Platon war unter anderem bekannt für seine erkenntnis-theoretischen Denkansätze, um zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können.

Dafür hat er nicht nur die Lehrmethode des Triviums (3) definiert, sondern auch die, des Quadriviums (4). Zusammen waren diese beiden Werkzeuge des Wissens an den Universitäten des Mittelalters als 7 freie Künste bekannt. In den letzten hundert Jahren sind die freien Künste aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden und das, obwohl sie wichtiger werden denn je. Die Nutzung ist trivial und dennoch genial.

„Dadurch, dass man lernt, wie man denken sollte – anstatt was man denken sollte – bildet dieser Ansatz die Basis für die Kunst und die Wissenschaft den eigenen Verstand zu nutzen als auch die Basis für das Wissen über die Materie.“

(Auf die Wichtigkeit des WIE, anstatt des WAS, habe ich bereits in einigen Publikationen hingewiesen.)

Dabei besteht das Trivium aus den drei Elementen Rhetorik, Grammatik und Logik, wohingegen das Quadrivium aus den Elementen Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie besteht.

Zum Verständnis der Funktion beider komplementärer Künste (Trivium und Quadrivium) und deren Elemente, habe ich in meinem Buch Odyssee im 21. Jahrhundert folgende Erklärung angeführt:

„Der Grund für den Fachjargon in der Wissenschaft ist die Abhebung von der normalen Sprache in komplexere Gebilde von Theorien und Definitionen. Neben der Tatsache, dass in Psychologie, Physik oder Didaktik jeder Wissenschaftler seine ganz eigenen Definitionen für Fachwörter nutzt, ist die Fachsprache die Ausdrucksweise eines Menschen, welcher sich mit höchst anspruchsvollen Themen auseinandersetzt. Und meistens über abstrakte Theorien, welche im Alltag keine Anwendung finden. Die freien Künste nach Platon bringen Licht ins Dunkle und zeigen auf, wie ein Mensch beschaffen ist […] Jedes Experiment [und damit auch notwendigerweise jede Beobachtung] gelangt über unsere fünf Sinne in unseren Verstand. Durch Trivium und Quadrivium hat der Verstand die Möglichkeit, dieses Experiment zu verarbeiten.“ (Nolting, Odyssee im 21. Jahrhundert, 2020)[1]

Um gegenseitiges Kommunizieren und verstehen zu ermöglichen, sollten wir sowohl auf unsere Eigene als auch auf die Rhetorik, Logik und Grammatik des Argumentationspartners achten.

Grammatik ist die Fähigkeit zur Sammlung von Elementen im Sprachgebrauch, um diese als Wissensbasis nutzen zu können. Die Logik dient der Beseitigung von Widersprüchen in der Grammatik, sodass der Zusammenhang verstanden werden kann. Die Rhetorik dient schlussendlich der einfachen Weitergabe des Wissens, sodass die Erkenntnisse ins Alltagsleben integriert werden können.[2]

Die Wichtigkeit des Triviums im Austausch miteinander wird bis heute noch maßgeblich unterschätzt. Dafür möchte ich insbesondere auf den Aspekt der Logik genauer eingehen. Ihr werdet sehen, welche Vorteile die Kenntnis um Platon’s Trivium birgt.

Die Macht der Logik

Habt ihr euch nicht auch einmal gefragt, wie ihr in unserer Zeit zwischen guten und schlechten Argumenten unterscheiden könnt? In unserem Informationszeitalter gibt es leicht ersichtlich so viele Informationen, dass es sehr schwer fällt, zwischen Wahrheit und Ideologie zu unterscheiden. Ob es nun um das Thema Corona, Ernährung oder Sport geht, ist erst einmal egal. Wer einen wissenschaftlichen Anspruch hat, der sollte wissen, wie eine logische Argumentation aufgebaut ist und eben auch, was sie nicht enthalten sollte.

Nach Platon gibt es vier Schritte in der Wissenschafstheorie (wissenschaftliche Methode), die erfüllt sein müssen, um als logisch zu gelten. Dazu gehört…

  1. Beobachten: Der zu messende Effekt wird durch Studium der Natur beobachtet
  2. Hypothese aufstellen: Der Effekt wird untersucht und zur Erklärung des Verhaltens werden Thesen aufgestellt
  3. Extrapolieren: Die wahrscheinlichste These wird untersucht, um Vorhersagen über zukünftiges Verhalten zu machen
  4. Verifizieren: Mehrfache Wiederholung des Experiments zur Verifizierung der Reproduzierbarkeit

Je einfacher die Hypothese ist, desto leichter lässt sie sich auch beweisen. Je komplexer das Konstrukt, desto mehr Details, Variablen und somit auch Fehler enthält sie. Sokrates, der Lehrer Platons, wusste beispielsweise, dass eine komplexe Theorie gleichzeitig auch zu einem Verlust der Wirklichkeit führte und wies daher mit seinem Satz: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, auf die Notwendigkeit zum Hinterfragen des eigenen Wissens hin. Theorien sind nur das, was man zu wissen meint. Um die möglichen Fehler einer Argumentationskette zu überprüfen und sie möglichst nachvollziehbar zu halten, hat Platon die logischen Irrtümer mit ins Spiel gebracht.

Logische Irrtümer

Zur Veranschaulichung werden hier beispielhaft einige logische Irrtümer aufgelistet und mit Beispielen untermauert. Eine vollständige Liste findet sich im Anhang Je häufiger die logischen Irrtümer zur Überprüfung von Argumenten im Alltag verwendet werden, desto leichter erschließt sich der Umgang. Die logischen Irrtümer sind wichtiger denn je, gerade auch um Falschaussagen, von Politiker, Wissenschaftlern und vermeintlichen Experten auf die Spur zu kommen.

  • Ad Hominem: Auf eine sachliche Aussage wird mit einem persönlichen Angriff reagiert. Dies ist der Versuch die Person zu diskreditieren, um zu vermeiden, dass man mit logischen Argumenten reagieren muss, die man eventuell nicht parat hat.
    Beispiel: Person 1: „Donald Trump setzt sich für Friedensverträge ein.“ Person 2: „Donald Trump ist ein Rassist!“
  • Appell an Authorität: In bestimmten Situationen müssen wir uns auf der Suche nach Antworten an Experten wenden. Wenn jemand auf die Meinung eines Experten verweist, ist es wichtig zu prüfen, ob diese Person a) wirklich ein Experte ist und b) ob der Experte unabhängig ist oder ob er finanzielle Interessen bezüglich des Themas hat. Man sollte stets prüfen ob ein Verweis auf eine Expertenmeinung nicht vermieden werden kann
    Beispiel: Person A: „Leonhard Held folgert, dass die Studie von Christian Drosten statistische Fehler enthält.“ Person B: „Aber Christian Drosten ist doch der führende SARS-Experte!“
  • Appell an Glauben: Argumentieren, dass etwas wahr ist, weil die Religion oder Ideologie es vorgibt
    Beispiel: Person A: „Stimmt das?“ Person B: „Ich schwöre auf die Bibel.“ Anmerkung: Religionen sind meist keine Glaubensgemeinschaften, in denen spirituelle Erfahrungen vermittelt werden. Vielmehr sind Religionen sinnentleerter Bräuche und Glaubenssätze, die erzählt werden, um Gemeinschaften zu annektieren und zu erhalten.
  • Appell an Gewohnheit: Argumentieren, dass eine bestimmte Handlung gut und richtig ist – z.B. moralisch korrektes Verhalten – weil sich die Mehrheit so verhält
    Beispiel: Sklaverei & Schwulenfeindlichkeit in der Vergangenheit
  • Appell an Emotionen: Der Versuch Unterstützung für eine Sache zu erhalten, indem man im Gesprächspartner bestimmte Emotionen auslöst statt sich mit objektiven Argumenten auseinander zu setzen
    Beispiel: Verschiedene Emotionen erwecken (Humor, Mitgefühl, Wut, Stolz etc.): „Man selbst könnte jederzeit angegriffen werden. Daher benötigt jeder eine Feuerwaffe!“
  • Appell an Angst: Durch das Aufzeigen und Ausmalen schrecklicher Konsequenzen, die eine Entscheidung haben könnte, wird versucht jegliche positiven Aspekte der Entscheidung als irrelevant abzutun
    Beispiel: Corona-Lockdown
  • Appell an Popularität: Wenn die meisten Menschen etwas gutheißen, muss es wohl gut sein
    Beispiel: Corona-Atemschutzmaske
  • Falsches Dilemma: Es werden nur 2 Optionen präsentiert, um ein Problem zu lösen, obwohl auch noch andere Alternativen möglich wären
    Beispiel Klimawandel: Entweder steigt Deutschland bis 2030 aus dem Kohleabbau aus oder der Klimawandel verschlimmert sich.
  • Deckmantel: Wenn man in einer Diskussion auf ein schwer zu widerlegendes Argument stößt, beginnt man einfach eine lange Liste andere Themen in kurzer Abfolge in die Diskussion einzuwerfen in der Hoffnung, dass das ursprüngliche Argument in Vergessenheit gerät
    Beispiel: Stefan Homburg erklärt die Reproduktionszahl und, dass der Lockdown keinen Einfluss auf die Reproduktionszahl gehabt hat. Ergo sei der Lockdown nicht notwendig um die Anzahl der Infektionen zu reduzieren. Richard Greil erklärt, dass dies eine Fehlinterpretation sei und, dass sich das Verhalten der Menschen bereits vor dem Lockdown geändert hat.
  • Rampenlicht: Die Tatsache, dass viele Menschen ihre Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema richten, bedeutet noch nicht automatisch, dass es wirklich relevant ist
    Beispiel: Black-lives-matter – hierbei sei die Verhältnismäßigkeit gegenüber anderen Bedrohungen beachtet und auch die Frage, ob Rassismus die Ursache ist oder nur die Folge eines bestimmten gesellschaftlichen Verhaltens. Sind der Ursprung der Proteste und die Maßnahmen gerechtfertigt oder handelt es sich um ein Massenphänomen?
  • Strohmann (ähnlich auch Roter Hering): Man nimmt eine Position oder Behauptung einer anderen Person, übertreibt und verzerrt sie und greift dann diese verzerrte Behauptung an, weil sie einfacher als falsch entlarvt werden kann
    Beispiel: Person A: „Wieso setzt du dich nicht für ein Abtreibungsgesetz ein?“ Person B: Du scheinst ein Psychopath zu sein. Als nächstes erzählst du auch noch, dass du eine Waffe mit dir herumträgst mich erschießen willst! Ich trete für ein Anti-Waffen-Gesetz ein.“

Mir hat das Trivium beim Verständnis vieler Sachzusammenhänge weitergeholfen. Durch die logischen Irrtümer konnte ich immer wieder auch meine eigenen Argumente überprüfen – und außerdem gestehe auch gerne ein, dass ich einen Argumentationsfehler habe, wenn mich jemand auf den entsprechenden logischen Irrtum hinweist. Zur Erkenntnis der logischen Irrtümer ist die Beachtung der Grammatik (Wortschatz) und Rhetorik (Gestik, Mimik, Stimme) natürlich ebenso wichtig. Darum ist genaues Beobachten und Hinhören unerlässlich.

