Eine Pandemie der schlechten Vergleiche

Jeder kennt sie, die unaufhaltbaren und unzweifelbaren Experten, die uns auf die einzig richtige Weise aus der Pandemie führen. *Zwinker*

Natürlich bin ich mir der Menschlichkeit von Fehlern bewusst, die im Laufe einer solchen Krise geschehen können. Doch mein anklingender Sarkasmus ist zweifelsohne berechtigt, wenn man sich einmal genauer damit befasst, mit welcher Perfidität bestimmte Maßnahmen begründet werden.

Allen voran werden immer wieder unpassende Vergleiche genutzt, um die eigene Argumentation zu stützen. Vergleiche haben im Zuge der Diskussion ihre unersetzbare Position und Berechtigung, doch sollten auch Vergleiche gewählt werden, die stimmig sind und schlicht Sinn ergeben.

Den Virokraten unserer Gesellschaft scheint eine schlüssige Argumentation eher unwichtig zu sein. Kenntnisse in Germanistik, Rhetorik oder Hermeneutik könnten da vielleicht weiterhelfen. 

Hier habe ich einen Blogbeitrag über Platons Trivium verfasst.

Nachfolgend möchte ich drei Beispiele von schlechten Vergleichen anführen, die im Zuge der COVID-19-Pandemie genannt wurden, um bestimmte Maßnahmen zu rechtfertigen. Viel Spaß beim Lesen.

Lauterbach: „Ungeimpfte sind wie Nicht-Schwimmer.“

Der stetig „besorgte“ neu gewählte Gesundheitsminister Lauterbach hat nicht nur häufiger mal einen Zahlendreher in den unzähligen Talkshows und Interviews zu verzeichnen – der Hashtag #Lauterbachluegt ist auch noch nicht allzu lange her. (0)(1)(2)(3) Er nutzt hin und wieder aber auch zweifelhafte Vergleiche, um seine kruden Thesen zu verbreiten.

Im Bild-Doppelinterview mit Lauterbach und Streeck kam die Frage auf, ob 2G ein Impfdruck durch die Hintertür sei oder zumindest eine Zwei-Klassengesellschaft erschaffe. (4) Daraufhin kam Herr Lauterbachs fabulöser Einwand:

„Also zunächst einmal, wenn die 2G-Regel gilt können die Ungeimpften weiter am Sozialleben teilhaben. Es sind nur bestimmte Bereiche, zu denen sie keinen Zugang mehr haben. […] Und das ist auch keine Diskriminierung, ich will versuchen, dies an einem Beispiel festzumachen.

Als bei einem Schwimmbad gibt es tiefere und nicht so tiefe Bereiche. Die Nicht-Schwimmer dürfen nicht in die tiefen Bereiche hinein. Dann könnte man auch sagen: „Es ist die Freiheit der Nicht-Schwimmer, in die tieferen Bereiche zu dürfen.“ Aber ich will ja nicht, dass sie ertrinken. Darum kommen nur Schwimmer in diesen Bereich.

Und das mag zunächst als ein weit hergeholtes Bild erscheinen, aber es gibt tatsächlich Situationen, in denen dieses Bild zutreffend ist, wie etwa in Diskotheken mit der hohen Aerosolkonzentration. Das heißt, ich muss die Menschen voreinander schützen. (…) 

Und wenn der Nicht-Schwimmer ertrinkt, das ist grauenvoll und möchte niemand, aber es ist nur der Nicht-Schwimmer. Aber in der Diskothek stecken sich die Menschen untereinander an. Somit glaube ich gibt es gute Gründe, aber nur natürlich in den besonders gefährdeten Situationen.“

Lauterbach, BILD TV (2021)

Übrigens haben einige Kolumnisten ähnliche Vergleiche wie Herr Lauterbach gemacht. (5) Wer hat sich hier wohl von wem inspirieren lassen?

Wie dem auch sei, ein wirklich fundierter Vergleich ist das nicht. Im Grunde genommen ist das ein unzuverlässiger, geradezu irreführender Vergleich, und zwar aus mehreren Gründen.

