Virutopia

Es ist dunkel. Das erste was ich höre ist eine lauter und greller Maschinenton, der immer im Abstand von 3 Sekunden auftritt. Einige Zeit später nehme ich eine tiefe männliche Stimme wahr: »Der Patient wird wach, das EKG schlägt aus. Sein Herzschlag beschleunigt sich.« Dann wendet sich die Stimme an mich: »Können Sie mich hören? Bitte antworten Sie und öffnen Sie langsam ihre Augen.«

Ich versuche meine Augen zu öffnen und nehme erste Lichtstrahlen wahr. Zuerst wirkt alles noch verschwommen, dann wird das Bild klarer: Ich bin in einem weißen Zimmer, welches durch Jalousien verdunkelt wird. In meinem Arm befindet sich die spitze Nadel einer Kanüle. Obwohl ich vermutlich mit Schmerzmitteln vollgepumpt bin, spüre ich den schmechenden Schmerz der Nadel deutlich. Langsam wird es mir bewusst: Ich bin im Krankenhaus. 

Aber etwas ist merkwürdig: Die beiden Ärzte, von denen ich stark hoffe, dass sie Ärzte sind, stehen in Schutzkleidung vor mir: Gummianzug, Handschuhe, Schutzhelm. Sie sehen aus, als würden sie sich auf eine Expedition in einen hochgiftigen Sumpf vorbereiten. Es scheint mitten am Tag zu sein und die Sonne scheint, denn auch wenn die Jalousien des Krankenhauszimmers heruntergezogen sind, treffen einige Lichtstrahlen auf den Helm der Schutzkleidung und reflektieren diesen, sodass ich das Gesicht der Ärzte nicht erkennen kann. Voller Verwunderung starre ich die beiden Gestalten an und hoffe, dass sie die Kleidung nur anhaben, um sich einen Scherz zu erlauben. 

Mein Magen fühlt sich flau an.

Die Stimme, die mich gebeten hat, die Augen zu öffnen, stammt von einem Mann, genauer gesagt scheint der Mann links von mir zu stehen. Ich schaue nach rechts und schließe von der Körperhaltung darauf, dass die rechte Gestalt in Schutzanzug eine Frau ist. Die Frau fängt an mit mir zu reden:

»Wissen Sie, wo sie sind?«

»Im Krankenhaus?«, entgegne ich. Auch wenn man es schon weiß, so ist das Aussprechen immer noch mal schlimmer, als es nur zu denken. Denn dann muss man es akzeptieren und kann es vor sich selbst nicht mehr leugnen. »Richtig. Was ist das Letzte, woran sie sich erinnern können?« fragte mich die Ärztin.

Ich schwieg für eine Weile, unfähig mein Unglück zu realisieren. Ich antwortete: »Ich war auf dem Weg in mein Büro… Habe ich dort einen Unfall gehabt?«

Der andere Arzt übernahm wieder: »Ja, sie sind in einen Autounfall verwickelt gewesen. Es war nicht ihre Schuld. Sie waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Derjenige, der Schuld am Unfall hatte, ist im Gegensatz zu Ihnen mit weniger Schaden davongekommen. Sie hingegen…«

Der Arzt zögerte. »Was?«, fragte ich. »Sie lagen etwa 12 Jahre im Koma. Wir hatten kaum noch Hoffnung, dass sie überhaupt aufwachen. Wir sind froh, dass Sie nun wieder hier bei uns sind.«

Stille.

Das war einer dieser Momente, in der sich die Zeit merkwürdig plastisch vorkommt. Als ob die Welt auf dem Kopf stehen würde. Oder, als ob ich unfähig wäre, einfachste Worte zu verstehen – dabei hatte ich jedes Wort verstanden, ich konnte es nur nicht realisieren.

»12 Jahre?!«, platzte es aus mir heraus. 

»Ich weiß, es ist schwierig zu verarbeiten«, sagte der Arzt, »aber je früher sie damit anfangen…«. Da unterbrach ihn die Ärztin und meinte: »Nehmen sie sich so viel Zeit dafür, wie sie brauchen. Es ist nicht leicht und wir versuchen sie dabei zu unterstützen, wo wir können.«

Für einen Moment tat ich dies als schlechten Scherz ab. Niemand liegt 12 Jahre lang im Koma. Ich meine, irgendwann werden doch einfach die Maschinen abgeschaltet. Und immerhin stehen die Ärzte hier noch nicht einmal in Person vor mir, sondern versteckten sich hinter ihrer Schutzkleidung. Das ist lächerlich. Als ob ich die Pest hätte. Die Ärzte spürten mein Unbehagen und auch, wenn ihr ihre Mimik nicht durch die Schutzkleidung sehen konnte, erkannte ich die Verlegenheit der Ärzte. 

