Die deutsche Furcht vor der Freiheit

Ganz im Sinne von Fromm möchte ich einmal reflektieren, was der Aufbruch in die „Normalität“ (also im Grunde die alten Freiheiten), von der nun viele Medien und Politiker sprechen, für uns gesellschaftlich bedeutet.

Derweil überschlagen sich nämlich die Ereignisse: Bayern und andere Bundesländer wollen die geplante Teil-Impfpflicht aussetzen, die allgemeine Impfpflicht wird immer unwahrscheinlicher, sogar Österreich gedenkt, das bereits umgesetzte Gesetz wieder zu kippen. Während die Omikron Welle ihren Peak erreicht hat, sprechen Politiker wie Kubicki (FDP) von einer Beendigung aller Maßnahmen zum 20. März, andere wie Ministerpräsident von NRW Wüst (CDU) oder Lauterbach würden ihre Befugnisse gerne noch behalten. Am liebsten die nächsten 30 Jahre. Aber die Welle ist schon losgetreten, das Lockern hat schon begonnen – langsam aber sich fällt die 2G+ Mauer und wird zu 2G, vielleicht ist die Diskriminierung bald sogar endgültig Geschichte und wir kommen zu 3G. Oder – ich mag es mir kaum ausmalen – vielleicht kommen wir sogar zu 0G zurück (wie nun die österreichische Regierung angekündigt hat).

Die ganzen Meldungen, mit denen die Medien und Politik die Bevölkerung bombardieren, ersticken nahezu die eigentliche Freude, dass eine Normalität wieder denkbar ist.

Aber eigentlich sollte sich niemand freuen müssen, dass der bisherige bzw. „alte“ Zustand der Gesellschaft wieder denkbar ist. Schließlich heißen die Grundrechte auch so, weil sie fortwährend Gültigkeit haben müssten. Grundrechte werden nicht von der Regierung als Bonus für Staatshörigkeit verteilt.

Aber nun, da wir uns einmal gegen die Wand gefahren haben und so tiefgreifende Veränderungen erlebt haben – insbesondere im psychosozialen Bereich – taucht die Frage auf, ob ein schnelles Zurück zur Normalität überhaupt sinnvoll ist. Nach zwei Jahren Unterdrückung der verschiedensten Bedürfnisse (Sicherheit, soziale Zugehörigkeit, Individuelles, Selbstverwirklichung) könnte ein Zurück zum Ursprungszustand nur eine Verschlimmerung der Situation bedeuten.

Wie komme ich darauf?

Von verängstigten Eltern lernen

Zwei Jahre Politikpandemie haben ihre Wunden hinterlassen. Ganz deutlich kann man dies an den panischen Eltern erkennen, die Angst vor einer „Durchseuchung“ in den Schulen und Kindergärten haben. Zwei Jahre Opfer bringen für die Gesundheit, haben letztlich den eigenen Sicherheitswahn als Freiheit erscheinen lassen.

Die Einstellung der verängstigten Eltern: Wenn der (so politisch vermittelte) übermächtige Feind SARS-CoV-2 die Kinder treffen würde, würde dies nicht ohne Folgen bleiben – auch, wenn die Kinder vielleicht nicht unmittelbar krank werden würden – zumindest würden PIMS oder Long-Covid eine Gefahr darstellen. Darum erscheint eine Verhinderung der Infektion um jeden Preis günstiger. Denn auch, wenn für die Verhinderung der Infektion viele Beeinträchtigungen in Kauf genommen werden, so sind diese doch nur ein geringer Preis für die Erhaltung der Gesundheit (welche letztlich auch ein limitierender Faktor der Freiheit ist).

Diese Einstellung geht so weit, dass Fakten völlig ignoriert werden und Menschen beschimpft werden, die diese Fakten sachlich teilen wie etwa die Schleswig-Holsteiner Bildungsministerin Karen Prien.

Aber abseits von Beschimpfungen ist diese Einstellung nicht zu verurteilen: Denn das überhöhte Bedürfnis von Eltern, das eigene Kind zu schützen, ist völlig verständlich. Und letztlich resultiert dieses überhöhte Bedürfnis nur aus der völlig miserablen Kommunikation über SARS-CoV-2 in den letzten zwei Jahren.

In anderen Ländern wie Schweden und Dänemark scheint es dieses Problem der Polarisierung und Verängstigung nicht zu geben – hier wurde eher auf eine Kommunikation gesetzt, die die Bürgerinnen und Bürger in die Politik mit einbindet. Auch in Deutschland macht es den Anschein, als ob die Bürgerinnen und Bürger mit der Politik zufrieden sind: Allerdings ließe sich sozialwissenschaftlich und psychologisch sehr schnell wiederlegen, dass diese Umfragen das tatsächliche faktische Denken der Menschen in Deutschland widerspiegeln. Denn Angst setzt letztlich bekannter Weise das rationale Denken aus.