Wer Nicht-Schwimmer ist und trotzdem in tiefen Gewässern schwimmen geht, der wird definitiv sterben, wenn ihm nicht jemand hilft. Das ist leider unausweichlich. 

Bei einer Corona-Infektion ist das überhaupt nicht so. Jeder Mensch hat ein angeborenes Immunsystem, welches sehr lernfähig ist. Ein gesunder Lebensstil schützt ohne Frage vor einem schweren Verlauf! Alles andere würde schlicht keinen Sinn machen und es ist müßig, darüber zu streiten. Es mag Einzelfälle geben, in denen auch gesunde (oder nennen wir sie mal nicht mit einer Krankheit diagnostizierten) Menschen einen schweren Verlauf haben. Inzwischen ist aber nur allzu gut bekannt, dass Risikofaktoren wie Rauchen, wenig Sport, Vorerkrankungen und hohes Alter zu einem schweren Verlauf führen. Studien hierzu finden sich massenhaft auf Pubmed.gov.

Eine italienische Studie hat übrigens festgestellt, dass über 99% der Menschen, die an COVID-19-gestorben sind, Vorerkrankungen aufwiesen. (6)

Dies sind bekannte Tatsachen. Und trotzdem werden solche Vergleiche gezogen, um unsinnige Maßnahmen zu begründen. Besonders interessant ist es, dass sich Herr Lauterbach die Fakten immer so dreht, wie es gerade passt. Im einen Interview mit der WELT erzählt er, dass die ungeimpften Menschen um jeden Preis geschützt werden müssen [selbst wenn sie nicht geschützt werden wollen, T.N.], in diesem Video argumentiert er wiederum, dass die ungeimpften Menschen ja die geimpften Menschen anstecken würden und damit eine Gefahr sein würden. 

Wen wollen wir also schützen, die ungeimpften oder geimpften Menschen? Wovor hat Herr Lauterbach Angst, wenn die geimpften Menschen geschützt sind? Zudem steigt die Anzahl an Impfdurchbrüchen immer weiter an, ganz zu schweigen von der derzeitigen Omicron-Welle, bei der es viel mehr Impfdurchbrüche als Neuinfektionen gibt. Also: Auch Geimpfte können Geimpfte infizieren. (7)

Was soll also dieser Schwimmbad-Vergleich? Er hat nicht nur keine Relevanz, er erweckt ganz einfach einen falschen Eindruck. Das Leben ist kein großes Schwimmbad, in dem die ungeimpften Menschen Nicht-Schwimmer sind und jede Sekunde drohen zu ertrinken. Klingt übertrieben? Nach der Ausweitung von 2G auf den Einzelhandel könnte man den Eindruck haben, unsere Politiker haben vor allem und jedem Angst… Ein Geimpften-Bändchen hilft da sicher weiter… (8)

Nguyen-Kim: „Impfpflicht ist wie Anschnallpflicht“

Besonders erstaunt hat mich mailabs Video „Impfpflicht ist ok“. (9)

Ich habe bereits in meinem Podcast eine Reaktion auf das Video veröffentlicht, möchte mir hier aber noch mal die Zeit nehmen, um den Höhepunkt des Videos zu kommentieren. Wörtlich kommentiert Nguyen-Kim die Diskussionen in diesem Video wie folgt:

„Ich versteh nicht, wie man eine Impfpflicht kategorisch ausschließen kann, so wie die Regierung dies aktuell tut.

Ganz rational betrachtet ist eine Impfpflicht sogar weniger krass als die Gurtpflicht im Auto. Denn der Sicherheitsgurt schützt ja nur mich selbst. Da könnte man ja noch argumentieren, ist ja jeder selbst schuld, wer sich nicht anschnallt.

