Christina Berndt hat geantwortet

Als Reaktion auf ihren wissenschaftsschädlichen Artikel „Was hat in der Pandemie wirklich geholfen?“, habe ich einen Kommentar an die SZ geschickt sowie am 17. Juni 2022 bei 1bis19 veröffentlicht. Nun hat mir Christina Berndt geantwortet. Es offenbart sich ein abstruses Verständnis darüber, wie Wissenschaft medial kommuniziert werden sollte. Auch der Corona-Sachverständigenrat hat dies im neuen Artikel „So geht es nicht“ stark kritisiert:

„Wenn eine Journalistin bei einer Pressekonferenz zugeschaltet ist, keine einzige Frage stellt, aber noch vor Ende der Pressekonferenz einen höchst kritischen Kommentar in einer großen Tageszeitung veröffentlicht, dann sind wir an einem Punkt angelangt, an dem das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medien nachhaltig Schaden nimmt. Die eingespielte Mechanik einer offenen Debatte zwischen Wissenschaft und Medien über konkrete Inhalte wird aufgekündigt. Als Quellen werden geleakte, unfertige Textteile und für Leserinnen und Leser intransparente Hintergrundgespräche herangezogen. Ein unerhörter und diskreditierender Vorgang im Wissenschaftsjournalismus und das bei einem so ernsten Thema, das alle Bürgerinnen und Bürger betrifft.“

(Allmendinger, Schmidt & Streeck, 2022)

Diese Passage dürfte eindeutig sein und ein katastrophales Zeugnis für die Wissenschaftskommunikation ausstellen. Aber lesen Sie die Replik der Wissenschaftsjournalistin des Jahres 2021 vom 21. Juni 2022 selbst – und meine Antwort. Dieser Austausch erhält in Anbetracht der aktuellen Situation noch einmal eine besondere Bedeutung.

21. Juni 2022, 14:40 Uhr

Sehr geehrter Herr Nolting,

haben Sie vielen Dank für Ihre kritische Auseinandersetzung mit meinem Text über den Entwurf das Sachverständigenausschusses. Manche Ihrer Sichtweisen teile ich, Ihrer daraus resultierenden Analyse muss ich allerdings sehr deutlich widersprechen.

Selbstverständlich gibt es keine absolute Wahrheit, auch in der Wissenschaft nicht. Selbstveständlich wird Wissenschaft immer durch den Wissenschaftler beeinflusst, schon ein Versuchsaufbau beeinflusst das Ergebnis, schon das Formulieren einer Hypothese, die es zu belegen oder widerlegen gilt, verändert die Arbeitsweise und dadurch womöglich das Ergebnis.

Und doch gibt es gute Wissenschaft und schlechte Wissenschaft. Gute Wissenschaft folgt den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, dazu gehört es bei einer Evaluation zuallermindest, korrekt zu zitieren und Inhalte korrekt widerzugeben. Schon daran aber scheiterten die Autor:innen des Kapitels 5. In der gesamten Arbeitsweise zeigen sich eklatante Mängel. Alles in allem handelt es sich bei diesem Kapitel – jedenfalls in dem Zustand, in dem ich es kurz vor seiner Veröffentlichung einsehen konnte – gar nicht um eine wissenschaftliche Evaluation, auf die das ganze Land zu recht wartet, sondern um eine Art Besinnungsaufsatz mit dem Anschein der Wissenschaftlichkeit.

Wie ich inhaltlich zu den Maßnahmen stehe, spielt bei der Bewertung im Übrigen gar keine Rolle, es ging in meinem Text allein um die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit – etwa beim Thema Schulschließungen, um dies an einem Beispiel auszuführen: Ich bin ähnlich wie manche Ausschussmitglieder der Meinung, dass die Schulen in Deutschland viel zu lang geschlossen waren und dass die dadurch entstandenen Schäden viel zu groß waren. Gleichwohl ist die Aussage aus dem Bericht, die Schulen seien in Deutschland im Vergleich zum Rest Europas besonders lange geschlossen gewesen, schlicht und ergreifend falsch. Zudem sagt die von den Autor:innen des Berichts zitierte Quelle der OECD, mit denen die Autor:innen ihre falsche These belegen wollen, wonach die Schulen besonders lange geschlossen gewesen seien, etwas ganz Anderes, als es die Autor:innen des Entwurfs niederschreiben. Sie zeigt nämlich, dass Deutschland bei der Länge der Schulschließungen im europäischen Mittelfeld lag.

Das sind so eklatante Fehler im wissenschaftlichen Arbeiten, dass es aus Sicht der SZ geboten war, auf die schlechte Qualität des Berichts hinzuweisen. Denn dieser Bericht ist ja von hohem gesellschaftlichen Interesse, zumal er – über die Ergebnisse hinaus – auch politisch benutzt werden soll. Das alles ist vor dem Hintergrund um so erschütternder, als eine sorgfältige Evaluierung so dringend nötig wäre.