In den kommenden Tagen werde ich meine Sars-CoV-2 (COVID-19) Analyse vom Mai nochmal auf Englisch veröffentlichen. Am Ende befindet sich ein 5-6 seitiges Update, welches explizit auf das Trivium zur Überprüfung der Argumentation in der Corona-Debatte hinweist. Hier folgt jedoch nochmal ein eigener Blogartikel, auf den ihr euch freuen könnt.

Ihr seht, das Trivium ist für mich so wichtig geworden, dass ich es inzwischen sogar im Künstlernamen trage. Ich wünsche mir, dass ich mehr Menschen für offene Debatten und Argumentationskultur begeistern kann. Und, dass das Trivium eine geeignete Lehrmethode hierfür darstellt.

Damit bedanke ich mich fürs Lesen und sage bis bald!

Herzlich,
Tristan.


Literatur:

[1]Tristan Nolting (2020): Odyssee im 21. Jahrhundert. Tredition, 2. Auflage.
[2]Otfried Höfe (2009): Aristoteles: Die Hauptwerke: Ein Lesebuch. A. Francke Verlag.

Die Schattenseite unseres Selbst

Quellen finden sich in COVID-19 (SARS-CoV-2) holistisch betrachtet

Aufgrund der kommenden „Pandemie-Monate“ kam mir die Idee, einfach mal einen Beitrag über Angst zu verfassen. Um Angst zu verstehen und auch einordnen zu können, wann sie angebracht ist, müssen wir verstehen, wofür sie da ist.

Angst ist eine Grundemotion des Menschen. Angst macht mobil und leistungsfähig. Angst ist der Antrieb, der viele Menschen jeden Morgen aufstehen lässt. Zum Beispiel aus dem Grund, dass man Angst hat, kein Geld zu verdienen und auf der Straße zu landen.

Angst entsteht jedoch nicht grundsätzlich aufgrund bestimmter Glaubenssätze. Wenn hier eine Bärin mit ihren Jungtieren vor mir steht, dann muss ich handlungsfähig sein und weglaufen. Da wäre es eher nachteilig, wenn ich desinteressiert weiter meinen Blogbeitrag schreibe.

Merke also: Angst induziert den bekannten Kampf-Flucht-Trieb, der in jedem Menschen und jedem Tier vorhanden ist. Angst ist die Emotion, die der Erhaltung des eigenen Lebens dient.

Jemand, der gar keine Angst hat, ist nicht lebensfähig, denn derjenige würde sich selbst ständig in Gefahr bringen (Da ist eine Klippe? Was soll’s). Eine gewisse Grundangst ist notwendig, um nicht zu sterben.

Wir müssen also unterscheiden zwischen gegenwärtigen, realen Gefahren, bei denen die Angst berechtigt ist, um davon zu laufen und zwischen Zukunftsängsten. Die Psychologie determiniert diese beiden Arten genauer als Furcht (Gegenwart) und Angst (Zukunft).

Ist Angst berechtigt?

Furcht erfüllt die Funktion des Überlebens. Welche Funktion erfüllt jedoch die Angst?

Dafür müssten wir in uns hineinhorchen und schauen, wie häufig Ängste, Nöte, Sorgen und sonstige Existenzprobleme tatsächlich berechtigt sind. Ich würde schlicht und ergreifend einfach mal gar nicht (bis kaum) sagen. Stelle doch einfach mal eine Liste zusammen, die deine Sorgen beinhaltet, die tatsächlich berechtigt sind. Du wirst staunen.

Das Problem ist Folgendes: Wenn mein eigenes Handeln von Angst bestimmt ist, dann werde ich niemals mein volles Potenzial ausschöpfen können. Angst ist eine nervenschädigende, immunsystemschwächende und die Lebensqualität mindernde Emotion, die langfristig Energiemangel erschafft und die Freude am Leben nimmt. Ein Künstler, Tänzer oder Musiker muss völlig angstfrei sein, sonst wird er sein Meisterwerk nicht erschaffen können.

Wieso dauerhafte Angst schädlich ist, lässt sich auch sehr einfach biochemisch nachvollziehen.

Das primäre Hormon, welches während einer Angstreaktion ausgeschüttet wird, ist Adrenalin. Adrenalin mobilisiert Energieressourcen, stoppt (für den Moment) unnütze und energieverbrauchende Körperprozesse und macht somit leistungsfähig. Dies an sich ist ein völlig normaler physiologischer Prozess, der bei einem gesunden Menschen reibungslos abläuft.

Problematisch wird es, wenn das Hormon Adrenalin durch die (sympathikotone) Daueranspannung zu oft und zu lange aktiviert wird. Das führt nämlich zur vermehrten Aktivierung des reziproken Hormons Cortisol (chronischer Stress), welches die entzündlichen (inflammatorischen) Schäden im Körper durch seine antientzündlichen Eigenschaften puffern soll. Bekannt ist unter anderem auch das artverwandte Medikament Cortison, das genau hier eingesetzt wird – bei hohen Entzündungswerten.

Cortisol ist an sich nicht gut oder böse, sondern ist sogar für das hormonelle Gleichgewicht des zentralen Nervensystems (ZNS) notwendig. Alle Hormone sind wichtig! Erst wenn durch das eigene Verhalten das körperliche System fehlreguliert wird, entstehen langfristig körperliche und geistige Probleme.

Hier setzen nicht nur Medikamente an, sondern auch diverse psychologische Therapien. Durch die Veränderung des eigenen Verhaltens (Ursache) kann eine Verringerung bestimmter Auswirkungen (Schmerzen, Angstzustände, Panikattacken, Diabetes etc.) erreicht werden.

Dafür müssen jedoch die eigenen Glaubenssätze aufgelöst werden. Und daraus wird häufig eine Kunst gemacht. Dabei ist es eigentlich einfacher, als man denkt.

Glaubenssätze können nur durch das erworbene Wissen (Erfahrungen) widerlegt werden!

Je intensiver die eigene Erfahrung, desto besser lässt sich der eigene Glaubenssatz auflösen. Dabei wird sicherlich viel Zeit benötigt, um langfristige Verhaltensmuster aufzulösen – dennoch: Der eigene Glauben kann immer nur durch die Erkenntnis und Erfahrung negiert werden. Um zu überprüfen, ob sich der Glaubenssatz tatsächlich aufgelöst hat, kann man immer die eigene Entspannung in der entsprechenden (Angst-)Situation überprüfen. Wer wahrlich seine Glaubenssätze aufgelöst hat, der ist völlig entspannt.

Somit folgt zur Beantwortung der Frage: Angst hat sowohl einen realen Ursprung als auch einen fiktiven. In den häufigsten Fällen handelt es sich jedoch um fiktive Angst und nicht um Furcht. Die fiktive Angst gilt es im Sinne der eigenen Gesundheit und Zufriedenheit möglichst zu minimieren. Sonst wird es langfristig ziemlich „ungemütlich“.

Aber auch aus einem anderen Aspekt heraus ist die fiktive Angst als kritisch für den Menschen zu beurteilen: Angst schränkt die Wahrnehmung ein. Man fühlt sich selbst eingeengt von seiner Umgebung und von seinem Weltbild. Letztendlich resultiert dauerhafte Angst in einem ständigen Gefühl der Bedrohung. Und wie ich in meinem Buch Odyssee im 21. Jahrhundert schrieb, fühlen sich Personen ständig bedroht und versuchen alles zu eliminieren, was ihnen Angst macht. Mit verheerenden Folgen.

Beispiel COVID-19

Dunkles Licht. Schaurige Bilder. Blut, Viren und ein Arztkittel. Die Unsicherheit des Mannes in Weiss, der sonst immer alles weiß, sorgt für Unsicherheit. Der Laie, der keine Eigenkompetenz besitzt, muss dem Spezialisten glauben, damit das eigene Heil gesichert wird. Die eigene Verantwortung abzugeben schafft Abhängigkeit und Steuerbarkeit. Wer nicht der Regierung glaubt, muss tief in die Tasche greifen. Andersdenken ist teuer.

Jene Situation hat uns in den letzten Monaten ereilt. Wie der Forscher Mohideenbawa Riswan ganz folgerichtig erkannt hat, ist alleine das Wort Pandemie zu einem Schrecken für die Menschheit geworden. COVID-19 (bzw. der Erreger SARS-CoV-2) löst vielmehr Angst aus als real begründete Furcht.

Viele Studien behaupten, dass der Ausbruch der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) weltweit tiefgreifende soziale und psychologische Auswirkungen hat. Untersuchungen zeigen, dass die Covid-19-Epidemie mit Angst, Angst und Depression, Unruhe bei Beschäftigten im Gesundheitswesen und in der Öffentlichkeit verbunden ist. Soziale Isolation, Angst und andere chronische psychische Belastungen können zu Selbstmordgedanken bei schutzbedürftigen Menschen, Personen mit psychischen Störungen und in Gebieten mit hoher Covid-19-Prävalenz führen.

Mohideenbawa Riswan (2020).

Diese wissenschaftliche Arbeit gibt jedoch nur einen kleinen Einblick in die tatsächlichen Kollateralschäden. Soziale Verwahrlosung, wirtschaftliche Totalschäden und Insolvenzen, Anstieg an Erkrankungen wie Krebs und Diabetes, Hunger und Armut in dritte Welt-Ländern (bis zu 150 Millionen Opfer) und steigendes gesellschaftliches Missvertrauen sind Folgen der aktuellen Politik, die häufig in dem ganzen politischen Schauspiel rund um die Infektionszahlen vergessen werden. Da rudert auch die WHO mit den anfänglichen Lockdown-Empfehlungen zurück.

Sieht man sich die harten Fakten von COVID-19 (bzw. dem Erreger SARS-CoV-2) an, dann erscheint rein logisch eine Sorge über eine mögliche Erkrankung bzw. einen tödlichen Verlauf als nahezu irrwitzig. Viel begründeter wäre es, sich mit den Folgen der Politik für Wirtschaft, Soziales und Umwelt zu befassen.

Doch hier fünf harte Fakten über SARS-CoV-2:



Diese fünf Fakten über SARS-CoV-2 würden einem rational denkenden Menschen die Angst vor dem „Killer-Virus“ nehmen. Doch „der unsichtbare Feind“, wie er nach wie vor genannt wird, wird vielfach in den Medien falsch dargestellt. Falsch insofern, als das die Verhältnismäßigkeit des Erregers nicht eindeutig aufgezeigt wird und die Bevölkerung nach wie vor in Daueranspannung gehalten wird. Hier eine kurze Auflistung an Panik-Überschriften bekannter Nachrichtenportale.