Aber wer sich impfen lässt, schützt ja nicht nur sich. Da sich Geimpfte seltener anstecken, können sie auch das Virus seltener weitergeben. Und Geimpfte haben eher mildere Verläufe oder gar keine Symptome. Und wenn ich jemandem ins Gesicht huste, stecke ich den natürlich auch eher an, als wenn ich keine Symptome habe.“

Nguyen-Kim, Impfpflicht ist ok (2021)

Sapperlot! Mailabs technokratisches Verständnis des Menschen ist geradezu bahnbrechend. Nguyen-Kim könnte sich in eine Reihe mit der Richterin des Supreme Court stellen, die Anfang Januar 2022 gefragt hat, was der Unterschied zwischen Mensch und Maschine ist. (10)

Eine solche „rationale Auffassung“ der Impfpflicht wäre tatsächlich gegeben, wenn der Mensch nicht mehr wäre als eine Maschine. Aber jeder Mensch, der noch etwas von Selbstbestimmung, Autonomie und Würde hält, würde dem entgegenstehen und klarstellen, dass der Mensch ein Innenwesen ist, der Roboter jedoch nur ein Außenwesen. Hast du vielleicht schon mal einen Roboter mit echten Gefühlen und „Bewusstsein“ gesehen? Natürlich nicht, der modernen Wissenschaft ist das Bewusstsein noch heute ein Rätsel (und wird es vielleicht auch immer bleiben). Auch die Entwicklung um K.I. wird das nicht ändern.

Mailab scheint also überzeugt zu sein, dass der Mensch eine Maschine ist. Für sie macht es vielleicht auch keinen Unterschied, ob der Gurt im Auto in den Körper eingeführt wird oder nur entlang geführt wird. Aber es gibt eben einen riesig großen Unterschied, der in der Grenzüberschreitung zwischen Innen und Außen liegt. Eine Grenze, die es für Maschinen schlicht nicht gibt.

Das Missverständnis fängt also dort an, wo der Mensch nicht begreift, dass das Innenleben eines Menschen ein empfindliches Zusammenspiel aus psychischen und physischen Kräften ist, an denen nicht leichtfertig rumgespielt werden sollte. Dieses Argument sollte nicht im Sinne der Kirche genutzt werden, die in der Geschichte bewiesen hat, dass sie die Menschheit nur an der Vermehrung von Wissen hindern wollte, sondern im Sinne der Demut nach Karl Popper: Die Natur hat sich etwas dabei gedacht, den Menschen so zu erschaffen, wie er heute ist. Der Mensch ist ganz und gar nicht „imperfekt“, aber er kann sich selbst dazu degradieren.

Auch das Argument, der Gurt schütze nur einen Selbst, die Impfpflicht auch andere ist nicht mehr als eine Behauptung. Die Daten mehren sich, dass auch Geimpfte ansteckend sind. (7) Aber auch hier gilt wieder: Für gesunde Menschen besteht keinerlei Gefahr durch SARS-CoV-2, sodass ein Eingriff in den Körper des Menschen schlicht unnötig ist. Und wofür sollte ich mich denn nun impfen lassen, wenn für mich kein Risiko besteht und ich auch als Geimpfter das Virus weitergeben könnte? Wie soll man bitte Nguyen-Kims Argument des „ins Gesicht Hustens“ ernstnehmen? Wer hustet anderen ins Gesicht?

Die hyperrationale Argumentation von mailab enthüllt neben einigen Ich-mach-mir-die-Welt-wie-sie-mir-gefällt-Aussagen auch eine gewisse abfällige Betrachtung des Menschen, den man dann bald nach ihr nur noch als Impf-Cyborg kennen könnte. Die nächste Welle kommt bestimmt. Und danach die nächste Pandemie.

Hier gibt es einen lustigen Clip über mailabs Video „Impfpflicht ist ok“.

Ein Spiegel-Artikel ganz im Sinne von Mai Thi Nguyen-Kim

Drosten: „Eine Infektion trainiert das Immunsystem wie ein Steak die Verdauung“

Wer kann das „unsinnige Impfgejammer“ bald auch nicht mehr hören? Unser Star-Virologe.

