Wann endet unsere Intoleranz?

Ich sage es immer wieder: Wir leben in einem sehr verwirrenden Zeitalter. Es scheint so, als ob jeder die Wahrheit kennen würde und dennoch falsch liege. Jeder verbreitet Informationen, aber kaum jemand hat die Zeit, diese Informationen zu überprüfen. Dazu fehlt es sowohl an Zeit, als auch an relevanten Vorerfahrungen und dem eigenen Bauchgefühl.

In der allgemeinen Medienlandschaft ist es auch schlichtweg ein wenig wie im Mittelalter – wir sehen Methoden der Diffamierung, Stigmatisierung und Skandalierung, die dazu dienen, Menschen zu verleumden, die eine alternative Meinung besitzen.

Insofern unterscheiden wir uns auch bis auf die angewandten Methoden gar nicht so sehr von der mittelalterlichen Hexenjagd. Möglicherweise verbrennen wir die Andersdenkenden nicht mehr, aber in vielen Fällen verlieren sie ihren Job, was einem Todesurteil gleichkommen würde, wie auch der bekannte deutsche Physiker Hans-Peter Dürr bemerkte.

„Die Wissenschaft ist heute die Inquisition“.

Hans-Peter Dürr

Insofern hat die ursprünglich der Freiheit und Wahrheit verpflichtete Wissenschaft heute die Rolle der Religion eingenommen. Ein Wissenschaftler, der nicht dem allgemeinen Konsens der Wissenschaft folgt, wird belächelt und teilweise sogar aus der wissenschaftlichen Community ausgestoßen. Dabei waren es immer die Querdenker in der Wissenschaft, die für Umbruch und Fortschritt gesorgt haben. Wie sollte sonst auch ein Umdenken entstehen, wenn nicht durch die Akzeptanz, dass die vorherrschenden wissenschaftlichen Theorien nicht ausreichend sind und es womöglich auch niemals sein werden, um die Wirklichkeit zu erklären?

Genauso ist es auch in Politik und Gesellschaft. Was, wenn die Demokratie nicht mehr ausreichend ist und stattdessen eine Reform benötigt werden würde, um die neu entstehenden Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen? Was, wenn die Politiker einen fatalen Job in der Krise erledigen? Was, wenn die Intoleranz langsam aber sicher die Oberhand gewinnt und alle Probleme manifestiert, die sich seit Jahrzehnten in uns einbrennen, anstatt, dass die Toleranz unsere Probleme löst?

Einige Beispiele für die Intoleranz des aktuellen Geschehens:

  • Markus Söder spricht von einer Impfpflicht für Pflegepersonal – dies entspricht dem Zwang, der durch die Intoleranz über die aktuellen gesellschaftlichen Zustände geprägt wird. Gleichzeitig warnt er vor einer Terrorzelle, die durch Protestgruppen gegenüber der aktuellen Politik entstehen. Na, wie kommt denn das?
  • Wissenschaftler wie Sucharit Bhakdi, einst wegen seiner Dienste in der Erforschung des Immunsystems geschätzt, werden nun von „faktencheckern“ als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Der Höhepunkt: Der Schmähpreis „Goldenes Brett vorm Kopf“ wird Sucharit Bhakdi verliehen. Das Prof. Dr. Bhakdi gleichzeitig auch den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz trägt, wirkt ironisch.
  • Ein Zahnarzt aus Bayern droht mit Gehalts-Aus bei Verweigerung von Corona-Impfung – Kritische Abwägung scheint unerwünscht.
  • Auf die Frage des Journalisten Boris Reitschuster, warum die WHO-Studie von Stanford-Professor Ioannidis nicht in der Politik beachtet werde und welche Studien die aktuelle Lockdown-Politik rechtfertigen, geht die Sprecherin auf der Bundespressekonferenz überhaupt nicht ein (auch nicht nach Rückfrage).
  • Stichwort Cancel Culture: Immer mehr Kabarettisten (wie etwa Lisa Eckhart) werden wegen ihrer „Political Incorrectness“ von Veranstaltern ausgeladen.
  • Karl Lauterbach wird der Apokalyptiker der Jahre 2020 und 2021. Er spricht von 250.000 Toten ohne Maßnahmen. Solche offensichtlich unwissenschaftlichen Aussagen (s. Schweden verhängt keinen Lockdown oder Maskenpflicht und haben trotzdem kein exponentielles Wachstum) führen weiter in die Spaltung, Zwietracht und Intoleranz.