Dann siegten meine Zweifel und mein Verstand über meine Hoffnung. Ich sagte den Ärzten, ich wolle alles wissen: Welches Jahr wir haben, was in der Zwischenzeit passiert ist, wie es meiner Familie geht usf. Die Ärzte versicherten mir, ich würde alles erfahren. Zu meinem Schutz dürfe ich meine Familie erst in ein paar Tagen sehen. Doch ich würde Unterstützung von einem Psychiater erhalten, der mich schon am nächsten Tag besuchen würde. Nun bräuchte ich erst mal etwas Ruhe. Soll mir nur Recht sein. Auch wenn ich warten hasse, so hasse ich es noch mehr mit Figuren aus Among Us zu sprechen.

Abgesehen von meinem geistigen Ausnahmezustand und meiner Verwirrtheit ging es mir gut. Ich war schon immer recht anpassungsfähig gewesen. Meine Erinnerungen waren bis auf den Unfall vorhanden. Soweit ich es beurteilen konnte, waren auch sonst alle kognitiven Fähigkeiten vorhanden. Es waren keine Wunden mehr vom Unfall auf dem Körper zu sehen, allerdings sind in der Zwischenzeit meine Muskeln atrophiert, sodass ich in den nächsten Wochen ein intensives Aufbautraining absolvieren musste, um wieder laufen und meine anderen Muskeln beanspruchen zu können. Außerdem wurden noch einige Tests mit mir durchgeführt, inwiefern ich sonst körperlich oder kognitiv eingeschänkt war. Das Körperliche wieder geradezubiegen war vermutlich auch nicht das Problem. Viel schwieriger war es wohl, sich von dem Schock zu erholen. In einer falschen Zeit aufzuwachen bedeutete, dass sich meine Familie, Freunde und Mitmenschen verändert hatten und ich meine Wohnung verloren hatte. Ich hatte 12 Jahre an Lebenszeit verloren, geschweige denn von den Ereignissen, die sich in der Zwischenzeit ergeben hatten und die ich verpasst hatte. Die sich nun einstellende Traurigkeit war für mich ein Produkt aus dem Verlust an Lebenszeit und Lebensqualität. Ich war inzwischen gealtert und meine Vitalität hat sich extrem gemindert. Und auch wenn ich mich in der Zeit nach dem Aufwachen elendig fühlte und in Selbstmitleid versank, so wusste ich doch, dass ich mich davon erholen würde. Aber ich weiß nicht, ob mein Psychiater dabei eine so große Hilfe war.

»Erzählen sie mir alles, was nach meinem Unfall passiert ist.«, überging ich hektisch die freundliche Begrüßung des Psychiaters. Ich ignorierte einfach Mal, dass er ebenso wie die anderen Ärzte in diesem Krankenhaus Schutzkleidung trug. Immerhin konnte ich sein Gesicht durch den Schutzhelm sehen, meine Augen waren wieder besser geworden und das Licht blendete nicht mehr so sehr. Auf seinem Schild stand: Dr. Lachmit.

Dr. Lachmit runzelte die Stirn und überlegte vermutlich, wo er anfangen sollte. »Wie sie sicherlich noch wissen, John, war Ihr Unfall im September 2018. Heute ist der 21. August 2030. Ihrer Familie geht es gut, Sie waren lange Zeit besorgt um Sie, wurden aber informiert, dass Sie aufgewacht sind und freuen sich, sie in den nächsten Tagen wiederzusehen.« Ich stieß einen Seufzer aus. »Immerhin das«, dachte ich mir. Ich wusste, dass sie in der Zwischenzeit vermutlich die Hoffnung aufgegeben hatten. Aber ich konnte es Ihnen nicht verdenken. »Und was ist sonst passiert?«, fragte ich. »Warum läuft hier jeder in Schutzkleidung herum, ist Ebola ausgebrochen?«

Dr. Lachmit lachte: »Gott sei dank nicht das auch noch.« Dann wieder Stille. Ich sah ihn fragend an. Er merkte, dass er nicht um diese Antwort herum kam. Auch er seufzte jetzt und schilderte mir die Entwicklung der letzten Jahre.

»Ende 2019 ist das sogenannte SARS-CoV-2-Virus in China ausgebrochen, oder wie jeder es inzwischen nur noch nennt: das Corona-Virus. Wenn sie mich fragen, ist die Bezeichnung etwas irreführend, da es viele Coronaviren gibt, aber wie dem auch sei. Seit dem Ausbruch hat sich die Welt ganz schön geändert. Einige Zeit lang versuchten die Regierungen der Welt die Verbreitung des Virus mit verschiedenen Lockdowns zu begrenzen. Dies hat zu einer erheblichen Anzahl an sozialen und psychologischen Schäden in der Gesellschaft geführt, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Existenzen, die vernichtet wurden. Dennoch war die Mehrheit der Gesellschaft für diese Maßnahmen.

Im Jahr 2022 kam es dann zu einem erheblichen Anstieg an Toten. Keiner weiß so genau warum. Manche sagen, die Regierungen hätten einen Weg gefunden, das Virus schlimmer aussehen zu lassen, als es ist. Andere sagen, dies sei durch die Impfung entstanden. Wieder andere sagen, dass die langfristigen Schäden („Long-Covid“) einer Infektion mit dem Corona-Virus daran Schuld seien. Was genau die Ursache ist, weiß niemand so genau.