Während andere Menschen für ihre Ausrutscher und Frust-Posts von den Medien diffamiert werden, erhält Prof. Drosten rege Zustimmung. (11)(12)(13)(14)

Der Aufhänger:

Besonders bemerkenswert: Vor ein paar Monaten behauptete Herr Drosten das genaue Gegenteil. (15) Eine natürliche Immunität schütze besser:

„Wer sich infiziert, hat ja mit dem ganzen Virus Kontakt gehabt, während das Immunsystem Geimpfter sich ja, zumindest bei denen hier bei uns zugelassenen Impfstoffen, nur mit dem Spike-Protein auseinandersetzen muss“ (16)

Wer hier voreilig darauf schließt, dass Herr Drosten empfiehlt, man solle mit dem Virus in Kontakt kommen, der irrt: Erst brauchen wir die endemische Situation… und jeder muss natürlich geimpft sein. Ist doch logisch. *Zwinker*

Viel interessanter ist aber der Vergleich zwischen Steak & Infektion, oder besser gesagt zwischen Immunsystem und Verdauung. In seinem Beispiel ist die Impfung nämlich der metaphorische Grünkohl (kein Scherz). Bei diesem Vergleich tun sich ganz viele ernährungsphysiologische Probleme auf, die Herr Drosten natürlich alle nicht kennt. 

Zum einen haben NATÜRLICH Menschen mit regelmäßigem Fleischkonsum eine bessere Verdauung und Resorption der Nährstoffe. Wer jahrelang vegan oder vegetarisch lebt und seine Ernährung umstellt, kann sich zu Beginn auf ein Feuerwerk der Darmprobleme einstellen. Hier muss man sagen, dass das Prinzip der Anpassung gilt. Der menschliche Körper stellt sich auf die Gewöhnung ein und wer sich bestimmte Verhaltensweisen abgewöhnt, der muss bei Umstellung auch mit Konsequenzen rechnen. Hier sei allen voran das Darmmikrobiom genannt.

Zum anderen musste das Steak für sein Beispiel einer Infektion herhalten. Inzwischen glaubt jeder Laie, dass rotes Fleisch schlecht wäre, dabei ist dem nicht so. Es kommt immer auf das Maß an (vgl. Paracelsus). Damit wird wieder mal die Infektion als etwas „Schlechtes“ assoziiert, die Impfung wieder mal als etwas „Gutes“.

Solche pauschalen Einteilungen sind eins der vielen Probleme, die sich in dieser Krise offenbart haben. Es werden gerade deshalb gerne Vergleiche gezogen, weil sich damit etwas pauschal als gut oder schlecht bewerten lässt. Es gibt jedoch nichts per se Gutes oder Schlechtes, es kommt immer auf die individuelle Situation drauf an. Das immer wieder gerne genutzte Zitat vom römischen Philosophen Epiktet hat hier seine Anwendung:

Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinung über die Dinge. Wenn wir also auf Schwierigkeiten stoßen, in Unruhe und Kümmernis geraten, dann wollen wir die Schuld niemals auf einen andern schieben, sondern nur auf uns selbst, das heißt auf unsere Meinung von den Dingen.“

Epiktet

Weder ist eine Infektion schlecht, noch die Impfung. Beides kann seine Berechtigung haben, es kommt immer auf die Situation und Ausgangsbedingungen an.

Grundsätzlich auszuschließen, dass man sein Immunsystem trainieren oder stärken könne, ist aber eine fatale Annahme. Denn sie läuft darauf hinaus, dass der Mensch nichts für sich selber tun könne, sondern von der Impfung als einziges mögliches „Update“ (wie es Dr. Jen Gunter vertritt) abhängig bleibt.

Dem steht die biopsychosoziale Medizin als derzeit kohärenteste Medizintheorie eindeutig entgegen. Autoregulative Selbstkompetenz ist kein Mythos, sondern Realität.

Lesenswert hierzu: Ein Beitrag von Prof. Rießinger auf reitschuster.de. (17)

Was soll ich abschließend noch sagen? Wir haben gesehen, dass die hier angeführten Vergleiche in vielen Punkten unzureichend sind. Wäre ich Professor in Philosophie, wären diese Studenten bei mir allesamt durchgefallen. 