Wir haben es hier also mit einem hausgemachten deutschen Problem zu tun. Während sich unsere Nachbarländer ohne große Probleme den Weg aus der Pandemie bahnen, werden wir noch länger mit dem Vertrauensverlust in Politik, Medien, Wissenschaft und sogar unsere Mitmenschen zu kämpfen haben.

Letztlich war unsere Kommunikation der letzten zwei Jahre einfach formuliert: „Jeder ist ein Feind. Jeder könnte dieses Virus übertragen und darum sind nur diejenigen meine Freunde, die sich an die Regeln halten. Ich erkenne meine Freunde nur an den Regeln, den anderen ist meine Gesundheit nicht wichtig. Wer die Regeln des Staates ehrt, der ehrt auch mich. Wer den Staat ehrt, der ehrt auch mich. Wenn ich den Staat ehre, ehren mich auch die anderen.“

Dass der Nutzen von Kontaktbeschränkungen, Masken, Lockdowns und sogar Impfungen in Bezug auf die Ansteckung (Infektiosität) mehr als miserabel ist, ist ein sehr neues mediales Erzeugnis. Erst seit kurzer Zeit ist einer großen Masse an Menschen bewusst geworden, dass die staatlichen Maßnahmen nicht die Eigenverantwortung ersetzen können. Erst jetzt kommen Berichte in den großen Medien darüber, wie gut Vitamin D vor einem schweren Covid-19-Verlauf schützen kann. Auch die Politik scheint diese Erkenntnisse langsam (sehr, sehr, sehr langsam) zu verarbeiten. Aber auch diese Meldungen haben das Vertrauen nicht verbessert, im Gegenteil: Da erst jetzt dem Großteil der Menschen bewusst wird, dass die Kommunikation so fehlerhaft war, in einigen Fällen sogar bewusst falsch und manipuliert, verschlimmbessert dies nur das deutsche Vertrauensverhältnis.

Über positive und negative Freiheit

Nicht für jede Art der Freiheit ist das Vertrauen in sich und die Gesellschaft entscheidend. Laut Fromm gibt es eine positive Art und eine negative Art der Freiheit (vgl. Furcht vor der Freiheit S. 31, 51, 83, 93, 105 ff.)

Für die negative Freiheit kommt es nicht auf das Vertrauensverhältnis an (eine stärkende und bindende zwischenmenschliche Kraft), sondern auf das Verhältnis zu bestimmten Zwängen. Die negative Freiheit ist als eine „Freiheit von“ etwas. Die Freiheit von Maßnahmen, Impfungen, gesellschaftlichen Konventionen etc. kann nur eine negative Freiheit sein. Dies begründet Fromm damit, dass eine neugewonnene Freiheit auch ein Fluch sein kann. In der Menschheitsgeschichte (und in vielen Mythen wie der biblischen Geschichte von Adam & Eva) war dies nur allzu häufig der Fall. Die neu gewonnene Freiheit gibt dem Menschen die Möglichkeit, sich auf eine neue Art zu verwirklichen. Doch wenn er nicht weiß, wie er sich verwirklichen soll, fühlt er sich verängstigt, verflucht und allein gelassen.

Die Eltern und Kinder, die nun zwei Jahre lang viel Geduld aufgebracht haben und viele ihrer Freiheiten aufgegeben haben, um sich und ihre Liebsten zu schützen, sollen nun ohne „Schutz“ zurückgelassen werden. Wofür sollten sie diesen „Fluch“ der Freiheit eingehen? Vielleicht haben sich diese Menschen mittlerweile an ihre Umstände gewöhnt, die Maßnahmen und Masken lieben gelernt? Denn wie Fromm so ausführlich beschreibt, kann die Freiheit immer auch ein Fluch sein. Ein Fluch, sich mit dem beschäftigen zu müssen, was vorgefallen ist, ob es wirklich nötig war, ob die Maßnahmen vielleicht sogar mehr geschadet haben.

Dies wird am Ende die Freiheit der deutschen Gesellschaft sein müssen: Zu verstehen, wie es passieren konnte und zu erkennen, dass viel Leid verursacht wurde (und nach wie vor wird).

Mit jeder negativen Freiheit gewinnt der Mensch aber auch eine positive Freiheit hinzu.