Spiegel: „Corona-Pandemie in Europa: Die zweite Welle rollt“ (14.10.20)
Zeit Online: „Die zweite Welle wird uns viel härter treffen“ (14.10.20)
t-online: „Deutschland im Corona-Herbst Die Angst vor dem totalen Kontrollverlust“ (18.10.20)
Frankfurter Allgemeine: „ANSTIEG DER CORONA-INFEKTIONEN Die Deutschen hamstern wieder“ (18.10.20)
Der Spiegel: „Anstieg an Corona-Infektionen in der Schweiz – So steil wie die Alpen“ (18.10.20)
tagesschau: „Corona-Pandemie – In Italien ist die Angst zurück“ (16.10.20)
RTL: „Politiker warnen, Virologen sind alarmiert, die Menschen in Sorge – Angst vor neuem Corona-Lockdown in Deutschland wird größer“ (17.10.20)

Wie ich auch schon in meiner Analyse vom Mai aufzeigte, werden hier ganz bestimmte psychologische Manipulationstechniken verwendet, die den Leser unter anderem dazu bringen, mehr Nachrichten zu konsumieren (und mehr Klicks zu generieren). Gerade auch einfach deshalb, weil die Medien den Eindruck vermitteln, dass hier in Deutschland eine ernsthafte Gefahr besteht. Eine Gefahr durch steigende Infektionszahlen. Und da muss man ja auf dem Laufenden bleiben. Ist ja klar.

Steigende Infektionszahlen haben aber tatsächlich sehr wenig mit der realen Gefahr einer Erkrankung zu tun. Die Chance, sich zu infizieren ist gering. Die Chance zu erkranken ist noch sehr viel geringer. Und dann noch als gesunder Mensch an COVID-19 zu sterben – die Angst ist vollkommen irrational. Besonders für diejenigen, die eine gesunde Lebensweise besitzen, Hygiene praktizieren und zu kranken Menschen Abstand halten.

Angst vor Corona-Viren zu haben, ist insgesamt völlig unbegründet. Die Angst abzulegen ist aber sehr schwer, gerade wenn man jeden Tag Nachrichten liest und mit einer Vielzahl an negativen Spekulationen konfrontiert wird. Hier hat man keine Möglichkeit die Erfahrung zu machen, dass Corona für weite Teile der Bevölkerung ungefährlich ist. Außerdem beugt man sich doch immer lieber der Einheitsmeinung, als ein Außenseiter zu sein. Aus der Gruppe ausgestoßen zu werden, signalisiert ebenso Angst. Angst, alleine nicht überleben zu können. Darum passt man sich lieber der Gemeinschaft an, mit der man sich identifiziert.

Drei bekannte psychologische Phänomene sind für die weitere Beobachtung und Entwicklung der Corona-Pandemie wichtig zu verstehen:

  • Der Werther-Effekt beschreibt ein Nachahmungphänomen. In diesem Fall lösen ausführliche Medienberichte über einen Selbstmord eine signifikante Zahl von Nachahmungs-Suiziden aus. Der Ursprung des Effektes geht auf den Goethe-Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ aus dem Jahr 1774 zurück. Damals löste das Buch eine regelrechte Suizid-Epidemie unter jungen Menschen aus.
  • Confirmation Bias wird die kognitive Falle genannt, in der wir dazu neigen, einmal gefasste Meinungen beizubehalten bis sie sich verfestigen – kurz: Schubladendenken. Der Weg dorthin ist selektive Wahrnehmung: Wir nehmen nur noch solche Informationen auf, die in unser Weltbild passen. Der Rest wird ausgeblendet.
  • Herdentrieb: Menschen folgen der Masse lieber, als wenn sie alleine darstehen. Dies hat auch schon Gustave Le Bons in seinem Werk Psychologie der Massen (1895) postuliert (für näheres zu Le Bons siehe meine Analyse). Interessant war hierbei auch das Konformitätsexperiment von Asch (1951), bei dem gezeigt werden konnte, dass je größer die Gruppe ist, desto höher auch die Konformität der Teilnehmer ist.

Für die weitere Entwicklung des Geschehens ist es unabdingbar, dass wir alle uns entspannen. Wir alle wollen nicht in einem Zeitalter des Informationskrieges leben, sondern in einem Zeitalter des Friedens. Und hierfür ist es wichtig, sich jeden Tag erneut für den Frieden einzusetzen. Nur dadurch können wir einen friedlichen Austausch untereinander aufrechterhalten und das geschaffene Mistrauen untereinander überwinden.

Ich bitte inständig darum, SARS-CoV-2 für das zu nutzen, wofür es hätte gut sein können. Für die Realisierung, dass die Gesundheit und die eigene Zufriedenheit das höchste Gut im Leben eines Menschen ist und, dass wir uns alle mehr darauf konzentrieren sollten. Gerade auch, um weitere pandemieartige Zustände zu vermeiden. Angst ist hinderlich und stellt für mich keine Grundlage für eine nachhaltige Gesellschaft dar. Entspannung ist unabdingbar, um das gesundheitliche Gleichgewicht zu bewahren.

DANKE.

Herzlich,
euer Tristan.

Hin und wieder gibt es Tage, an denen ich mich frage, wie stark unser eigenes Verhalten bezüglich Selbstmanipulation ist. Insbesondere frage ich mich das heute, am 14. Oktober, nachdem ich „ausversehen“ meine Publikation COVID-19 holistisch betrachtet mit über 4000 Aufrufen bei researchgate gelöscht habe. Seufz.

Eigentlich lief alles super. Ich habe am 12. Oktober erfolgreich mein drittes Buch veröffentlicht und viel Zuspruch erhalten. Ich übe mich selbst immer weiter in gesunden Gewohnheiten und lese genug. Und im Studium läuft auch alles rund.

Was noch suboptimal läuft, sind hingegen meine überzogenen Ambitionen an mich selbst bezüglich meines Online-Auftritts. Dabei geht es weniger um meine Webseite, meine Bücher oder Podcast-Episoden, sondern eher meine Auftritte, die live und in Farbe stattfinden.

Irgendwie habe ich den perfektionistischen Drang mich selbst optimal darzustellen. Nach gründlicher Erforschung meiner Innenwelt habe ich jedoch festgestellt, dass dies nicht aus narzisstischen Selbstdarstellungsgründen erfolgt, sondern eher an meinem Anspruch liegt, mein Wissen optimal aufbereitet weiterzugeben. Und da glaube ich, dass ich ziemlich viele Dinge gleichzeitig berücksichtigen müsste.

Ich müsste schließlich nicht nur auf meine Rhetorik (Gestik, Mimik) achten, sondern auch auf meine Logik (Argumentation, Präzision, Klarheit), Grammatik (Wortschatz, Fachsprache) und Stimme (Akkustik, Phonetik). Beim Schreiben ist dies kein Problem für mich. Hier habe ich schließlich genügend Zeit, um nachzudenken, auszuholen und mich zu verbessern.

Sicherlich ist dies auch kein Problem bei einem Gespräch mit einem guten Gesprächspartner. Allerdings müsste ich hierfür eben auch selbst so entspannt sein, dass ich keinen Druck verspüre. Und Druck verspüre ich immer, wenn ich das Gefühl habe, dass es um etwas (für mich, aber auch für andere) wichtiges geht.

Wer entspannt ist, der wird alle diese aufgezählten Merkmale einer Gesprächsführung ganz automatisch berücksichtigen. Einfach, weil die Kontrolle abgegeben werden kann und ein freier Redefluss ganz ohne Anforderungen entstehen kann. Dies erinnert mich auch an die Lektüre von Erich Fromm: „Haben oder Sein“:

Wer hat nicht schon einmal die Erfahrung gemacht, mit einem Menschen zusammenzutreffen, der bekannt oder berühmt oder auch durch persönliche Qualitäten ausgezeichnet ist, oder einem Menschen, von dem man etwas bekommen möchte, einen guten Job oder Liebe und Bewunderung? Viele sind unter diesen Umständen nervös und ängstlich und »bereiten sich vor« auf die wichtige Begegnung. Sie überlegen sich, welche Themen den anderen interessieren könnten, sie planen im Voraus die Eröffnung des Gesprächs, manche konzipieren die ganze Unterredung, soweit es ihren Part betrifft. Mancher macht sich vielleicht Mut, indem er sich vor Augen hält, was er alles hat: seine früheren Erfolge, sein charmantes Wesen (oder seine Fähigkeit, andere einzuschüchtern, falls dies mehr Erfolg verspricht), seine gesellschaftliche Stellung, seine Beziehungen, sein Aussehen und seine Kleidung. Mit einem Wort, er veranschlagt im Geiste seinen Wert und darauf gestützt bietet er nun im Gespräch seine Waren an. Wenn er dies sehr geschickt macht, wird er in der Tat viele Leute beeindrucken, wiewohl dies nur zum Teil seinem Auftreten und weit mehr der mangelnden Urteilsfähigkeit der meisten Menschen zuzuschreiben ist. Der weniger Raffinierte wird mit seiner Darbietung nur geringes Interesse erwecken; er wird hölzern, unnatürlich und langweilig wirken.

Im Gegensatz dazu steht die Haltung des Menschen, der nichts vorbereitet und sich nicht aufplustert, sondern spontan und produktiv reagiert. Ein solcher Mensch vergisst sich selbst, sein Wissen, seine Position; sein Ich steht ihm nicht im Wege; und aus genau diesem Grund kann er sich voll auf den anderen und dessen Ideen einstellen. Er gebiert neue Ideen, weil er nichts festzuhalten trachtet. Während sich der »Habenmensch« auf das verlässt, was er hat, vertraut der »Seinstypus« auf die Tatsache, dass er ist, dass er lebt und dass etwas Neues entstehen wird, wenn er nur den Mut hat, loszulassen und zu antworten. Er wirkt im Gespräch lebendig, weil er seine Spontaneität nicht durch ängstliches Pochen auf das, was er hat, abwürgt. Seine Lebendigkeit ist ansteckend, und der andere kann dadurch häufig seine Ichbezogenheit durchbrechen. Die Unterhaltung hört auf, ein Austausch von Waren (Informationen, Wissen, Status) zu sein und wird zu einem Dialog, bei dem es keine Rolle mehr spielt, wer recht hat.

Erich Fromm: Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, dtv (48. Auflage 2020).

Was wäre, wenn ich diese Kontrolle habe nicht abgeben können?

Ich wäre nicht mehr gewesen, als der Sisyphos. Sisyphos ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, die nach Homer eine Strafe in der Unterwelt erhalten hat. Diese Strafe besteht darin, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen. Ihm entgleitet der Stein jedoch stets kurz vor Erreichen des Gipfels und so muss er stets von vorne anfangen. Heute nennt man deshalb eine Aufgabe, die trotz großer Mühen nie abgeschlossen wird, Sisyphusarbeit.

Der Versuch die Kontrolle zu behalten, wenn die eigenen Werke wichtiger erscheinen als der Autor, können durchaus in Selbstmanipulation enden. So war ich in der Position mit einem Menschen über meine Arbeit zu sprechen, der eine sehr hohe Reichweite hat, habe aber kurz dem Gespräch geschafft durch einen winzigen Fehler gleich meine ganze Arbeit (von researchgate) zu löschen. Und damit auch meine Reichweite.