Aber das ist schließlich nur meine bescheidene Meinung. Wer bin ich, um das zu beurteilen?

Sagt mir gerne, was ihr dazu denkt: info@tristanstrivium.com

Herzlich
Tristan Nolting


Update: 18. Januar 2022 – Mein Auto hat Corona

Wieder mal Prof. Drosten, wieder mal ein schlechter Vergleich: diesmal zwischen COVID-19 und einem KFZ-Schaden.

Was mich an solchen Vergleichen neben der Perfidität immer wundert, ist die fehlende Reflexion. Kann sich Prof. Drosten wirklich nicht vorstellen, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen COVID-19 und KFZ-Schäden gibt? Nein? Dann kläre ich gerne auf.

Ein KFZ-Schaden ist ein PROBLEM. Soweit so gut, da dürften die meisten Menschen zustimmen. Ein Problem wird per Definition als einfache und linear zu bewältigende Herausforderung aufgefasst. Dies bedeutet, dass der KFZ-Mechaniker aufgrund seiner Erfahrung (und Theorie) weiß, was er zu tun hat. Das Problem bleibt konstant und stringent, es verändert sich nicht. Es mag verschiedene Lösungswege geben, aber das Endergebnis bleibt das Gleiche.

COVID-19 bzw. SARS-CoV-2 ist ein PRÄDIKAMENT! Nach Richard Farson sind Prädikamente komplexe Probleme, die möglicherweise nie ganz erfasst werden können und für die es auch keine einfache Lösung gibt – wenn es überhaupt eine Lösung gibt. Denn weder Theorie noch Praxis sind ausgereift – aber selbst wenn in dem jeweiligen Fachgebiet über Jahrhunderte an Erfahrung vorherrschen würde, so wäre doch nicht davon auszugehen, dass eine Lösung in Sichtweite ist. Denn: Die Anzahl an Variablen, die ein Prädikament umfasst, ist so hoch, dass es den menschlichen Verstand (und die Leistung jedes Computers, der auch nur von Menschen bedient wird) bei Weitem übersteigt.

Weitere Beispiele für Prädikamente sind das Bienensterben oder der Klimawandel.

Ich habe das Thema näher in meinem Buch die Würde des Ungeimpften behandelt und auch in Podcast-Folge 54 besprochen. Wer Interesse an der Komplexitäts-Theorie und Chaos-Forschung hat, wird hier viel Freude finden.

Solche trivialen Vergleiche als Wissenschaft zu verkaufen zeugt weniger von tatsächlichem Reflexionsvermögen und mehr von eindimensionaler Betrachtung eines hochkomplexen Themas. Wer die simpelsten Annahmen und Erkenntnisse der Wissenschaftstheorie nicht versteht, sollte sich kaum trauen, über den Tellerrand seines eigenes Fachgebietes zu schauen und breite Wissenschaftskommunikation betreiben.


Update: 1. März 2022 – Winterreifen & Virenprävention

Die Pandemie der schlechten Vergleiche nimmt leider kein Ende. In einem Gastartikel für die FAZ schreibt der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion Janosch Dahmen einen Satz, der auf besonders herausragende Intelligenz schließen lässt (*Zwinker*):

Und wer gerade dabei ist, von Winter- auf Sommerreifen umzurüsten, will wohl kaum an das Glatteis im Dezember denken…

Janosch Dahmen, FAZ (28. Februar 2022)

Um diesen Satz aber zu verstehen, müssen wir auch den Kontext einbeziehen, in dem Herr Dahmen diesen Satz geschrieben hat:

…Politik hingegen muss genau dies tun. Verantwortung bedeutet Vorsorge, aber Prävention ist nicht immer populär. Und so wandelt sich derzeit mancher Impfpflichtbefürworter zum Ablehner. Dabei nähren nicht wenige der nun vorgetragenen Argumente gegen die Impfpflicht den Verdacht, dass man sich einer allgemeinen Lockerungsstimmung unterwirft. So wird erstens behauptet, dass Omikron die Lage komplett verändert habe. Richtig ist, dass Omikron zwar etwas weniger gefährlich, aber lange nicht ungefährlich ist. Der Grund für die Abwendung eines überlasteten Gesundheitssystems in den letzten Wochen sind in erster Linie die staatlichen Schutzmaßnahmen, nicht die milderen Krankheitsverläufe. Und ebendiese Maßnahmen wollen wir künftig durch eine Impfpflicht verhindern.