Nachdem er die primären Bindungen, die ihm Sicherheit gaben, durchtrennt hat und der Welt als völlig separater Größe gegenübersteht, bleiben ihm zwei Möglichkeiten, den unerträglichen Zustand seiner Ohnmacht und Einsamkeit zu überwinden. Der eine Weg führt in die „positive Freiheit“. Der Mensch hat die Möglichkeit, spontan in Liebe und Arbeit mit der Welt in Beziehung zu treten und auf diese Weise seinen emotionalen, sinnlichen und intellektuellen Fähigkeiten einen echten Ausdruck zu verleihen. Auf diese Weise kann er mit seinem Mitmenschen, mit der Natur und mit sich selbst wieder eins werden, ohne die Unabhängigkeit und Integrität seines individuellen Selbst aufzugeben. Der andere Weg, der ihm offen steht, ist der zu regredieren, seine Freiheit aufzugeben und den Versuch zu machen, seine Einsamkeit dadurch zu überwinden, dass er die Kluft, die sich zwischen seinem Selbst und der Welt aufgetan hat, zu beseitigen. Dieser zweite Weg kann niemals zu einer solchen Einheit mit der Welt führen, wie sie war, bevor der Mensch zum „Individuum“ wurde, denn seine Lostrennung lässt sich nicht rückgängig machen.

(Regredieren: auf eine niedrigere, frühere Entwicklungsstufe zurückfallen)

Fromms Schilderungen übertragen auf die Corona-Pandemie bedeuten bei einer Verwirklichung der positiven Freiheit einer Umkehr des radikalen Kollektivismus, hin zum Individualismus und Anthropozentrismus. Der von Leid geplagte Weg hat insofern noch kein Ende, dass zwar die Maßnahmen Stück für Stück aufgehoben werden können, der Mensch sich aber erst noch darüber bewusst werden muss, was er für seine (teils wahnhaften) Vorstellungen aufgegeben hat. Die Reindividualisierung ist also zum einen ein schmerzhafter Prozess der Einsicht (im Tarot symbolisiert durch drei Schwerter, die das Herz durchstechen), zum anderen ein sehr produktiver und fruchtbarer Prozess.

Vermutlich haben gerade deshalb viele Politiker „keine Lust“ auf das Ende der Pandemie, weil so ein Prozess der Reinigung und Aufarbeitung stattfinden würde. Viele Entscheidungen könnten in einem anderen Licht erscheinen. Mit genügend Distanz könnte sogar das Fehlverhalten vieler Politiker erkannt werden.

Es reicht nicht aus, den Aktionismus für die Entscheidungen einzelner Menschen verantwortlich zu machen. Auch Maßnahmen können mit Sinn und Verstand getroffen werden. Und genauso brauchen wir auch jetzt zum einen eine sinnvolle Öffnung (für die Freiheit, Gesellschaft…), zum anderen notwendigerweise eine Aufarbeitung. Denn dies, was uns geschehen ist, darf sich nicht noch einmal wiederholen.

In der Geschichte wurden schon häufig im Namen der Sicherheit bestimmte Freiheitseinschränkungen getätigt. Nur selten sind diese gut ausgegangen. Und noch seltener hat eine Rückgabe der Freiheiten ganz ohne Probleme stattgefunden. Um unsere Furcht zu mindern und unsere Motivation zu erhöhen, wäre es also auf kommunikativer Ebene sinnvoll, eine „Freiheit zu“ etwas in Aussicht zu stellen.

Dies kann natürlich nicht die Verantwortung des Einzelnen übernehmen, sich vom Kollektivismus zu lösen. Doch die Gesellschaft hat nun auch die Aufgabe, das Individuum an die Hand zu nehmen, bis es wieder eigenständig laufen kann und will. Sonst droht uns die nächste Krise in nicht allzu ferner Zeit.

Wenn also die Frage gestellt werden darf: „Wie gehen wir nun um mit unserer Furcht vor der Freiheit?“, dann lohnt sicherlich zum einen ein Blick in die Psychologie- und Geschichtsbücher. Zum anderen lohnt es sich aber auch, einmal darüber nachzudenken, wie das Individuum sinnvoll das Geschehene verarbeiten kann. Die Pandemie zu vergessen wird uns nicht davor bewahren, unsere Fehler nochmal zu machen. Auch die Dokumentation und Nacherzählung (vornehmlich in der Schule) scheint hier nur unbefriedigende Ergebnisse zu erzielen.

Vielleicht ist es Zeit für etwas Neues.

Herzlich
Tristan


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2 Comments

  1. Tristan, ich bin nur ein armer Lyriker im Dachboden, aber deine Art der Argumentation gefällt mir. Fromm ist mir auch nicht unbekannt. Ich danke dir für die Denkanregung, die von Vernunft bestimmt ist. Esoterik ist nicht so mein Ding, aber ich denke, da Esoterik schon mal besteht, versuchst du sie in deine Denkansätze einzubinden. Kein leichtes Unterfangen, aber vielleicht lohnend. Was mir bei allen Äußerungen der Virologen usw. fehlt, ist immer der lebende Geist, die weiterdenkende Inspiration. Alles nur kalt und versachlicht, ohne jede Empathie für die Menschen.

    LG Sven

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