Sie monieren meine Aussage, dass Bürger:innen hohe Ansprüche an den Bericht haben. An dieser Aussage gibt es aber gar nichts zu monieren. Selbstverständlich haben die Bürger:innen dieses Landes hohe Ansprüche an den Bericht. Damit meine ich aber nicht, dass sie sich bestimmte vorgefasst Ergebnisse erwarten, die der Bericht hervorbringen soll, wie Sie mir unterstellen. Vielmehr geht es um die Ansprüche an die Arbeitsweise: Die Gesellschaft erwartet zurecht, dass die Maßnahmen gründlich evaluiert werden, eben das tun die Autor:innen aber nicht.

Sie monieren darüber hinaus, dass der Bericht für Sie und andere Leser:innen meines Textes nicht einsehbar sei. Ja, das ist richtig. Es handelt sich nun einmal um einen noch nicht veröffentlichten Bericht. Gleichwohl ist es aus journalistischer Sicht richtig, über diesen Entwurf zu schreiben – eben gerade weil er von so hohem gesellschaftlichen und politischen Interesse ist. Ganz grundsätzlich berichten Journalist:innen selbstverständlich auch über durchgestochene Dokumente, wenn dies von großem öffentlichen Interesse ist. Würden Journalist:innen nur öffentlich einsehbare Unterlagen verarbeiten, dann wären die Enthüllungen des Edward Snowden rund um die Praktiken der NSA ebenso wenig ans Licht gekommen wie der Cum-Ex-Steuerskandal und viele weitere. Ich möchte damit meinen Artikel nicht mit diesen großen Enthüllungen gleichsetzen, aber ich möchte Ihnen aufzeigen, wie wesentlich es ist, dass Journalist:innen über Dinge berichten, die (noch) nicht veröffentlich wurden. So berichten Journalist:innen immer auch über Gesetzesentwürfe, wenn ihnen diese in die Hände geraten, und warten nicht auf die Verabschiedung durch das Parlament. Schließlich ist die Entstehung eines Gesetzes mit all seinen Zwischenschritten von großem öffentlichen Interesse – ebenso wie der Bericht des Sachverständigenausschusses und hier insbesondere auch dessen Qualität und die Arbeitsweise des Ausschusses.

Vielleicht interessiert Sie folgender Aufsatz des Wissenschaftsjournalisten Marcus Anhäuser, der sich mit der Frage, ob mein Text über einen unveröffentlichten Entwurf gerechtfertigt war, auf sehr kluge Weise auseinandergesetzt hat:

Meine Antwort an Sie erfolgt übrigens ganz unabhängig davon, ob Ihr Brief als Leserbrief veröffentlicht wird. Darüber entscheidet die Leserbriefredaktion autark.

Mit freundlichen Grüßen
Christina Berndt

Meine Antwort

21. Juni 2022, 21:49 Uhr

Sehr geehrte Frau Berndt,

vielen Dank für die sachliche Antwort auf meinen kritischen Kommentar zu Ihrem Artikel. Ich schätze es sehr, dass Sie sich die Zeit dafür genommen haben. Ich möchte Ihnen gerne auch noch mal eine Replik auf Ihre Erläuterungen zukommen lassen.

Über das Ideal, wie Wissenschaft funktionieren sollte, sind wir uns – so scheint es mir – vollkommen einig. Worüber wir uns nicht einig sind, ist die Art und Weise, wie Wissenschaft öffentlich kommuniziert werden sollte.

Wenn selbst wissenschaftliche Methodik, die weitestgehend objektiv sein sollte, vom durchführenden Wissenschaftler abhängig ist, wie Sie sagen, so kann es gar nicht anders sein, als dass auch Sie als Wissenschaftsjournalistin eine bestimmte Position zur Maßnahmenevaluierung einnehmen. Das ist meiner Ansicht nach nicht verwerflich, sondern spiegelt einfach nur wider, dass der Mensch kein Objekt ist, sondern ein Subjekt. Damit habe ich auch kein Problem, wir werden hier sicherlich unterschiedliche Positionen vertreten, die aufgrund unterschiedlicher Prämissen entstehen.

Ich begründe meine Sichtweise in der Biopsychosozialen Medizin. Sie werden wahrscheinlich (aufgrund dessen, was ich bisher von Ihnen gelesen habe), einen biomedizinischen Standpunkt vertreten. Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber ich habe bisher von Ihnen noch kein öffentliches Interesse an der Biopsychosozialen Medizin wahrgenommen. Ich denke jedenfalls, dass sich das stärkere Argument durchsetzen wird.

Der wissenschaftliche Prozess wird jedoch durch Intransparenz und Opportunismus blockiert. Ich habe nichts daran zu monieren, dass Sie eine wissenschaftliche Arbeit kritisieren. Ganz im Gegenteil: Diese „positive Feindseligkeit“ (Popper) fördert den wissenschaftlichen Diskurs. Ich habe jedoch ein Problem damit, wenn eine halbfertige, unveröffentlichte wissenschaftliche Arbeit kritisiert wird.

Dies wäre letztlich so, wie wenn ich einen noch nicht fertigen Beitrag von Ihnen vor Veröffentlichung „verreißen“ würde. Das würde dem Beitrag überhaupt gar nicht die Chance geben, in seiner finalen Fassung unvoreingenommen von den Lesern aufgenommen werden zu können. Stattdessen würden sich die bereits vorher bestehenden Erwartungen einfach nur bestätigen, unabhängig vom tatsächlichen Ergebnis. Dieser Effekt ist Ihnen sicherlich als Bestätigungsfehler bekannt.