Sicherlich, ich bin mir darüber im Klaren, dass die Reichweite meiner Arbeit nicht das ausschlaggebende Kriterium meines Selbstbewusstseins ist. Vielmehr erfreut es mich, wie viele Menschen ich durch meine Arbeit positiv beeinflussen konnte. Jedoch haben viele Menschen die Arbeit auch einfach deshalb gelesen, weil sie so viele Aufrufzahlen hatte.

Wer in unserer Gesellschaft keinen Doktortitel hat, der wird selten angehört. Greta Thunberg ist da eher eine Ausnahme und wurde auch nur deshalb angehört, weil sie eine Vertreterin einer sehr großen Volksgruppe ist (die sich für das Aufhalten des Klimawandels verantwortlich sehen). Ohne die Menschen, die hinter ihr stehen, wäre sie somit auch niemals angehört worden.

Um sich selbst also Gehör zu verschaffen, braucht man in unserer Zeit definitiv entweder Glaubwürdigkeit (im Sinne wissenschaftlicher Titel und Arbeiten) oder Popularität.

Diese Entwicklung hat natürlich Vor- und Nachteile. Zum einen ist es heutzutage durch Medien wie Social Media (Youtube, Instagram & Co.) möglich, sich selbst Reichweite zu verschaffen. Zum anderen wird man nur ernst genommen, wenn man auch etwas vorweisen kann. Wie würden also heutzutage ein Platon, Aristoteles oder Sokrates bestehen, die alle keine Titel hatten, aber sich immerhin selbst als „Philosophen“ titulierten?

Eine schwierige Frage, auf die ich selbst noch keine Antwort habe. Aber vielleicht hat die Authentizität der eigenen Person doch einen größeren Anteil an der Beantwortung dieser Frage, als ich denke. Vielleicht sind es auch einfach gerade jene Personen, die die Kontrolle abgeben können und sich nicht an dem bemessen, was sie erreicht haben, die aus der Masse hervorstechen?

Womöglich gibt es also ein Licht am Ende des Tunnels. Die stetige Selbsterkenntnis, die ich seit meinem ersten Buch Odyssee im 21. Jahrhundert predige, sorgt für einen Wandel der eigenen Perspektive. Weg von dem Beweis der eigenen Glaubwürdigkeit, hin zur wirklichen Offenbarung, Transparenz und zum Selbstbewusstsein außerhalb materialistischer Errungenschaften.

Ähnlich ist es auch bei der Neuauffassung der Geschichte von Sisyphos durch Albert Camus.

Von Albert Camus wurde diese Geschichte in „Der Mythos des Sisyphos“ anders beschrieben, als von bisherigen Autoren. Entgegen der allgemeinen Auffassung, dass Sisyphos Höllenqualen aufgrund seiner sinnlosen Mühe leidet, da er sein Ziel niemals erreicht und immer wieder von vorne anfangen muss, schreibt Camus in den letzten beiden Sätzen seies Essays:

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos, Rowohlt TB (25. Auflage 2000).

Vielleicht ist der Weg das Ziel? Und vielleicht kann ich mich auch einfach damit zufriedengeben, dass ich mich auf dem Weg zu meinem Ziel befinde? Schließlich gibt es niemand anderen, der dafür verantwortlich ist, dass ich jetzt gerade zufrieden bin, außer mir selbst.

Die Arbeit an sich selbst sollte schließlich auch niemals zum Erliegen kommen. Sonst werden wir uns immer wieder manipulieren. Und der Felsbrocken wird immer kurz vorm Ziel wieder zum Anfang rollen. Auch ein Sisyphos könnte das gerade durch seine Strafe erkannt haben.

Danke fürs Lesen.

Herzlich,
euer Tristan.


Du willst mehr von mir lesen oder hören? Dann schau doch mal hier:

Hier veröffentliche ich jeden Tag meiner Reise von Porto nach Santiago de Compostela auf dem Caminho Português Costa (8. August 2020 bis 19. August 2020) ein paar Zeilen über meine Reise und Abenteuer. Ich freue mich sehr, wenn ich euch inspirieren kann, diesen Weg auch zu gehen. Ich gehe bereits zum zweiten Mal den Jakobsweg (Caminho Português), da ich beim ersten Mal viel über mich selbst lernen durfte. Der Weg ist somit zugleich Arbeit an mir selbst und Selbstfindung. Wenn du jemanden kennst, der jemanden kennt, der den Weg auch schon gehen wollte und will, dann lass ihm doch dieses Journal zukommen. Vielleicht darf ich ja den ein oder anderen Menschen inspirieren.

Meine Route wird vrsl. (Portugal) Porto – Vila do Conde – Viana do Castelo – Caminha – (Spanien) Tui – Redondela – Pontevedra – Caldas de Reis – Santiago de Compostela – (und dann mit dem Bus zurück nach Portugal) Porto

7. August 2020

Es ist der Abend (20:00 Uhr) vor Abflug. Ich habe Seitenstechen. Vor Aufregung? In jedem Fall bin ich gespannt. Es ist ähnlich wie letztes Jahr. Man macht sich alle möglichen Gedanken, was einen erwarten könnte. Aber planen kann man selbst eh nicht. Man kann sich nur gut vorbereiten. Daher werde ich jetzt auch noch fünf Mal meine Packliste durchgehen. Auch wenn ich es nicht verhindern kann, dass das Universum mich immer genau eine essentielle Sache vergessen lässt, hoffe ich, alles Nötige zu haben. Und ich werde nun noch ein wenig meditieren. So richtig schön nichts tun. Das habe ich lange nicht mehr so wirklich. Denn in unserer schnelllebigen Zeit versucht man doch irgendwie alles, um den Lebenslauf zu füllen. Davon nehme ich nun schon mal einen Tag vor Abflug Abstand. Jakobsweg – ich komme.

8. August 2020

Es ist abends, 20 Uhr in Porto. In Deutschland ist es 21 Uhr. In Porto sind 19 Grad, in Düsseldorf sind 32 Grad. Also alles richtig gemacht. Der Schrittzähler zeigt 18.500 Schritte. Bei 30km pro Tag schlägt das Tacho schon mal auf bis zu 40.000-50.000 Schritte. Also, da geht noch einiges mehr. Ich sitze zufrieden im Gewächsgarten der Pilgerherberge und resümiere den Tag.

Heute kam ich mir ein wenig wie der Protagnoist Saitama der Serie One Punch Man vor. Saitama, der unbesiegbare Held der Serie, kommt immer zu spät, um ein Monster/Bösewicht zu besiegen, schafft es aber immer noch gerade eben die Welt zu retten. Alle anderen haben bravourös versagt. Und Saitama siegt mit nur einem einzigen Schlag.

Das trifft es bei mir ziemlich gut. Ich weiß genau, dass mein Urlaubsanfang immer das Schwerste ist. Und so auch dieses Mal. Mein Zug war zu spät, aber ich kam gerade noch rechtzeitig am Flughafen an. Natürlich war der Flug auch zu spät. Die Busfahrerin, die uns vom Flughafen in die Innenstadt von Porto bringen sollte, nahm nur Kleingeld an. Ich sprintete rein und kaufte mir eine Cola. Als ich wieder rauskam, fährt sie gerade weg. Halbe Stunde später: Der Busfahrer nahm doch Scheine an. Vielen Dank. Und zu guter letzt merkte ich: Die Herberge, die ich online reserviert habe, war die, die letztes Jahr überfüllt war und bei der ich keinen Platz mehr bekommen habe, wodurch ich ein 85€ teurer Hotel nehmen musste, weil um die Uhrzeit nichts anderes aufhatte. Wie witzig. Das hilft meinem verlorenen Geld zwar auch nicht mehr… aber immerhin läuft es wie bei Saitama: Mit einigen Verlusten bin ich am Ende des ersten Tages wohlbehalten angekommen und habe zumindest die ersten Übel abgewendet.

Auch, wenn mir der Tag super lang vorkam und ich nun sehr erschöpft bin, so haben einige Ereignisse mir den Tag verbessert. Darunter das Glücksgefühl im Urlaub zu sein, die Alltagssorgen hinter sich zu lassen und die freundlichen Menschen aus Portugal zu sehen. 🇵🇹

Aber auch hier merkt man, dass die Corona-Stimmung angekommen ist. Die Menschen wirken misstrauischer als letztes Jahr. Und dennoch sind sie fantastische Gastgeber. Sogar die Besten, die es auf der Welt geben soll, laut Raimund Joos, Pilgerführer und Reisebuchautor. Das Stichwort lautet: Saudade.

Nachdem ich in der Herberge eingecheckt habe (einer der Schönsten, ich der ich je war!) und mich ein bisschen in Porto umgesehen habe, mache ich es mir gemütlich und versuche zu entspannen. Dabei bekomme ich allerdings eine Situation von diesem Tag nicht aus dem Kopf. Die Krönung des Tages war heute mal ein Deutscher.

Ich sitze im Zug. Ein Ehepaar kommt mit Fahrrädern herein.

Der Ehemann fragt lauthals:

„Fährt dieser Zug nach Linz?“

Ein Mitfahrer antwortet:

„Dieser Zug fährt nach Rechts.“

„Also fährt er nicht nach Linz?“

„Der Zug fährt nach Koblenz.“

„Liegt das denn auf dem Weg?“

Ehefrau sichtlich genervt:

„Ja, auf unserem Plan steht, dass Linz in Richtung Koblenz liegt.“

Ehemann: „Aber der Zug fährt doch nach rechts!“

Mitfahrer: „Alle Züge fahren nach rechts.“

Ehemann: „Okay also sind wir hier falsch.“

20 Sekunden später.

Das Ehepaar kommt wieder herein.

Ehemann: „Wir müssen doch nach Koblenz.“

Ehefrau (»Genervt bis zum geht nicht mehr«): „Ich habs dir doch gesagt!“

Ehemann: „Tut mir leid, ich hab es nicht gesehen. Ich dachte wir müssen nach Linz.“

Und das ging knapp 10 Minuten in der Manier. Nach der Geschichte will ich echt gerne Mal nach Linz und wissen, was es da Spannendes gibt. 😂

Wie dem auch sei: Mein Tag neigt sich dem Ende zu. Und ich bin gespannt, was mich morgen erwartet. Heute ist zwar die Reise gestartet – aber die richtige Wanderung folgt erst morgen. Es gibt viel zu entdecken.

Nun entspanne ich erstmal mit der Katze, die sich hier in meine Füße verliebt hat. Kein Scherz – davon gibt es Videos. Sie will glaube ich meine Füße heiraten. Immer diese Fußfetischisten…

Ich freue mich sehr auf die weitere Reise.

Bis morgen, euer Tristan.

P.S. Ich sag ja, eine Sache vergesse ich immer. In diesem Fall: Flip Flops.

Innenhof der Herberge in Porto

9. August 2020

Es ist 20 Uhr abends. Heute bin ich von Porto nach Vila do Conde gelaufen. Das Wetter lag den ganzen Tag über bei 19-21 Grad mit dicken Wolken und Niesel. In Düsseldorf waren es knapp 33 Grad bei Sonnenschein. Der Tag heute war irgendwas zwischen mittelmäßig und katastrophal. Aber meine Laune ist trotzdem recht positiv. 🙂

Wie kam es dazu?