Die offizielle Version ist, dass das Corona-Virus die Gesellschaft vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Diese Herausforderungen könnten noch Jahrzehnte dauern und die Regierung tue alles dafür, um diese Herausforderungen zu meistern. Genauer spezifiziert wird es nicht. Der Bevölkerung reicht es jedenfalls. Seitdem verbringen die Menschen den Großteil ihres Tages zu Hause, mehr noch, als vor dem Corona-Virus. Lebensmittel bringen Drohnen nachhause. Die herkömmliche Arbeit haben bis auf einige wenige Ausnahmen Maschinen übernommen. Die Menschen arbeiten nun Vollzeit im Home-Office. Immerhin wird den Menschen eine Stunde am Tag gewährt, um draußen Spazieren zu gehen. Treffen dürfen sie sich nur über Social Media. Haushaltsfremder Kontakt ist genau wie Sport jedoch verboten, da dies die Verbreitung des Corona-Virus fördern soll. Durch die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes im Jahr 2022 hat die Regierung auch die rechtliche Befugnis, dies durchzusetzen. Verstöße werden mit Freiheitsstrafen in Isolation verbüßt.«

Dr. Lachmit sah mich schweigend an. Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. »Es ist nicht unbedingt eine Dystopie«, sagte Dr. Lachmit, »aber lebenswert ist es auch nicht unbedingt… Wir nehmen es jedenfalls hin, weil wir wissen, dass es für eine gute Sache ist. Das sollten sie auch. Was du vielleicht noch wissen solltest: Versuche keinen Ärger zu machen. Jeder, der seinem Frust in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit freien Lauf gegeben hat, wurde von den Medien und Regierungen als asozial und unsolidarisch diffamiert. Friedlicher Protest ist erlaubt, begrenzt sich aber auf Kommentare in Internet-Plattformen von Zuhause aus, bei denen der Upload-Filter dafür sorgt, dass keine überscharfe Kritik oder Beleidigungen veröffentlicht werden. Kanäle müssen sich an die Richtlinien zur Meinungsfreiheit halten, sonst werden sie gebannt.

Du wirst dich nach deinem Krankenhausaufenthalt unverzüglich in dein Appartement begeben. Deine Familie hatte es in der Zwischenzeit untervermietet. Ich habe mit deiner Mutter per Telefon gesprochen, sie meint, du kannst nach deinem Aufbautraining wieder dort einziehen. Mehr wirst du von deiner Familie erfahren.

Kann ich dir noch irgendwie behilflich sein? Hast du Fragen? Wir haben nicht mehr allzu viel Zeit.«

Nein, ich hatte eigentlich keine Fragen. Oder besser gesagt, ich wollte nicht nachfragen. Ich wollte ehrlich gesagt aufwachen, wie aus einem Albtraum. Dr. Lachmit hatte recht. Eine solche Welt ist nicht wirklich lebenswert. Aber was tun? Alternativen gibt es auch nicht, oder? Ich konnte schließlich nicht einfach wegrennen. Weder körperlich, noch geistig. Es schwirrten so viele Gedanken in meinem Kopf umher. Zu viele, als ich im Stande wäre, alle gleichzeitig zu verarbeiten. 

»Ja, ich würde gerne noch etwas wissen.«, sagte ich zu Dr. Lachmit. 

»Bitte.«

»Wie viele Menschen sind denn an dem Virus gestorben? Und was halten sie davon?«

»Nun, eine genaue Zahl kennt niemand. Inzwischen ist nur noch die Inzidenz bekannt, welche laut Regierung konstant >250 liegt. Bis 2021 sollen etwa 100.000 Menschen an dem Virus gestorben sein. Ab 2022 wurde eine Politik fokussiert, die die Fallsterblichkeit und Todesfälle ausschließt und lediglich die 7-Tage-Inzidenz zentriert. Viele Wissenschaftler waren sich zum damaligen Zeitpunkt einig, dass dies eine gute Lösung darstellen wird. Was ich persönlich davon halte… Nun, mir steht eine Meinung nicht zu. Ich bin lediglich Psychiater. Das überlasse ich den Virologen und Epidemiologen. Wie bereits gesagt, ich denke, wir tun das Richtige.« Dann schaute Dr. Lachmit auf die Uhr, verabschiedete sich mit einem: »Ich muss zum nächsten Patienten.«, und huschte aus dem Krankenhauszimmer. Und ich war wieder allein.

Die nächsten Tage verbrachte ich in Einsamkeit. Bis auf den automatischen Servierservice, der mir mein klinisches Krankenhaus essen brachte, bekam ich niemanden zu Gesicht. Ich hatte viel Zeit, mir Gedanken über das Virus zu machen, über das alle sprachen. Zu einer Meinung kam ich jedoch nicht. Dafür wusste ich zu wenig.

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