Wissen Sie denn, ob weite Teile der Arbeit zur Evaluierung der Maßnahmen nicht noch einmal stark überarbeitet werden? Mit Klaus Stöhr ist ja vor Kurzem ein neues Mitglied zum Sachverständigenausschuss dazugekommen, welches neue Ansichten beitragen kann.

Selbst wenn eine starke Überarbeitung unwahrscheinlich sein sollte, so nehmen Sie doch mit Ihrem Beitrag durch öffentlichen Druck Einfluss auf diesen Prozess zugunsten Ihrer Position. Dies begründet sich zum einen darin, dass die Kritiker, die Sie in Ihrem Artikel erwähnen, nicht benannt werden, zum anderen darin, dass Sie keine Gegenstimmen zu Wort kommen lassen. Ob es beispielsweise Gegenstimmen geben kann, wird niemand beurteilen können, da nur Sie und die von Ihnen konsultierten Kritiker den Text gelesen haben. Es bleibt so oder so undurchsichtig.

Vielleicht haben Sie auch recht und die Arbeit ist tatsächlich auf einem sehr geringen wissenschaftlichen Niveau. Das möchte ich gar nicht absprechen. Aber dies zu beurteilen wäre (aus den oben genannten Gründen) erst fair gewesen, wenn die Arbeit auch tatsächlich veröffentlicht worden wäre.

Zu Ihrer Aussage über die Erwartungen: Ich habe Ihnen deshalb unterstellt, dass der Satz auf eine gewisse Gesinnung schließen lässt, weil Politiker und Bürger schlicht keine Erwartung an eine wissenschaftliche Arbeit haben können. Um eine Erwartung zu haben, muss eine gewisse Position eingenommen werden. Diese Position kann entweder wissenschaftlicher Natur sein und somit qualitative Erwartungen bedeuten. Oder sie kann von bestimmten Glaubenssätzen abhängig sein und somit ein bestimmtes Ergebnis erwarten, welches in das eigene Weltbild passt. Wir sind uns sicherlich einig, dass die allermeisten Bürger und Politiker keine Erwartungen an die Qualität der Arbeit haben können, denn dafür müssten sie verstehen, wie der wissenschaftliche Prozess zur Bewertung von Studienergebnissen funktioniert (z. B. die Maßstäbe der Cochrane Stiftung Deutschland zu Literaturreviews kennen und anwenden). Ein Zuschauer eines Fußballspiels kann nur dann eine Erwartung an das Ergebnis haben, wenn er die Spielregeln versteht. Somit bleibt aus Ihrem Satz nur zu schließen, dass Politiker und Bürger von Wissenschaftlern ein bestimmtes Ergebnis zu erwarten haben. Sollten Sie dies nicht gemeint haben, so ist dies schlicht eine unglückliche Formulierung, die jedoch mindestens zu revidieren wäre.

Noch ein letzter Punkt zur Einsehbarkeit (der auch den von Ihnen mitgeschickten Beitrag abdeckt): Sie und Ihr Kollege haben Recht, Journalisten berichten häufig über unveröffentlichte Dokumente im politischen Bereich. Doch im wissenschaftlichen Bereich hat dies nichts verloren. Politischer Investigativjournalismus und Wissenschaftsjournalismus sind nämlich ganz unterschiedlicher Natur. Im ersteren Fall werden tatsächlich Skandale aufgedeckt, die im öffentlichen Interesse stehen. Doch welchen Einfluss hat es auf die wissenschaftliche Forschung, wenn diese den Mechanismen der Skandalisierung unterworfen wird? Sie würde dadurch sicherlich nicht gefördert, sondern verächtlich gemacht werden und somit einen Vertrauensverlust erleiden. Diese Ansicht hat nichts damit zu tun, dass Wissenschaftsjournalismus nur „der verlängerte Arm der Forschung“ sein darf, sondern begründet sich darin, dass die Wissenschaft vor Emotionalisierungen geschützt werden muss. Wie sollte sonst ein rationaler und von Vertrauen geprägter Diskurs entstehen? Ich bin mir sicher, dass Sie sich der Wichtigkeit von Vertrauen in der Wissenschaftsfreiheit bewusst sind.

Vielen Dank für Ihre Zeit.

Herzlich
Tristan Nolting

Ob ich hier noch eine Antwort erhalten werde? Vermutlich nicht. Ihre Position hat sich mit ihrem neuen Beitrag „Handwerklich entspricht dieses Papier keinem wissenschaftlichen Standard“ noch einmal erhärtet. Frau Berndt hat bestimmt noch nie etwas von Reviews gehört, die keine systematische Recherche unternommen haben. Auch wenn dadurch eine geringere Evidenzstufe die Folge ist, so zählt diese Arbeit immer noch als „wissenschaftlich“.

Ein solches Vorwissen könnte man eigentlich von der Wissenschaftsjournalistin des Jahres 2022 erwarten…


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