Gute Berater, schlechte Berater

Heute mal ein etwas praktischerer Beitrag. Man stelle sich vor, dass man selbst ein Problem hat und nun nach einem Berater oder Therapeuten sucht. Was gilt es zu beachten? Wer darf wie behandeln?

Abgrenzung zwischen Beratung & Therapie

Bei der Beratung handelt es sich lediglich um ein Gespräch mit präventivem Charakter. Der Berater darf somit keine therapeutischen (von der Krankheit heilenden) Ziele verfolgen, sondern lediglich durch Gespräche und Beratungen die Gesundheit stärken. Der Therapeut hingegen darf auch Kranken zur Seite stehen. Welche Maßnahmen der Therapeut treffen darf, ist im Gesetz festgelegt.

Rechtliche Grundlagen

Beratungen sind durch allgemeine gesetzliche Rahmenbedingungen festgesetzt. Hierbei unterscheiden sich die Bedingungen für den jeweils auszuübenden Therapeuten. Vereinfacht dargestellt, dürfen psychologische Berater gesunden Menschen Lebenshilfe und Ratschläge (z.B. in sozialen Konflikten, Lebenskrisen etc.) anbieten, ihnen ist jedoch das Recht verwehrt auch Kranke (bzw. mit einer Krankheit nach DSM-5/ICD-10 diagnostizierte Menschen) zu therapieren. Hierbei benötigt der Therapeut eine staatliche Zulassung. Eine solche kann durch das Bestehen der Heilpraktiker-Prüfung und der damit einhergehenden Erlaubnis durch das Heilpraktikergesetz (HPG) erfolgen.[1]

Eine erweiterte Zulassung zur Ausübung der Psychotherapie besitzen studierte Psychotherapeuten. Im Gegensatz zu den Heilpraktikern sind die Lerninhalte tiefgehender, länger und umfangreicher. Die Abrechnung der Tätigkeit des studierten Psychotherapeuten wird durch die Approbation von gesetzlichen und privaten Krankenkassen übernommen. Somit muss der Patient seine Leistung nicht selbst bezahlen. Die Deutsche Heilpraktikerschule gibt zudem an, dass manche private Krankenkassen auch die Leistung eines Heilpraktikers übernehmen. Dies umschließt jedoch meistens einen bestimmten Leistungskatalog wie Akupunktur, Homöopathie oder Osteopathie.[2]

Für studierte Psychotherapeuten gilt folgender Leistungskatalog an Erkrankungen, die von Krankenkassen übernommen werden: Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, psychosomatische Störungen, Süchte, Verhaltensstörungen, Zwangsstörungen. Zudem müssen die Erkrankungen mit folgenden „wissenschaftlich-anerkannten“ Therapieformen behandelt werden: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, analytische Psychotherapie („Psychoanalyse“), Systemische Therapie, EMDR innerhalb eines Richtlinienverfahrens bei Erwachsenen zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (seit Januar 2015).[3]

Außerdem gibt es noch eine wichtige Abgrenzung von Psychotherapeuten zu Psychiatern. Psychiater haben Medizin studiert und sind somit anerkannte Ärzte. Sie dürfen nicht nur den Patienten in klassischer Gesprächstherapie behandeln, sondern auch Medikamente verschreiben. Psychotherapeuten dürfen bzw. können keine Medikamente beschreiben, da sie Psychologie studiert haben und somit keine zugelassenen Ärzte sind. Das Spannungsfeld zwischen Psychotherapeuten und Psychiatern ist gerade in ethischer Hinsicht (z.B. ab wann sollte ein Mensch Medikamente zur Behandlung seiner Erkrankung erhalten?) stark diskutiert.