Neben dem Panikton besticht Herr Dahmen hier wieder einmal mit Dramaturgie durch das angeführte „Heldensymbol“ eines Politikers. Christian Drosten hat zu Beginn der Pandemie den Satz geprägt: „There is no glory in prevention“ („Es liegt kein Ruhm in Prävention“). Irrwitziger Weise haben sich die Verhältnisse inzwischen genau umgekehrt, es wird versucht, mit Prävention politisches Geschäft zu machen. Denn letztlich ist es die Prävention, die dem Politiker ermöglicht, einschneidende Maßnahmen zu ergreifen. Was früher einmal undenkbar war (Grundrechtseinschränkungen auf Vorrat), ist heute Normalität. Insofern ist Prävention vielleicht nicht immer akut populär, doch versieren sich Politiker seit Beginn der Pandemie mit nichts anderem als Präventionsmaßnahmen. Wer würde einen Politiker wie Lauterbach in einem gesunden System wählen, welches nicht auf Angst oder Panik ausgelegt ist? Oder Herrn Dahmen?

Herr Dahmen versteht es hier sicherlich, sich aus der Misere zu reden. Jeder versteht natürlich, dass Schutz immer auch mit Problemen einhergeht. Im Sinne von: Was soll da schon groß schiefgehen?

Weggelassen wird natürlich der Teil, an dem der Leser erkennt, dass die Politiker sich später – wenn die Pandemie „besiegt“ ist – als die heroischen Helden feiern werden. Was mussten sie nicht alles einbüßen (vor allem ihre Popularität), um das Volk zu schützen…

Alles, was das Narrativ hier stören würde (beispielsweise Länder wie Schweden, die zeit der Pandemie keine Lockdowns oder harten Kontaktbeschränkungen verordnet haben), muss natürlich ausgemerzt werden. Und darum wird auch weiterhin der Lügenballon aufgeblasen, dass nur die Schutzmaßnahmen das Gesundheitssystem geschützt haben – es kann niemals daran liegen, dass das Virus schlicht endemisch geworden ist oder langsam wird.

Ohne Angst verschwindet auch der letzte Hinterbänkler-Politiker wieder im Nirgendwo – zumindest so lange, bis die nächste „Pandemie“ droht. Und darum wird aus dem Trickkasten der Politik auch alle Mittel gezogen, es wird sich an jedem Strohhalm festgehalten, der das eigene Überleben in der Politik sichert.

Aber, aber Herr Dahmen: Ein KFZ-Vergleich ist auf Sach-Ebene immer eine schlechte Wahl. Vielleicht erreichen Sie damit die Menschen, die sich ganz besonders in ihr motorisiertes Gefährt verliebt haben – diejenigen, die sich länger als 30 Sekunden mit dem Thema beschäftigt haben, holen Sie damit aber nicht mehr ab. Im Gegenteil: Im Grunde genommen wird es jeden Tag nur noch peinlicher.