Die Nacht habe ich vermutlich kein Auge zugetan. Obwohl wir nur zu dritt im Raum mit 12 Betten waren, hat man jedes Knarzen des Bettes gehört. Und ich war zu faul, um meine Ohrstöpsel aus dem Schließfach zu holen.

Nachdem ich gegen 6:40 Uhr aufgestanden bin (40 Minuten vor meinem Wecker) hat mich als erstes Pie empfangen – so habe ich die Katze genannt, welche sich den Abend über mit meinen Füßen vergnügt hat. Pie heißt auf Spanisch „Fuß“. Passt ganz gut denke ich. Zumal Pie mich (bzw. meine Füße) nicht hat gehen lassen, bis ich versprochen habe, dass ich am 18. August wiederkomme und für eine Nacht bleibe. Am 19. geht nämlich mein Flieger von Porto zurück nach Köln/Bonn. Glücklicherweise ist sie dann mit einem Fauchen abgehauen. Katzen sind schon schlau. Und manchmal etwas unheimlich.

Als ich dann los bin, habe ich noch im Hinterkopf gehabt, wie ich am Vorabend zu einem Pilgerer (dessen Name mir leider entfallen ist) gesagt habe: „I think tomorrow will be very exhausting for me“ (Übersetzt: Ich habe das Gefühl morgen wird sehr anstrengend für mich). Leider wusste ich nicht, wie recht ich hatte.

Am Ende meines Tages habe ich 53.000 Schritte bei 39km und 8h Laufzeit (1h Pause). Gegen 17:30 Uhr bin ich angekommen. Mir tut gefühlt alles im Unterkörper weh. Hüfte, Wade, Knie und Füße. Kein Wunder, wenn man die längste Strecke des Weges direkt an den Anfang legt. Solltet ihr also mal den Küstenweg des Caminho Portugues machen – dann bleibt am besten in einer der Herbergen vor Vila do Conde.

Und obwohl es bewölkt war, habe ich mir zusätzlich noch einen Sonnenbrand eingefangen. Ich höre noch die Stimme meiner besseren Hälfte Céline in meinem Kopf, wie sie sagte: „Aber nimm die Sonnencreme mit.“ Aber so schlau bin ich leider nicht. In dem Fall lasse ich es eher drauf ankommen. Aber jedem das Seine. Ich muss jetzt mit dem Sonnenbrand leben.

Unterwegs habe ich leider nur drei Pilgerer gesehen, wobei ich mich nur mit einem länger unterhalten habe. Mit Chris, einem Vertriebler aus Stuttgart. Er wirkte ganz sympathisch – wir hatten jedoch unterschiedliche Pläne und haben uns dann getrennt. Sei‘s drum. Man sieht sich eh immer wieder. Schade nur, dass hier so wenig los ist.

Die Strecke von Porto bis nach Vila do Conde sieht überall relativ ähnlich aus. Strand, Holzsteg und viele Bars. Das Flair Portugals kommt so richtig durch. Mich konnte nichts davon abhalten, meine Füße ins Wasser zu stecken. Ich wäre auch noch reingesprungen, wenn mir nicht alles wehtun würde. Also hoffentlich morgen.

Zum Schluss bei der Ankunft dann die letzte schlechte Nachricht des Tages: Alle Herbergen sind entweder wegen Corona geschlossen oder voll. Also, dann ein Einzelzimmer für 40€. Sind immerhin 30€ über dem Budget, aber dafür eine ruhige Nacht. Und was Billigeres gab es eh nicht mehr.

Was mich heute froh gestimmt hat war, dass ich mit dem Schreiben angefangen habe und auch direkt einige Impulse hatte. Ich hoffe dies mehrt sich über die nächsten Tage. Aber daran habe ich keinen Zweifel. Auch mit Qui-Gong würde ich gerne noch beginnen. Dafür habe ich mir speziell ein Buch mitgenommen, welches die Basics der chinesischen Energie-Heilkunst lehrt.

Abschließend findet ihr noch einige Bilder von meinem Weg. Es war teilweise wirklich ein atemberaubender Weg. Auch wenn es nicht mit dem traditionellen Weg, den ich letztes Jahr gegangen bin, zu vergleichen ist. Muss man aber auch nicht vergleichen. Beides hat seinen Charme.

Ich versuche mich nun noch ein wenig zu entspannen und bin in freudiger Erwartung, was noch in den nächsten 10 Tagen passiert.

Herzlich, euer Tristan.

Entspannendes Meeresrauschen von Caminho Português Costa.
Holzbrücke an der Küste Portugals (Lavra – Matasinhos).
Eine mit Steinen verzierte Häuserwand in Vila Châ.
Mit vielen Blumen verzierter Platz in Vila do Conde.

10. August 2020

Wow, was ein Tag. Ich glaube, dass war der anstrengendste Tag meines Lebens – mit Ausnahme von meinem Geburtstag. 😂

Aber heute war tatsächlich ein unglaublicher Leidenstag für mich. Direkt nach dem Aufwachen hatte ich die blendende Idee, weil ich ja nicht wollte, dass die Herbergen nochmal überfüllt sind, ein Albergue (so heißen die Herbergen hier) online zu reservieren. Entgegen der Meinung von Pilgerführern halte ich das für eine valide Option, denn keiner will am Ende ohne Bleibe dastehen oder einen immens hohen Preis zahlen.

Aber wenn man reserviert, dann mit Köpfchen. Die heutigen Schmerzen in den Füßen und Hüfte sind allein auf meine Naivität zurückzuführen, dass ich dachte, ich könne von Vila do Conde nach Viana do Castelo an einem Tag laufen. Sind ja nur 50km. Also, was haben mir jugendlicher Leichtsinn und und ein zu starker Kämpfergeist am Ende eingebracht?

Es tut so weh, wie es aussieht.

Meine Strecke war noch geprägt von den Schmerzen von gestern. Das war etwas schade, weil ich so die Küste, die Städte und die Grünflächen nicht so sehr genießen konnte, wie ich gewollt hätte.

Lustige Sidefacts am Rande: 50km Gehen ist eine olympische Disziplin. Der Rekordhalter ist diese Strecke in unter 4:30h gegangen! Ich habe für fast 67km von morgens 7 Uhr bis abends 21 Uhr gebraucht. Mit 2 Stunden Pause (ich habe aber vermutlich weniger gemacht) wären das knapp 10 Stunden! Und ja, es tut sehr weh anderthalb Marathons zu gehen ohne Training. Bitte nicht nachmachen… 😉

Auch Viana do Castelo habe ich nur einige Minuten gesehen, da ich erst gegen 8 Uhr angekommen bin und dann direkt noch zum nächsten Supermarkt musste, weil ich keinen Proviant mehr hatte.

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie erschöpft ich bin. Daher werde ich einfach eine kurze Pro und Contra Liste zusammenstellen, was an diesem Tag positiv und negativ war.

Positiv:

  • Das Meeresrauschen, das perfekte und nicht zu heiße Wetter (17-22° bei Niesel, Wolken und am Ende des Tages Sonne) und der portugiesische Charme kleiner Ortschaften haben mir den Tag verbessert
  • Unterwegs habe ich ab Vila do Conde mehr Schilder gesehen, was mir sehr bei der Orientierung geholfen hat
  • Ich habe die Pilgerer Jùlio (aus Spanien) und Hannah (aus Ägypten) kennengelernt. Beide leben seit einem Jahr zusammen in Madrid (klein ist die Welt oder?). Ich konnte mich mit ihnen gut über gemeinsame Erfahrungen austauschen, wie das Meditieren und Ayahuasca-Zeremonien. Da die beiden aber etwas geschlendert sind, bin ich dann nach knapp einer Stunde schnell weitergezogen.
  • Ich konnte viel Inspiration sammeln
  • Ich bin über mich und meine Grenzen hinausgewachsen
  • Der Glücksmoment, als ich das Ziel erreicht habe, war unbezahlbar
  • Ich habe nun alleine ein Mehrbettzimmer. Die Herberge ist sehr modern. Es sind nur vier andere Pilgerer hier. Also, ich freu mich auf den Schlaf und darauf, die Schmerzen zu vergessen 😴

Negativ:

  • Ich Mein Körper schmerzte noch vom Vortag und brennt nun wie Hölle. Ich kriege kaum ein Bein hoch – habe aber keine Blasen… immerhin 😁
  • Ich habe mir viel zu viel für diesen Tag vorgenommen und konnte dann nicht nachgeben und vor Viana do Castelo übernachten. Zu viel Ehrgeiz – kann positiv aber auch negativ sein. In diesem Fall negativ.
  • Unterwegs überkamen mich Gefühle, dass dieser Weg nie aufhören würde. Das hat mich sehr niedergeschlagen gestimmt.
  • Der Jakobsweg hat viel zu viele Abzweigungen genommen, die nicht hätten sein müssen. Kultur schön und gut – aber in diesem Fall hat es mir nichts gebracht außer Schmerzen. Vielleicht hätte ich mich schon früher (vor Anha) mit Google Maps lotsen sollen.
  • Die 200 Treppenstufen auf dem Berg kurz vor dem Ziel und das Nicht-Finden der Herberge (weil sie von außen aussieht wie eine Garage) haben mir dann den Rest gegeben.

Ich verabschiede mich heute mit einigen Bildern vom Weg und einem: Ich bin dankbar für diesen Tag – auch wenn er über alle Maßen astrengend war.

Jakobsweg-Schild auf dem Holzsteg an der Küste von Póvoa de Varzim.
Beschilderung für die Strecke (Luftlinie) zu verschieden Orten in Mar.
Endlich: der Blick auf Viana do Castelo.

11. August 2020

Heute wollte mich mein Pilgerbuch verapplen. Kein Scherz, im Buch steht: Von Viana do Castelo nach Caminha sind es ca. 28-30km. Das war zwar immer noch viel nach den letzten beiden Tagen, aber immerhin keine 40-50km. Ich bin den ganzen Tag den Jakobsweg-Schildern gefolgt (bzw. dem Pilgerbuch, welches den gleichen Weg angezeigt hat). Und bei wie viel Kilometer war ich am Ende des Tages? 43,5km und 52.500 Schritte.

Ich habe gestern noch darüber gewitzelt, dass ich zwar keine Blasen habe, meine Füße dafür aber morgen aussehen, wie eine einzige riesige Blase. Was gestern noch Scherz war, ist heute schon Realität. Mein Füße sind von unten quasi weiß! Und dazu noch super sensibel. Wer nochmal 42,5km mit schmerzenden Füßen, die sich anfühlen, als laufe man auf Nägeln, geht, der darf sich nicht wundern.