Egal ob Psychologischer Berater, Heilpraktiker, Psychotherapeut oder Psychiater: die primäre Aufgabe eines Therapeuten ist die Begleitung des Patienten zur Erarbeitung von souveränen Lösungen in der aktuellen Lebenssituation. Hierfür ist nicht nur ein umfangreiches und anwendbares Fachwissen notwendig, sondern auch die Kenntnisse der gesetzlichen Rechte und Pflichten und die ethischen Prinzipien eines Therapeuten. 

Die wichtigsten ethischen Leitlinien[4]

  1. Kompetenz: ein Psychologe steht in der Pflicht, sein Fachwissen stets zu erweitern, um dem Klienten bestmöglich zu behandeln und möglichen Schaden zu minimieren. 
  2. Achtung vor Recht und Würde des Menschen: ein Psychologe respektiert er das Recht auf Privatsphäre, Vertraulichkeit, auf Selbstbestimmung und Autonomie des Patienten.
  3. Verantwortung: Psychologen sind sich ihrer professionellen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Verantwortung gegenüber ihren Klienten bewusst. Psychologen sind für ihr Handeln verantwortlich und stellen soweit wie möglich sicher, dass ihre Dienstleistungen nicht missbraucht werden.
  4. Integrität: Psychologen setzen sich für die Förderung der Integrität in Wissenschaft, Lehre und Praxis der Psychologie ein. Sie verhalten sich bei diesen Tätigkeiten ehrlich, fair und respektvoll gegenüber Anderen. Sie streben gegenüber den Betroffenen eine Klärung ihrer Berufsrollen an und handeln in Übereinstimmung mit diesen Rollen.

Grundwissen

Grundwissen

Als Berater/in und Therapeut/in gibt es gewisse Kompetenzen, die grundsätzlich nachgewiesen werden können sollten. Denn nur so kann auch ein hoher Standard aufrechterhalten werden. Welche Kompetenzen dies genau sind, hängt von der jeweiligen Ausbildung ab. Wichtig und für jede Beratung/Therapie von Nutzen sind die Themen Stress, Täuschung und allgemeine Gesprächstherapie.

Stress

Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Definitionen über Stress, dessen Ursache und Auswirkungen auf Körper und Geist.[5]Dies liegt unter anderem auch an der Vielzahl an wissenschaftlichen Disziplinen, die die Stresstheorie inzwischen abdeckt: Biochemie, Psychoneuroimmunologie, Psychoneuroendokrinologie uvm. Außerdem gibt es inzwischen eine Vielzahl an Studien, die Stress als primäre Ursache von Zivilisationserkrankungen ansehen und damit die Bedeutung des Themas unterstreichen.[6]

Eine für jeden Menschen leicht verständliche und auf den Alltag anwendbare Ansicht ist dabei Folgende[7]: Stress ist weder gut noch schlecht. Stress wird sowohl durch zu bewältigende Herausforderungen induziert, als auch durch nicht zu bewältigende Herausforderungen. Ob die Herausforderung zu bewältigen ist, liegt in der Perspektive, Anpassungsfähigkeit und den Kapazitäten des Herausgeforderten. Je nachdem, wie die Herausforderung interpretiert wird, entstehen Auswirkungen auf biochemisch-messbarer Ebene und sorgen für Adaption oder Kompensation der Erfahrung. Der Berater/Therapeut kann als Unterstützung fungieren, um dem Patienten eine neue Perspektive zu geben, die Anpassungsfähigkeit zu erhöhen oder die Kapazitäten zu überdenken, um die negativen Auswirkungen von chronischem Stress (z.B. Übergewicht, Unzufriedenheit etc.) zu kompensieren. Außerdem kann der Berater/Therapeut Einblicke in die Funktionsweise von Stress auf biochemischer und psychologischer Ebene geben, damit dem Klienten/Patienten die Ursache und Auswirkungen seines Verhaltens (als Auslöser des Stressreizes) klar wird. Durch das Verständnis der Verbindung von Stress zwischen Körper und Geist, kann der Klient/Patient seine Perspektive eigenständig verändern und seine Anpassungsfähigkeit (Resilienz) erhöhen.[8]

Weiterführendes: Olszweski, Horst (1993). Stress abbauen und Konflikte bewältigen. Deutsche Polizeiliteratur (3. Auflage).