Update: 30. März 2022 – Auffrischungsimpfungen & Vokabellernen

Wieder eine behördliche Initiative, wieder verschenkte Liebesmüh. Diesmal soll es Eckhart von Hirschhausen richten, also der Mann, der ganz offen sagte:

„Wer sich nicht impfen lässt, ist ein asozialer Trittbrettfahrer“

Eckhart von Hirschhausen, WELT, 27.04.2018

Die als Webseite initiierte Initiative stammt vom Gesundheitsministerium des Landes Baden-Württemberg und nennt sich Impf-O-Mat. Der Impf-O-Mat soll sich sichtlich an der App Wahl-O-Mat orientieren. Im Gegensatz zum Wahl-O-Mat wird hier aber keine Entscheidungshilfe geboten, sondern lediglich eine interaktive Webseite, die in verschiedenen Videos erklärt, warum impfen (egal wann, wo, warum oder wie) immer die beste Option ist. Untermauert wird dies dann mit veralteten oder irreführenden Argumenten, die sich inzwischen nur noch als Mythos oder Märchen bezeichnen lassen: Fremdschutz, die Impfung beendet die Pandemie, Long-Covid-Gefahr ist auch bei mildem Verlauf groß.

Der schlechte Vergleich kommt aber wie folgt zustande: In einem Video erklärt der Wissenschaftsjournalist Eckhart von Hirschhausen, dass das immunologische Gedächtnis ähnlich wie Vokabellernen funktioniert. Wenn des Gedächtnis nicht immer wieder trainiert und aufgefrischt wird, verlernen wir bestimmte Dinge. Wenn also das Virus einen neuen Trick lernt, dann muss der Mensch sich eben jedes Mal mit einer Auffrischungsimpfung wehren, so Hirschhausen.

Es ist geradezu erstaunlich, dass Herr Hirschhausen nicht auf die Idee kommt, dass dies auch bei Viren der Fall sein könnte – wer nicht immer wieder mit ihnen in Kontakt kommt, der kann eben auch nicht adäquat darauf reagieren und mögliche Nebenwirkungen (schwerer Verlauf, Long-Covid etc.) sind eine mögliche Folge. Dass eine ständige Auffrischungsimpfung (am Besten jeden Monat mit immer neu angepassten Impfstoffen) keine alternative zur natürlichen Infektion darstellt, dürfte klar sein, oder? Ich habe bereits im Mai 2020 in meiner Analyse „Covid-19 (Sars-CoV-2) holistisch bestrachtet“ die Frage gestellt, inwiefern eine Impfung bei einem so mutationsfreudigen Virus überhaupt eine nachhaltige Lösung darstellt.

Wir stehen wieder einmal vor dieser Frage – aber anstatt dies breit zu diskutieren, stellen sich Wissenschaftsjournalisten in den Dienst von Behörden, um wissenschaftstheoretische Aspekte völlig auszublenden und einer verkopften Ideologie zu huldigen. Der Impf-O-Mat zeigt dies einmal mehr. Der abschließende Appell auf der Webseite: Ich hätte mich zwar gut informiert, aber ich solle mich doch trotzdem impfen lassen. Wirkt vertrauenswürdig.


Update: 18. Juni 2022 – Der Effekt von Masken ist so sicher, wie aus dem Flugzeug zu springen 😉

Der seit einiger Zeit für Furore sorgende Leiter des Sachverständigenausschusses zur Evaluierung der Corona-Maßnahmen, Stefan Huster, hat mit einer wirklich gnadenlos schlechten Analogie die Pandemie der schlechten Vergleiche befeuert. Im Gespräch mit ZDFheute erklärt er:

„Seit Jahrhunderten werden in Kliniken Masken getragen, um die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten zu verhindern. Dass Masken generell vor Infektionen schützen können, das ist nicht sinnvoll zu bestreiten.“

Stefan Huster in ZDFheute, 18. Juni 2022

Und jetzt die Gipfelerfahrung seiner intellektuellen Wanderschaft:

Nun könnte ich mich darum bemühen, in allen Einzelheiten seinen Vergleich zu zerpflücken. Aber ich denke, den allermeisten Menschen mit noch einem Fünkchen gesundem Menschenverstand verstehen, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Denn das hatten wir ja schon beim Vergleich „Ungeimpfte sind wie Nicht-Schwimmer“: Während die Infektionsbiologie viel zu komplex ist (Stichwort: Komplexitätstheorie), um sie mit eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zu belegen, wie Herr Huster auch an späterer Stelle im ZDF-heute Interview zugibt, lässt sich dies sehr wohl beim Sprung aus dem Flugzeug anstellen: Machste das, biste Tod. So einfach ist das.