Ich bin die ganze Zeit am hin und her überlegen, ob ich nun einen Tag aussetzen soll. Das wird mir dann mein Bauchgefühl morgen beim Frühstück sagen. De facto brauche ich jetzt aber erstmal jede Menge Ruhe. Zum Glück habe ich mir heute ein Einzelzimmer gebucht. Die 35€ sind mir dann auch egal. Es gibt kaum etwas, was so wichtig ist wie Ruhe und gesunden Schlaf. 🌙

Nach wie vor habe ich nicht viele Pilgerer unterwegs gesehen. Und auch niemanden, bei dem die Chemie gestimmt hat, wie bei mir und Barbara letztes Jahr. Das muss schon was besonderes sein, wenn man sich direkt zu Anfang des Weges kennenlernt und dann gemeinsam bis zum Ende läuft. ☺️

Außerdem gab es heute wieder etwas mehr Küste zu sehen, als gestern. Besonders spannend war es jedoch nicht. Ich denke, die erste Strecke (von Porto nach Vila do Conde) war bisher die Schönste. Und ich freue mich auch schon, ab der portugiesischen Stadt Valença wieder den traditionellen Weg zu gehen.

Übrigens ist Caminha ein sehr liebliches Städtchen. Durch die Hügel kann man auch inmitten der Stadt die Küste sehen. Die Leute sitzen auf den Dächern. Und der traditionelle Baustil und Architektur (mit Kirchen & Co.) verleihen einen anmutigen Eindruck. Hier kann man es gut aushalten.

Hier noch ein paar schöne Bilder. Und jetzt gehts ab in die Heia. 150km in drei Tagen. Darauf bin ich schon ein wenig Stolz… 😇

Heute mein schlimmster Erzfeind: Treppen
Aussicht auf Âncora
Der Nebel hüllt die Küste Vila Praia de Âncora ein.
Ein bisschen Kultur: Die Igreja Matriz de Caminha

12. August 2020

Wahnsinn, was heute für ein Tag war. Das war einer dieser Tage, an denen man sich fühlt, als ob alles wie für einen bestimmt war. Vieles ist zusammengekommen und hat mich so auf den richtigen Weg gebracht. Aber gehen wir alles zusammen chronologisch durch, damit ihr es auch verstehen könnt.

Als ich heute morgen aufgewacht bin, hatte ich zwar noch Schmerzen in den Füßen, diese waren jedoch schon wesentlich besser als gestern. Tigerbalsam bewirkt wirklich Wunder. Trotzdem hat es heute morgen geregnet und der erste Blick aus dem Fenster sagte mir: „Du hast keine Lust zu wandern. Nicht mit den Füßen und nicht bei dem Wetter.“

Irgendetwas hat sich dennoch in mir dagegen gewehrt, heute mal Pause einzulegen. Wahrscheinlich mein Ideal, die gesamte Strecke nacheinander abzuarbeiten. Außerdem sagte mir auch mein Zeitplan: Heute musst du nach Tui. Also habe ich meine Entscheidung bis zum Frühstück vertagt.

8:30 Uhr beim Frühstück: Kaffee, Brötchen, Käse und ein Ei. Ich so am vor mich hinschlemmen, als mich plötzlich ein Mann einen Tisch weiter anspricht: „Today is a good day to take some rest, hm?“ (Heute ist ein guter Tag, um mal Pause zu machen, oder?) Und dann machte er eine Kopfbewegung und zeigte Richtung Fenster. Ohne zu realisieren, wie recht er hatte nickte ich nur zustimmend und entgegnete: „Well, yes. I probably need it today“ (Ja, ich werde es vermutlich heute brauchen).

Nachdem er mich nach meiner Herkunft gefragt hatte, stellten wir schnell fest, dass wir beide aus Deutschland kamen. Naja, bei ihm waren es eher die ersten 43 Jahre seines Lebens (in Tübingen).

Michael, 65, lebt seitdem er 43 ist in Rio de Janeiro. Und laut eigener Aussage als Vagabund.

Ihm scheint es dafür ziemlich gut zugehen. Er erzählte, dass er jetzt mit seiner brasilianischen Freundin ein Baby bekomme und nun nach Portugal ziehen wolle. Und dafür ein Haus suche. Dann zeigte er mir eine Designer-Wohnung in Caminha. „Schick, schick“, gestehe ich. „Wenn ich den Jakobsweg nochmal gehe, wieder an Caminha vorbeikomme und wir uns treffen, dann lädst du mich aber in dein Haus ein.“ Michael lachte und willigte ein. Als das Gespräch dann aber zu Corona wechselte, entschloss ich mich schleunigst zu gehen.

Sorry, aber bei dem Corona-Thema muss ich sehr viel Toleranz aufbringen. Ich habe nichts zu seinen Aussagen hinzugefügt. Naja, vielleicht in meinem Kopf. Zumindest ist es für mich sehr anstrengend mit Menschen über Corona zu sprechen, die jeden Abend nur 15 Minuten Nachrichten gucken. Ungefähr so anstrengend, wie die Katze Pie aus Porto von meinen Füßen wegzulocken. Denn um sich wirklich als umfassend informiert zu bezeichnen, erwarte ich schon ein bisschen mehr als nur an der Oberfläche zu kratzen.

Dennoch, die Begegnung hat mich stutzen lassen. Ich habe das als Hinweis gesehen, heute mal Pause zu machen. Ich habe dann im Anschluss meinen Bus nach Valença gebucht und mir so 20km gespart. Am Ende des Tages bin ich immernoch bei 16km und 22.220 Schritten, aber meinen Füßen geht es wesentlich besser. Es war also ein ziemlich entspannter Tag.

Lustigerweise habe ich noch in Caminha das Pilgerpärchen (hört sich an wie bei Schwiegertochter gesucht) Jùlio und Hannah wiedergetroffen. Ich habe mich sehr gefreut die beiden zu sehen. Die beiden wollen nun mit der Fähre nach Lissabon, falls ich es richtig verstanden habe. Macht für mich zwar wenig Sinn, weil Lissabon in der anderen Richtung liegt, aber was solls. Kurz nach meinem Plausch musste ich dann auch schon zum Bus. Ich konnte es mir aber nicht verkneifen ein Bild von den beiden zu machen, als sie gegangen sind. Es sah einfach zu lustig aus, wie der Rucksack größer ist als Hannah selbst.

Hannah und ihr Rucksack. Für alles gewappnet.

Nachdem ich 30 Minuten angestrengt auf den Bus gewartet habe, und ich mich 1000 Mal gefragt habe, ob er denn auch kommt, ging es dann nach Valença. Ihr könnt euch sicher sein: Wenn auf der Fahrkarte 13:15 Uhr steht, heißt das 13:30 Uhr. Das ist Gesetz in Portugal. Die Busfahrter brauchen immer genau 15 Minuten länger, als angegeben. Ob wegen Pause oder Stau. Also habe ich es eher als mentales Training angesehen, um mit meiner überpünktlichen deutschen Ader besser umzugehen.

Die Busfahrt von Caminha nach Valença war sehr angenehm. Wesentlich interessanter und schöner war aber die Strecke von Tui nach Valença. Diese Strecke bin ich letztes Jahr zusammen mit meiner Pilgerfreundin Barbara gegangen. Zwischen Tui und Valença liegt der Fluss Rio Miño. Valenças Altstadt liegt in einer wunderschönen Burg, die man auf dem Pilgerweg durchquert, wie ihr auf den Bildern seht. Von der Burg aus kann man Spanien (bzw. Tui und angrenzende Städte) sehen. Nach einigen Fotos bin ich dann über die spanischenGrenze und habe mir noch einige Stempel in Tui geholt.

Das habe ich übrigens die ganze Zeit vergessen: Um ein Pilgerzeugnis zu bekommen, muss man mindestens 100km vor Santiago de Compostela Stempel sammeln (in der Regel tut man das aber auch vorher schon). Die Stempel kann man sich bei Bars, Restaurants, Herbergen und/oder Kirchen holen. Je nachdem, wer einen Stempel besitzt.

Weil ich schließlich meine Füße schonen wollte, bin ich dann auch recht zügig zur Herberge. Auch hier habe ich wieder großes Glück bei meiner Unterkunft: Die Besitzerin Angéles und ihr Mann sind unglaublich freundlich und zuvorkommend. Sie hat zudem eine sehr interessante Art gleichzeitig Spanisch und Englisch zu sprechen. Und Ich habe meinen eigenen Schlafsaal. und die Herberge ist modern und hell. 100%iger Treffer.

Morgen gehts dann von Tui nach Redondela. Das werden wieder knapp über 30km. Ich lasse nun erstmal meine Seele baumeln. Und natürlich meine Füße. Und Zeit zum Schreiben und Lesen habe ich auch noch wenig.

Blick von Portugal (Caminha) auf Spanien (A Pasaxe)
Die „grüne“ Burg von Valença
Blick von Valença auf Tui (rechts hinter der Brücke)
Grenzüberquerung: Der Rio Miño und Tui.
Ladies and Gentleman, welcome to Spain!
Wünscht man Pilgerern auf dem Weg nach Santiago
Wie ich mich heute gefühlt habe

13. August 2020

Es ist morgens, 5:45 Uhr. Ich werde wach und höre laute spanische Musik aus dem Bettsaal nebenan. Ich gehe also raus und sage dem Typen er soll die Musik ausmachen. Bis 6:30 Uhr habe ich dann noch vergebens nach Schlaf gesucht. Manche Menschen haben echt Nerven. Aber ich lasse mir nicht von diesem Anfang den Tag verderben. Voller Motivation stehe ich also auf und gehe gegen 7 Uhr los.

Der Tag heute war mehr als positiv. Ich bin knapp 42km gegangen bis nach Redondela. Ich habe somit O Porriño übersprungen. Viele schöne Erinnerungen an letztes Jahr kamen hoch und ich konnte einige tolle Fotos schiessen, die ihr gleich seht. Zudem habe ich zwei Deutsche kennengelernt, die mir heute (unabhängig voneinander) eine große Freude bereitet haben.

Gerade raus aus O Porriño treffe ich Klaus-Maria. Einen 75-Jährigen, der heute Geburtstag hat. Wir sind ein Stück zusammen gegangen und ich kann euch sagen: Der Mann war herzlich, wie ich selten einen Menschen erlebt habe. Wie Lao Tse schon sagte: „Wer freundlich ist, der liegt niemals falsch.“ Freundlichkeit selbst ist pure Weisheit für mich. Wenn ich mal so werde, kann ich mich glücklich schätzen. Zum Abschied haben wir noch ein Bild gemacht… aber das gehört nicht ins Internet. ☺️

Als ich gegen Abend in der Herberge ankomme, treffe ich Bea – ebenso wie Klaus-Maria aus Bayern. Wir sind sofort auf einer Wellenlänge und tauschen uns aus. Gefühlt kann unseren Redeschwall nichts stoppen. Normalerweise bin ich immer in dem Gespräch derjenige, der tausend Autoren und Wissenschaftler aufzählt, von denen man unbedingt gehört haben muss. Diesen Part übernimmt diesmal Bea. 😂 Es fallen Namen wie Joe Dispenza, Gregg Braden und noch viele mehr. Wir unterhalten uns über Gesundheit, Krankheit, Psychologie und Medizin. Also hauptsächlich über Heilung.