Täuschung

Um Menschen zu beraten oder zu therapieren, kann es hilfreich sein Lügen, Täuschungen oder Manipulierungsversuche zu erkennen. Gerade in bestimmten Erkrankungsgruppen treten solche Versuche häufiger auf (z.B. starke Ausprägungen von Borderline, Bipolarität, Angsterkrankungen o.ä.). In der systemischen Beratung und bei psychologischen Beratungen tritt dies seltener auf, kann jedoch nicht ganz ausgeschlossen werden.

Zur Früherkennung und Hilfe des Klienten/Patienten, aber auch zum Schutz des Beraters/Therapeuten, sind bestimmte Methoden hilfreich, die Lügen, Täuschungs- und Manipulationsversuche sichtbar machen.

Non-verbale Kommunikation: Durch Mikroexpressionen (z.B. Gesichtsausdruck) und bestimmte Bewegungen lassen sich Lügner identifizieren. Hierfür ist reichlich Übung notwendig, da nach Camilleri etwa nur 50 von 20.000 Menschen in der Lage sind unpassende Verhaltensweisen in der Kommunikation zu identifizieren.[9]
Paul Ekman konnte in seinen Untersuchungen sechs verschiedene Gesichtsausdrücke identifizieren (Freude, Furcht, Wut, Ekel, Überraschung, Traurigkeit), mit Hilfe derer man beispielsweise echtes von falschem Lächeln unterscheiden kann (einige Muskeln können beispielsweise nur schwer oder gar nicht freiwillig aktiviert werden wie etwa M.orbicularis oculi). Zur Stimulierung der Gefühlswelt ist in psychotherapeutischen Sitzungen die Erkennung von Gemütszuständen im Gesicht überaus wichtig. Manche Gefühle entstehen auch erst, wenn man den entsprechenden Gesichtsausdruck macht.[10]

Verbale Kommunikation: In der Regel wird versucht, die Lüge unauffällig als Wahrheit zu verkaufen. Daher sind Lügen auf verbaler Ebene nur zu erkennen, wenn es Fehler in der Erzählung gibt. Als Berater/Therapeut sollten daher bei Auffälligkeiten präzise Fragen gestellt werden oder aber der Klient/Patient sollte direkt darauf angesprochen werden. Verbale Auffälligkeiten können Themenwechsel, Wiederholungen, chronologische starre Erzählungen oder Beschönigungen sein.[11]

Weiterführendes: Ekman, Paul (1989). Weshalb Lügen kurze Beine haben. de Gruyter (Reprint).

Gesprächstherapie

Es gibt drei tragende Elemente, die beim Erfolg der personenzentrieren Gesprächstherapie nach Carl Rogers zu beachten sind.[12]

  • Kongruenz: Echtheit, Unverfälschtheit, und/oder Transparenz

Der Berater/Therapeut gibt sich offen und aufrichtig gegenüber dem Klienten/Patienten. Er tritt ihm somit ebenbürtig gegenüber und kann auch über seine eigenen Gedanken und Gefühlen sprechen. Die Beziehung von Mensch zu Mensch in nicht-hierarchischer Form trägt dazu bei, die Abwehrhaltung zu verringern und Lernerfahrungen zu ermöglichen.

Inkongruenz bzw. nicht authentisches Verhalten wird dem Klienten/Patienten sofort durch Gestik, Mimik und Tonfall auffallen.

„Es besteht also eine genaue Übereinstimmung oder Kongruenz zwischen dem körperlichen Empfinden, dem Gewahrsein und den Äußerungen gegenüber dem Klienten.“(Rogers, S. 67)18

  • Empathie: Einfühlendes Verstehen, echtes Mitgefühl gegenüber dem Klienten.