Ich verstehe aber auch die Schwierigkeiten, in denen sich die Politiker aktuell befinden. Bei denen sie alles rechtfertigen müssen, was sie tun. Und falls sie sich mal geirrt haben sollten, dass sie dies auch nur ungern öffentlich kenntlich machen würden. Aber dies bleibt unerlässlich, wenn wir uns eine funktionierende Demokratie in Deutschland nennen wollen. Andernfalls sind wir bestenfalls eine sich selbst erhaltende Wahl-Oligarchie, wie der emeritierte Prof. Dr. Rainer Mausfeld die Politik nannte.

Ich denke, dass wir 2021 an einen Punkt angelangt sind, an dem wir mit unserem Denken nicht mehr weiterkommen. Es gibt so viele Probleme, die sich in den letzten Jahrzehnten bis Jahrhunderten in unser Denken eingebrannt haben, dass wir entweder ein komplettes Umdenken brauchen oder gar nicht mehr Denken sollten. Etwas ähnliches berichtete auch der Philosoph Alan Watts 1971.

Wir verstehen alles durch Zahlen und Buchstaben, aber was, wenn dies nicht ausreicht?

Wenn diese Kommunikationssysteme nicht ausreichen, um die Welt zu erklären und zu verändern? Und was, wenn die Welt schon gut so ist, wie sie ist?

Vielleicht müssen wir gar nicht ständig etwas verändern und umbauen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns ändern?

Sobald diese Einsicht entsteht, dass alles gut so ist, wie es ist, tritt Entspannung ein. Diese Entspannung lehrt uns, dass wir alles haben, was wir brauchen. Sie lehrt uns, dass wir nicht immer noch mehr nehmen müssen, sondern auch etwas zurückgeben können – und, dass dies sogar noch wohltuender ist, als nur zu nehmen.

Der deutsche Psychiater Erich Fromm hat mit seinem Buch Haben oder Sein? (1976) einen ersten Wink mit dem Zaunpfahl unternommen. Seine Konsum- und Gesellschaftskritik beruht im Grunde genommen auf der Verschiebung der menschlichen Bedürfnisse vom Sein in Richtung des Habens (eine Entwicklung, die in den fernöstlichen Ländern genau entgegengesetzt zu sein scheint). Das Ungleichgewicht zwischen Haben und Sein bringt somit nach seinen Beobachtungen eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen hervor.

Nun wird diese Einstellung Fromm’s nachdenklich machen. Vor allem, wenn man selbst beginnt die Gestik und Mimik von Personen in der Öffentlichkeit zu studieren. Dies führt zur Erkenntnis, dass all der Wohlstand und auch die Technologie uns nicht glücklicher machen. Womöglich führt dies sogar zur Erkenntnis, dass wir uns darin verlieren.

Letztlich könnten wir als Gesellschaft sogar feststellen, dass wir den eigentlich Sinn des Lebens verfehlt haben: Zwischenmenschlichkeit, Liebe, Transzendenz. Und wir haben diese Werte durch Ungleichheit, Intoleranz und Internet/Technolgie ersetzt.

Wo wollen wir also hin?

Das kann jeder nur für sich selbst wissen. Einen Anstoß hierzu kann der einfühlsame Naturphilosoph Jochen Kirchhoff liefern. Sein Studium der Wissenschaftsgeschichte machen ihn zu einem wertvollen Denker, der einem wertvolle Impulse liefern kann, wenn man denn nur zuhören kann.

Und zuhören zu können, das ist eine Kunst. Eine Kunst, die vielleicht ein wenig mehr Toleranz in die Welt bringen kann.

Herzlich
Tristan

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