Später werde ich noch ein wenig mit ihr weitersprechen. Ich kann euch aber sagen: Auf eine solche Begegnung habe ich die ganze Zeit gewartet. Denn darum geht es beim Caminho. Den Menschen und ihren Geschichten zu zuhören. Und je mehr man für sich selbst mitnehmen kann, umso besser…

Falls ihr euch fragt wie meine Ernährung hier aussieht. Die ist relativ simpel. Ich esse viel Brot, Früchte und Saft. Außerdem habe ich fermentierte Joghurtdrinks für mich wiederentdeckt. B-Vitamine, Zink und Eisen können nicht schaden, gerade wenn die Muskeln schmerzen. Wer günstig essen möchte, kann zudem die Pilgermenüs probieren. Ich habe einige getestet und kann sagen, dass alle relativ günstig sind (10-6€), jedoch von der Qualität stark schwanken. Satt machen sie auf jeden Fall – wer aber Wert auf Qualität trotz des Preises legt, der fährt mit meiner Ernährung besser.

Das war‘s auch schon für heute. Ich freue mich gleich noch auf meine Nudelsuppe und das Gespräch mit Bea und hoffe, dass ich wieder für morgen so fit bin, wie heute.

Pilgerdenkmal in Tui
Geht vor O Porriño unbedingt die alternative Strecke (links), sonst landet ihr in einem Industriegebiet. Dort war ich letztes Jahr unterwegs und es ist die pure Hölle, gerade bei Hitze. Links habt ihr hauptsächlich Wald.
So schön ist der Jakobsweg
Ich habe mir die richtige Jahreszeit rausgesucht… 😍

14. August 2020

Heute ist einer dieser Grübler-Tage, die ich hin und wieder habe. Die hat aber wohl jeder. Gerade dann gerät man leicht mal in Versuchung sich abzulenken. Eigentlich aber sollte man wohl noch mehr als sonst in sich hineinhören.

Das ist mir heute leider nicht so gut gelungen. Ich konnte mir zwar eine Auszeit nehmen, da ich insgesamt nur 20km Strecke von Redondela bis Pontevedra gegangen bin und schon gegen 13 Uhr angekommen bin, leider hat das komische Gefühl in meinem Bauch mich aber davon angehalten, mich wirklich mit mir selbst zu beschäftigen. Und dazu kam dann auch noch Langeweile, weil Pontevedra eine echte Betonwüste ist.

Außerdem habe ich dieses Mal nicht das Gefühl, was ich das letztes Mal hatte. Ich weiß nicht, ob es an den Umständen liegt oder an mir. Vielleicht kommt es ja auch noch. Aber diese heilige Ruhe (»holy peace«, wie meine Jakobswegbegleitung Barbara es nannte) habe ich nicht.

Ich kann das komische Gefühl nicht genau beschreiben was es ist – ich würde nicht sagen, dass es Heimweh ist. Aber ich habe heute das Gefühl gehabt, lieber wo anders zu sein. Insbesondere, weil hier wirklich jeder und überall in Spanien mit Maske rumläuft. Das ist mir ein bisschen unheimlich, zumal es einfach nicht notwendig ist. Nicht notwendig in dem Sinne, dass die Spanier sie selbst tragen (müssen, laut Gesetz, auch wenn die Polizei das hier eher weniger zu interessieren scheint), wenn niemand in der Nähe ist. Dass es wissenschaftlich wenig Evidenz gibt, dass eine Maske sinnvoll ist, im die Verbreitung von Erregern zu verringern, habe ich hier bereits hier dargestellt. Aber das Tragen der Maske ohne Sinn und Verstand ist ja die Höhe. Hier eine Untersuchung einer Forscherin über die negativen Auswirkungen des Masken-Tragens auf die Psyche.

Dazu kommt, dass das RKI seit heute Spanien wieder als Risikogebiet eingestuft hat – und ich mich somit zu Hause erstmal auf einen PCR-Test freuen darf, der entscheidet, ob ich in Quarantäne komme. Das Gefühl hatte ich übrigens eine Stunde, bevor ich davon gehört habe. Vielleicht war es also eine schlechte Vorahnung? 🤔

Ich möchte natürlich nicht voreilig urteilen. Ich habe immer noch 4 wundervolle Tage vor mir. Aber heute hat dieses Gefühl im Urlaub zu sein, einfach Mal ausgesetzt. Vielleicht kennt ihr das ja – wenn der Ort, an dem man gerade ist, sich anfühlt, als wäre man nicht richtig. Auch, wenn ich weiß, dass das natürlich Quatsch ist.

Jeder Ort kann sich anfühlen wie Zuhause. Man müsste sich nur vollends hingeben können. Und vielleicht schaffe ich das ja auch noch die nächsten Tage… ☺️

Die Route von Redondela nach Pontevedra war übrigens sehr grün, wenn auch steil und anstrengend zu gehen. Außerdem bin ich an meinem Lieblingsort auf dem Caminho Portugues vorbeigekommen – Arcade. Die Stadt liegt direkt am Ria de Vigo, am Fluss der in den Atlantik fließt. Die Komposition des Flusses, mit den altmodischen Häusern, den Hügeln und Brücken wirkt einfach ästhetisch auf mich…

Da ich heute meinen Füßen eine Pause gegönnt habe, werden die über 30km morgen dann wieder etwas langwieriger.

Und hier wie immer zum Abschluss noch ein paar Bilder. Ich hoffe ihr hattet heute alle einen schönen und entspannten Tag. ☀️

Wegweiser nach Santiago de Compostela in Redondela
Arcade 😍
Blick von der Brücke in Arcade auf den Ria de Vigo
Capela de Peregrina in Pontevedra

15. August 2020

8:13 Uhr. Klick und der Anruf ist beendet. Stille. Vögel zwitschern im Hintergrund. Ich hole tief Luft und stoße einen lauten Seufzer aus. Damit stehe ich vor der Entscheidung, ob ich heute schon zurück muss. GANZ zurück. Wie es dazu kam?

Ich bin heute vermutlich 5 Mal oder öfter während des Schlafes aufgewacht, weil mein Bettnachbar so laut und unryhtmisch geschnarcht hat, dass selbst die Gummi-Ohrstöpsel, die normalerweise alle Geräusche filtern, nichts gebracht haben. Um 7 Uhr erlöst mich mein Wecker aus dem (Halb)Schlaf und ich stehe auf. Es ist noch dunkel.

Etwas verschlafen laufe ich aus meinem Hostel von Pontevedra los. Den Weg kenne ich schon und dennoch ist die Strecke aus der Betonwüste Pontevedra ins Grüne wieder einmal reizvoll.

Sonnenaufgang in Pontevedra
Blick von der Brücke am Ortsausgang
Ein Regenbogen nach leichtem Regen

Ich bin knapp eine Stunde unterwegs, da schickt mir Bea, die ich zwei Tage vorher kennengelernt habe, eine Whatsapp-Sprachnachricht. Sie sei beunruhigt wegen der Reisewarnung aus Deutschland. Ich schicke eine Sprachnachricht zurück und versichere ihr, dass wir beim Zurückfliegen lediglich einen PCR-Test und zwei Tage in Quarantäne bleiben müssen (bei negativem Testergebnis), sonst ist alles tutti. Zehn Minuten später ruft sie mich an.

Wir stellten fest, dass wir die Nacht nach dem Kennenlernen (14.08.) auch in demselben Hostel geschlafen haben, uns aber nicht gesehen haben. Wir scherzten ein wenig, dann wurde es ernst.

„Ich habe mit ein paar Spaniern gesprochen. Sie meinen, dass diese Woche möglicherweise noch die Grenze zugemacht wird. Ich habe gedacht ich laufe heute noch nach Caldas de Reis (knapp 30km) und dann fahre ich mit dem Taxi nach Santiago. Ich hole mir lediglich meinen Stempel und dann sehe ich zu, dass ich schnell über die Grenze nach Portugal komme, um nicht in Spanien bleiben zu müssen. Bist du dabei?“

Ich leicht verdutzt. Ich stammele: „Naja, mein Plan ist eigentlich ganz normal weiterzulaufen. Ich weiß nicht, ich würde es mir glaube ich nochmal überlegen und dann sage ich dir Bescheid.“ Sie antwortet: „Okay, halt mich auf dem Laufenden.“

Klick und der Anruf ist beendet. […]

Da stand ich nun also und wusste nicht weiter. Und was macht man, wenn man nicht weiter weiß? Mama, Papa oder Freundin fragen. In meinem Fall Papa und Freundin.

Mein Papa schreibt: „Die Grenze zwischen Portugal und Spanien war 3 1/2 Monate strikt zu, ich würde lieber wieder über die Grenze. Am Ende stehst du da mit dem Stempel, musst aber da bleiben. Das wäre ungut.“

Meine Freundin Céline schreibt: „Ich würde lieber auf Nummer sicher gehen.“

Da stehe ich also, 50km vor dem Ziel. Soll ich jetzt wirklich nach all den Schmerzen, nach der Anstrengung und der Leistung kurz vor dem Ziel umdrehen?

Knapp 5 Minuten lang rattert mein Kopf. Schließlich sage ich mir, dass ich auf mein Bauchgefühl höre und den ersten Impuls achte, der mir in den Sinn kommt. Ich erinnere mich an das ungute Gefühl von gestern, als ich in Pontevedra ankam. Langsam realisiere ich, dass es eine Vorahnung über den Ort sein würde, an dem ich mir selber eine Niederlage eingestehen muss.

Ich schaue also, ob ich meinen Flixbus von Santiago umbuchen kann. Bingo. Dann schaue ich nach, ob ein Flixbus von Caldas de Reis kommt. Negativ. Aber von Pontevedra. Wieder Bingo. Leider. Meine Vorahnung hat sich also bewahrheitet.

Dann die nächste Frage: Nach Porto zurück? Dann müsste ich noch bis Mittwoch (4 Tage) da bleiben. Das wäre mir zu lang. Ich war ja schon zweimal da. Also zum Flughafen? Und schon gucke ich nach, ob es eine günstige Flugverbindung gibt. Noch heute von Porto nach Köln.

Ryanair, Fehlanzeige. Suchportale ebenso. Und was finde ich zum Schluss? Porto nach Düsseldorf mit Eurowings, 76€. Sogar noch besser, als nach Köln. Damit setze ich zwar meinen Flug bei Ryanair in den Sand, aber ich schaffe es noch heute zurück.

Ich mache mich auf den Rückweg nach Pontevedra. Mein Bus von Pontevedra nach Porto zum Flughafen kommt gegen 13:10 Uhr. Mein Flug geht gegen 18:45 Uhr. Ich brauche knapp 2 Stunden mir dem Bus. Das passt perfekt.