Natürlich kann man eine Grundsatzdiskussion anstellen, aber welcher Höhe der Tod sicher die Folge des Sprungs ist, aber hier verrennt man sich schlicht in Einzelheiten (welches Flugzeug fliegt in zweistelliger Meter-Höhe?).

Wenn aber keine reproduzierbaren wissenschaftlichen Ergebnisse zum Effekt von Masken veröffentlicht werden können, dann ist sehr wohl eine Diskussion angebracht, ob Verordnungen angebracht sind.

Ach ja, und dann sind da noch die Probleme der richtigen Verwendung der Maske, dem Unterschied zwischen freiwilligem Maskentragen und Maskenzwang, den potentiellen Nebenwirkungen vom Tragen (beispielsweise durch den extrem hohen Atemwiderstand von FFP2-Masken, der in psychovegetativen Nebenwirkungen oder Hyperkapnie-ähnlichen Zuständen resultieren kann), der generell fehlenden Differenzierung zwischen Maskentragen im medizinischen und gesellschaftlichen Kontext und der Gefahr eines zunehmend paternalistischen Staates, der sich immer mehr Macht im Leben des Bürgers erschleicht. Das alles muss in der Entscheidung „Masketragen oder nicht?“ beachtet werden.

Die Antwort auf diese Probleme kann jedoch nicht lauten: „Better safe, than sorry“. Sondern: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Es ist keine Solidarität, sich selbst zu vermummen, um andere Menschen zu schützen. In erster Linie hat jeder Mensch eine Eigenverantwortung, der er nachkommen muss. Es kann nicht sein, dass beispielsweise mein ungesundes Verhalten, welches ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Atemwegserkrankungen provoziert, durch meine Mitmenschen belohnt wird.

Zuerst sollte jeder vor seiner eigenen Tür kehren. Danach können wir über alle weiteren Maßnahmen sprechen. Auch solche, die nur tendenziell helfen.


Update: 4. Juli 2022: Studien zu Masken braucht es genauso wenig, wie Studien zu Fallschirmen

In der neuen Folge Anne Will haben sich vier Gäste zum Thema Bilanz der Corona-Politik ausgetauscht. Mit dabei (wer hätte es gedacht): Karl Lauterbach.

Wie immer hat sich Herr Lauterbach – angesprochen auf den eklatanten Personalmangel – zahlreicher logischer Irrtümer bedient, um seine Position zu verteidigen: so etwa der Deckmantel und das Rampenlicht.

Besonders interessant wird es aber, als er auf die Datastrophe / Datenwüste Deutschland angesprochen wird. Er zieht den Vergleich (der sich sehr ähnlich wie der von Stefan Huster anhört):

Es wurden noch nie placebo-kontrollierte Studien zu Fallschirmen gemacht, weil es einfach hochplausibel ist, dass sie funktionieren. Auf der anderen Seite ist es ebenso plausibel, dass Menschen, die in einem Raum sind, zur Musik tanzen und laut reden ein hohes Infektionsrisiko haben.

K.L., Anne Will, ab 39:00 Min

Natürlich werden hier wieder einmal Physik, Chemie, Soziologie, Psychologie, Biologie und im Grunde genommen alle Wissenschaften durcheinander geschmissen, so als ob es alles dasselbe wäre. Es fehlt hier also die notwendige Differenzierung, dass es gerade im biopsychosozialen Bereich nicht so kausale Zusammenhänge gibt, wie es erscheint. Das hat unter anderem auch die Human Challenge Study bewiesen: Selbst wenn jemandem aktiv Corona injiziert wird, heißt dies noch nicht, dass er sich auch infiziert hat.

Da gibt es nämlich so ein Phänomen, welches der moderne Gesundheitspolitiker fürchtet, wie Graf Dracula den Knoblauch: Das Immunsystem.

Die Pandemie der schlechten Vergleiche nimmt kein Ende…


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