Durch die geforderte Distanz zwischen Psychotherapeut und Klient im Ethikcode4wird das Mitgefühl zum Spannungsfeld in der personenzentrierten Gesprächstherapie. Auf der einen Seite muss der Berater/Therapeut sich vor den Gefühlen des Klienten/Patienten schützen, um nicht übermäßigem Stress ausgesetzt zu sein, auf der anderen Seite ist der Klient/Patient auf jemanden angewiesen, der keine Hemmungen ihm gegenüber zeigt. Außerdem weist Rogers darauf hin, dass, um einen Klienten richtig verstehen zu können, man in der Beziehung zu ihm zuallererst einmal davon ausgehen muss, dass weder er – und noch weniger man selber – sich seiner gesamten inneren Welt bewusst ist. 

  • Bedingungslose positive Zuwendung: Akzeptieren, Anteilnahme & Wertschätzung des Klienten/Patienten in seiner Situation

Der Berater/Therapeut muss dem Klienten/Patienten in seiner Situation nicht zustimmen, nimmt dessen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken (somit seine komplette Innenwelt) jedoch wert- und vorurteilsfrei an. Es geht in der Beratung/Therapie somit auch nicht um subjektive Empfehlung/Beeinflussung, sondern um die Begleitung eines Menschen zu seinem individuellen Wohl.

Ich hoffe, dass du einiges lernen konntest.

Hier findest du mehr zu meinen Beratungsleistungen.


Literaturverzeichnis

[1]Butler G. (1993). Definitions of stress. Occasional paper (Royal College of General Practitioners), (61), 1–5.

[2]Mariotti A. (2015). The effects of chronic stress on health: new insights into the molecular mechanisms of brain-body communication. Future science OA, 1(3), FSO23. https://doi.org/10.4155/fso.15.21

[3]Tristan Nolting (2020). Zusammenhang zwischen Aspekten der Achtsamkeit und Übergewicht. Bachelorarbeit der Fachhochschule Münster.

[4]Salleh M. R. (2008). Life event, stress and illness. The Malaysian journal of medical sciences : MJMS15(4), 9–18.

[5]Camilleri, J. (2009). Truth Wizard knows when you’ve been lying. Chicago Sun-Times.

[6]Michaela Haas (2010). „Mir entgeht kein Gesichtsausdruck“ Süddeutsche Zeitung. Abgerufen am 7. September 2020, von: https://www.sueddeutsche.de/wissen/ein-luegenexperte-im-interview-mir-entgeht-kein-gesichtsausdruck-1.471158-0

[7]Vrij, A., Leal, S., & Fisher, R. P. (2018). Verbal Deception and the Model Statement as a Lie Detection Tool. Frontiers in psychiatry9, 492. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2018.00492

[8]Rogers, Carl (1993). Die klientenbezogene Gesprächstherapie. Fischer TB.

[9]Pro Psychotherapie e.V. Psychologen und Heilpraktiker. Therapeuten mit Erlaubnis zur Psychotherapie nach Heilpraktikergesetz (HeilprG) Abgerufen am 7. September 2020, von https://www.therapie.de/psyche/info/fragen/wichtigste-fragen/psychotherapie-heilprg/

[10]Deutsche Heilpraktikerschule (2020, 13. April). Welche Krankenkassen übernehmen die Kosten für Alternative Heilmethoden? Abgerufen am 7. September 2020, von https://deutsche-heilpraktikerschule.de/krankenkassen/

[11]Pro Psychotherapie e.V. Was bezahlt die Krankenkasse? Krankheitswert und bezahlte Behandlungsmethoden. Abgerufen am 7. September 2020, von https://www.therapie.de/psyche/info/fragen/wichtigste-fragen/was-bezahlt-die-krankenkasse/

[12][iv]Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. und Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V. (2016). Berufsethische Richtlinien.

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