Kurz danach rufe ich Bea an und erzähle ihr von meinem Plan. Sie lacht und fragt mich, ob ich nicht gerade übertreibe. Sie habe das Hotel Sandemann in Portugal kontaktiert und die meinten, sie wüssten 48 Stunden vor Grenzschließung Bescheid. Sie würden ihr Bescheid geben. Zugleich verstehe sie aber auch meine Entscheidung. Zu Zeiten von Corona sind manchmal besondere Maßnahmen erforderlich. Wir legen auf mir dem Schlusssatz: „Wenn sehen uns ja gleich, wenn du jetzt zurück nach Pontevedra musst.“

Nach einigen Kilometern sehe ich sie. Ich verabschiede mich herzlich von ihr und sie fügt beim Weggehen hinzu: „Du warst die netteste Begegnung, die ich hatte.“ „Dito.“, entgegne ich ihr glücklich und winke.

„So, dass wird nun noch ein langweiliger Tag, an dem ich so richtig meinen Frust ausleben kann.“, denke ich mir insgeheim. „Aber immernoch besser als in einem Land gefangen zu sein, in dem die Leute lieber Maske tragen, als zu atmen.“

Von 10 Uhr bis 13 Uhr treibe ich mich in den Cafés von Pontevedra rum. Von 13 Uhr bis 15 Uhr fahre ich Bus. Dann ist Zeitumstellung. Am Flughafen von Porto bin ich also so gegen 14:30 Uhr (wegen etwas Verspätung). Ab durch die Kontrolle und nun darf ich erstmal drei Stunden warten, um dann wieder drei Stunden im Flugzeug zu warten. Achja und am Ende darf ich noch eine Stunde mit den Öffis nachhause fahren. Ich bin wahrscheinlich so gegen 23:45 Uhr zuhause.

Wie ihr seht, hat meine Reise leider kein wirkliches Happy End erfahren. Zumindest verspüre ich das noch nicht hier, während ich am Flughafen sitze. Gerade kommt mir irgendwie alles surreal vor. Ich hoffe aber das stellt sich nach einigen Tagen ein, wenn ich die 48h Quarantäne abgesessen habe und froh bin, wieder gesund zuhause angekommen zu sein.

Ein kleiner Trost für mich: Die nächsten Tage soll es eh in Spanien regnen. Das wäre nicht so cool zum Wandern gewesen.

Ich werde euch noch einen Epilogue verfassen (am 19.08, also dem eigentlichen Ende meiner Reise), was ich vom Jakobsweg lernen durfte und wie ich mit meinen Erfahrungen und Begegnungen umgegangen bin und auch noch werde.

Dieses Mal war der Jakobsweg sehr anstrengend und nicht so sehr entspannend, wie ich gehofft hatte. Aber wie sagt man so schön? Alle guten Dinge sind drei. Nächstes Mal aber ohne Corona-Hysterie.

Ich danke allen Lesern, die mein Pilgerjournal aufmerksam verfolgt haben und hoffe, dass ich euch inspirieren konnte, den Weg auch in Zukunft zu gehen. Ich kann euch aber raten abzuwarten, bis die Corona-Situation weniger hysterisch ist.

DANKE.

Herzlich, euer Tristan.

Epilogue

Ein paar Tage später…

Ich fühle mich gut. Ich empfinde weder Frust, noch Reue oder Trauer. Ganz im Gegenteil, ich bin froh, wieder in Deutschland zu sein.

Das mit den Erwartungen ist ja immer so eine Sache. Man will, dass etwas genauso wird, wie man es sich vorstellt – dabei warten womöglich andere Abenteuer auf einen Selbst, als man gerne hätte. Die Lektionen, die ich dieses Mal hatte, waren nicht dieselben, wie vom letzten Jakobsweg. Und das ist auch gut und richtig so.

Ich musste weder in Santiago de Compostela ankommen, noch meine Füße wund laufen. Ich musste weder die spannendsten Menschen kennenlernen, noch diesen Weg völlig alleine bestreiten. Ich musste auch nicht im Luxus leben, genauso wie ich nicht alles super günstig bekommen musste.

Diese Erkenntnis hat etwas beruhigendes. Denn Leben bedeutet nicht im Superlativ zu Leben. Wir müssen nicht immer Extremerlebnisse haben um zu lernen. Extremerlebnisse brauchen wir nur, wenn wir alltägliche Erlebnisse nicht genügend wertschätzen können. Dann wird das Erleben fade/öde und wir brauchen einen Kick, um es wieder spannend zu machen.

Es liegt an uns selber, die Wertschätzung in unser Leben zu bringen. Wie wir das tun, ist letztendlich individuell. Vielleicht tust du dir selbst mit Yoga oder Meditation gut. Vielleicht auch mit einer gesunden Ernährung. Vielleicht hälst dich mit einem Spaziergang in der Natur gesund und legst ab und zu das Handy weg. All das sind Dinge, die wir tun können, um nicht nur mehr zu uns selbst zu finden, sondern auch einfach zu genießen, wie wir jetzt gerade sind. Alles auf einmal zu tun ist gar nicht notwendig. Hauptsache, wir lernen wieder ein bisschen mehr auf Körper und Geist zu hören und schalten ab und zu einfach ab.

Was bedeutet das für mich?

Hin und wieder habe ich Tage, da nervt mich mein Handy sehr und ich würde es am liebsten einfach wegsperren. Dann vergesse ich aber auch die guten Seiten am Handy und, dass es eigentlich ein zweischneidiges Schwert ist. Aber eine Waffe ist nur so gut, wie der Krieger. Es kann niemals das Handy an der Einstellung oder Übernutzung Schuld haben – sondern (wenn es so etwas wie Schuld gibt) nur derjenige, der nicht ausgeglichen genug ist, um auch Mal das Handy wegzulegen.

Darum fokussiere ich mich in nächster Zeit erstmal wieder mehr auf mich selbst und gebe Social Media & Co. etwas weniger Freiraum.

Ich hoffe, euch hat mein kleines Digitales Tagebuch gefallen. Vielleicht kommt bei euch auch eines Tages der Punkt, wo ihr merkt, dass der Jakobsweg euch ruft. Und wenn ihr den Ruf hört, dann folgt ihm einfach. Beachtet einfach die metaphorischen Muscheln auf eurem Weg, wo auch immer ihr seid… ☺️

Fin

(Am Ende des Blogartikels werden die entsprechenden Podcast-Folgen aufgeführt)

Es gibt wieder eine neue Rubrik im DENKMAL Podcast! Da uns zunehmend bewusst wird, wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit ist, konnten wir nicht länger still bleiben. Wenn ihr wüsstet, was wir geplant haben… Es kribbelt uns in den Fingern!

Das spannende an DENKMALnachhaltigkeit ist, dass wir hauptsächlich Gäste in unsere Show einladen, die etwas zu diesem Thema sagen werden. Wir versuchen uns bestmöglich zurückzuhalten, um Menschen die Chance zu gewähren zu sprechen, die etwas mit dem Thema am Hut haben. So können dann spannende Gesprächsrunden entstehen, bei denen auch wir selbst neues lernen dürfen.

Dreh- und Angelpunkt unserer Rubrik ist dabei das von der Agenda 21 genutzte Dreieck der Nachhaltigkeit: Sind Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt im Einklang, so können wir zukünftigen Generationen dieselben Chancen bieten, die wir heutzutage auch haben.

Leider ist das mit der Nachhaltigkeit nicht immer so einfach… Okay, ich korrigiere mich: Es wäre einfach, aber der Kurs, den die Menschheit im letzten Jahrhundert gefahren ist, hat durch die zunehmende Gewöhnung an einen bewegungsarmen, globalisierten, teilweise ignoranten und sicherheitsfanatischen Lebensstil zur zunehmenden Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt geführt. Allen voran ist dabei die Wirtschaft, welche unentbehrlich ist, um diesen Lebensstil aufrechtzuerhalten. Man kann sich dabei folgende Kausalkette vorstellen:

  1. Ängste, Sorgen und Nöten schaffen
  2. eine Sehnsucht nach Sicherheit, welche sich in einem
  3. veränderten Lebensstil zeigt.
  4. Dieser Lebensstil eliminiert jede Art von Gefahr und
  5. konzipiert somit eine Realität, in der „Schlechtes“ vermieden werden soll.
  6. Die Verbannung hat jedoch automatisch eine Rückkopplung („backwards law“ vgl. den Philosophen Alan Watts) zur Folge: Je mehr wir nach Positivität streben, desto mehr Negativität erreichen wir.

The desire for a more positive experience is itself a negative experience. And, paradoxically, the acceptance of one’s negative experience is itself a positive experience.“ ―Mark Manson

Dies lässt sich auch sehr gut anhand natürlicher Phänomene nachweisen. In meinem Buch Odyssee im 21. Jahrhundert schrieb ich, dass die Dualität die Lebensgrundlage für das Erleben unserer Wirklichkeit darstellt. Wer nicht zwischen Licht und Dunkelheit unterscheiden kann, nicht zwischen Links und Rechts oder zwischen Gefahr und Sicherheit, der kann gar nicht erst wahrnehmen. Diese Differenzierung muss analog sowohl im Körper als auch im Geiste geschehen. Die Unterdrückung von einem der beiden Pole hat automatisch dessen verstärkte Wahrnehmung zur Folge (natürlich bis hin zum Tod… aber auch hier: Führt das sich wehren und die fehlende Akzeptanz gegenüber dem Tod nicht auch irgendwann zu eben jenem?)

Wenn wir Leid nicht wahrnehmen, so unterdrücken wir auch unsere Freude. Der sinuskurvige Verlauf von Gegensatzpaaren in unserem Leben spiegelt sich sogar in unserem Herzschlag wider. Das Herz kann nur dann ausschlagen, wenn es auch einen Negativausschlag gibt. Damit werden Gegenteil unentbehrlich füreinander und bedingen sich in ihrer Existenz.

So ist es auch in der Natur & Umwelt: Wollen wir nicht wahrhaben, dass wir Lebewesen sind, die aus der Natur stammen, so versuchen wir die Natur zu unterdrücken und auszubeuten – mit grässlichen Folgen. Ob Naturkatastrophen, Umweltzerstörung (wie im Amazonas), Landschaftsvernichtung (Atombomben), Übernutzung der landwirtschaftlichen Böden (Erosion), erhöhtes Müllvorkommen in Ozeanen und Mikroplastik (plastic planet) oder Auslöschung von Tier- und Pflanzenarten. Der Eingriff des Menschen ist unfassbar und unschätzbar. Alles liegt in unserer Hand – aber wir können erst dann etwas ändern, wenn wir akzeptieren, dass alles auf der Welt ein Teil von uns ist.

Ja, wir brauchen Wirtschaft um eine Existenzgrundlage zu haben. Ja, wir brauchen die Umwelt als Fundament für das Überleben. Und ja, wir brauche die Gesellschaft als Basis für Harmonie, Hoffnung und Liebe. Ich hoffe, dass durch die noch folgenden Interviews klar wird, dass jeder Mensch seinen Beitrag auf einer Mikroebene leisten kann, um auf der Makroebene Veränderungen herbeizuführen. Außerdem würde ich mich riesig freuen, wenn euch die Podcastfolgen, aber auch die Gäste, gefallen und inspirieren.

Mit besten Wünschen

Tristan Nolting.
Autor & Podcaster

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